31.01.2026 - Warum die internationale Ordnung zerfällt
Patrick Kaczmarczyk:
Die globale Ordnung steht vor einem historischen Bruch. Während westliche
Staaten an überholten Dogmen festhalten und ihre eigenen Regeln zunehmend
selektiv auslegen, fordert der Globale Süden Mitsprache und Gerechtigkeit ein.
Patrick Kaczmarczyk zeigt in seinem neuen Buch „Zerfall der Weltordnung“, wie
marktliberale Ideologien, neokoloniale Strukturen und massive wirtschaftliche
Ungleichgewichte über Jahrzehnte Entwicklung verhinderten. Und warum der Frust
vieler Länder heute berechtigt ist. Für alle, die verstehen wollen, wie sich die
Machtverhältnisse verschieben – und was das für die Zukunft der Welt bedeutet.
Die internationale Ordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden
ist, gerät sichtbar unter Druck. In westlichen Debatten wird dieser Prozess
häufig als Folge externer Schocks beschrieben: der Aufstieg Chinas, neue
geopolitische Rivalitäten, autoritäre Gegenmodelle. Diese Perspektive greift zu
kurz. Die Probleme liegen – aus ökonomischer Sicht – weniger außerhalb des
Systems als in seiner inneren Architektur.
Die internationale
Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit war von Beginn an ungleich konstruiert.
Die Handelsbedingungen begünstigten die USA und Westeuropa, die hochwertige
Industriegüter produzierten, die die Länder des Globalen Südens importieren
mussten. Gleichzeitig wurden die Rohstoffe, die der Süden exportierte, weiterhin
billig und oft von westlichen Konzernen vor Ort abgebaut. So blieb die
grundlegende Struktur von „Zentrum und Peripherie“ bestehen. Die Möglichkeit,
durch gezielte Industriepolitik und Protektionismus eine strukturelle
Transformation zu fördern, war für die Entwicklungsländer begrenzt.
Zwar
ermöglichte dieses System über Jahrzehnte globales Wachstum – insbesondere im
Vergleich zu den Jahrzehnten nach der Liberalisierung der Kapitalmärkte und des
Welthandels –, doch der Verteilungseffekt blieb dennoch unausgewogen. Ein
breiter und nachhaltiger Aufholprozess fand nämlich nicht statt. Mit der
Verbreitung neoliberaler Ideen und wirtschaftspolitischer Maßnahmen in den
1970er und 1980er Jahren verschärfte sich die Lage für viele Länder des globalen
Südens: das Wachstum ging zurück, eine weitgehende Stagnation setze ein. Nur
einige asiatische Ökonomien vermochten es, sich den gängigen Spielregeln der
Weltwirtschaft zu entziehen und sich zu entwickeln – und aufgrund der hohen
Bevölkerungsanzahl überstrahlt dieses Wachstum die Erfolgsgeschichten der
Globalisierung, die die wirklich global waren.
Hinzu kommt, dass die Ordnung
nie strikt regelgeleitet war. Formell berief man sich auf universelle
Prinzipien, faktisch wurden diese abhängig von politischer Macht angewendet.
Handelsregeln, Sanktionen, militärische Interventionen oder völkerrechtliche
Standards folgten keinem einheitlichen Maßstab. Wie der kanadische
Premierminister Mark Carney zuletzt in Davos zugab: Solange die westlichen
Staaten als dominante Akteure fungierten und zentrale öffentliche Güter
bereitstellen konnten, fiel diese Inkonsistenz weniger ins Gewicht. Mit der
offenen Abwendung der USA von dieser Ordnung allerdings sind die Strukturen
nicht mehr tragfähig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die
Industrienationen – allen voran die USA – keinen Einfluss mehr hätten. Die
Dominanz bleibt gerade im Vergleich zum Anteil an der globalen Bevölkerung
erheblich. Besonders deutlich wird dies im internationalen Finanzsystem. Der
US-Dollar dominiert weiterhin den Welthandel und die globalen Kapitalmärkte.
Diese Dominanz ist weniger Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen als
Ausdruck struktureller Gegebenheiten: Größe und Liquidität der US-Finanzmärkte,
die Rolle der USA als sicherer Hafen und ihre geopolitische Stellung. Für viele
Länder des Globalen Südens bedeutet dies jedoch eine dauerhafte Abhängigkeit von
Dollarfinanzierung, insbesondere in Krisenzeiten.
Geraten diese Länder in
Zahlungsbilanzprobleme, bleibt ihnen meist nur der Rückgriff auf internationale
Kreditinstitutionen. Die dort verfolgten wirtschaftspolitischen Ansätze folgen
seit Jahrzehnten einem ähnlichen Muster: fiskalische Konsolidierung,
Liberalisierung und hohe Zinsen zur Stabilisierung der Währung. In der Praxis
führen diese Maßnahmen häufig dazu, dass öffentliche Investitionen
zurückgefahren werden und langfristige Entwicklungsziele in den Hintergrund
treten. Die wirtschaftliche Erholung bleibt fragil, neue Krisen sind
programmiert. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die wachsende Distanz
vieler Staaten des Globalen Südens zu westlich dominierten Institutionen. Die
Hinwendung zu alternativen Partnern, insbesondere zu China, ist weniger Ausdruck
ideologischer Nähe als pragmatischer Abwägung. Chinesische Finanzierungsangebote
kommen meist ohne detaillierte Reformauflagen aus und konzentrieren sich auf
Infrastrukturprojekte. Dass auch hier eigene Interessen verfolgt werden, ist
offensichtlich. Entscheidend ist jedoch, dass dieses Vorgehen von vielen
Regierungen als weniger eingreifend wahrgenommen wird.
Für Europa verschärft
sich die Situation durch eigene strukturelle Schwächen. Die Europäische Union
hat hohe binnenwirtschaftliche Potenziale, ist jedoch intellektuell in einem aus
der Zeit gefallenen Marktfundamentalismus gefangen und politisch fragmentiert.
In zentralen Fragen – Sicherheit, Energie, Technologie – bestehen hohe
Abhängigkeiten von den USA. Gleichzeitig fehlt eine abgestimmte Industrie- und
Außenwirtschaftspolitik, die diesen Abhängigkeiten systematisch begegnet.
Debatten über strategische Autonomie wurden lange Zeit abgewunken, zumeist mit
dem Verweis auf die Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft.
In einer
Welt, in der Machtverhältnisse im Fluss sind, erweist sich diese Passivität als
Risiko. Mittelmächte sind auf verlässliche multilaterale Strukturen angewiesen,
weil sie ihre Interessen nicht unilateral durchsetzen können. Wenn
internationale Regeln jedoch an Glaubwürdigkeit verlieren und zunehmend
machtpolitisch interpretiert werden, geraten gerade diese Staaten unter Druck.
Eine stabile internationale Ordnung wird sich unter diesen Bedingungen nicht von
selbst erneuern. Notwendig wären gezielte institutionelle Anpassungen, für die
die europäischen Mittelmächte Druck machen müssen: mehr Mitsprache für
Entwicklungs- und Schwellenländer, realistische Spielräume für Industriepolitik,
Mechanismen zur Begrenzung destabilisierender Kapitalflüsse. Die entsprechenden
Institutionen existieren bereits. Ob sie reformiert werden, hängt weniger von
ökonomischer Einsicht als von politischen Prioritäten ab. Ohne eine solche
Neujustierung dürfte die Erosion der bestehenden Ordnung weiter voranschreiten –
mit Folgen, die sich nicht auf einzelne Weltregionen begrenzen lassen.
31.01.2026 - Warum die internationale Ordnung zerfällt
Die globale Ordnung steht vor einem historischen Bruch. Während westliche Staaten an überholten Dogmen festhalten und ihre eigenen Regeln zunehmend selektiv auslegen, fordert der Globale Süden Mitsprache und Gerechtigkeit ein. Patrick Kaczmarczyk zeigt in seinem neuen Buch „Zerfall der Weltordnung“, wie marktliberale Ideologien, neokoloniale Strukturen und massive wirtschaftliche Ungleichgewichte über Jahrzehnte Entwicklung verhinderten. Und warum der Frust vieler Länder heute berechtigt ist. Für alle, die verstehen wollen, wie sich die Machtverhältnisse verschieben – und was das für die Zukunft der Welt bedeutet.
Die internationale Ordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, gerät sichtbar unter Druck. In westlichen Debatten wird dieser Prozess häufig als Folge externer Schocks beschrieben: der Aufstieg Chinas, neue geopolitische Rivalitäten, autoritäre Gegenmodelle. Diese Perspektive greift zu kurz. Die Probleme liegen – aus ökonomischer Sicht – weniger außerhalb des Systems als in seiner inneren Architektur.
Die internationale Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit war von Beginn an ungleich konstruiert. Die Handelsbedingungen begünstigten die USA und Westeuropa, die hochwertige Industriegüter produzierten, die die Länder des Globalen Südens importieren mussten. Gleichzeitig wurden die Rohstoffe, die der Süden exportierte, weiterhin billig und oft von westlichen Konzernen vor Ort abgebaut. So blieb die grundlegende Struktur von „Zentrum und Peripherie“ bestehen. Die Möglichkeit, durch gezielte Industriepolitik und Protektionismus eine strukturelle Transformation zu fördern, war für die Entwicklungsländer begrenzt.
Zwar ermöglichte dieses System über Jahrzehnte globales Wachstum – insbesondere im Vergleich zu den Jahrzehnten nach der Liberalisierung der Kapitalmärkte und des Welthandels –, doch der Verteilungseffekt blieb dennoch unausgewogen. Ein breiter und nachhaltiger Aufholprozess fand nämlich nicht statt. Mit der Verbreitung neoliberaler Ideen und wirtschaftspolitischer Maßnahmen in den 1970er und 1980er Jahren verschärfte sich die Lage für viele Länder des globalen Südens: das Wachstum ging zurück, eine weitgehende Stagnation setze ein. Nur einige asiatische Ökonomien vermochten es, sich den gängigen Spielregeln der Weltwirtschaft zu entziehen und sich zu entwickeln – und aufgrund der hohen Bevölkerungsanzahl überstrahlt dieses Wachstum die Erfolgsgeschichten der Globalisierung, die die wirklich global waren.
Hinzu kommt, dass die Ordnung nie strikt regelgeleitet war. Formell berief man sich auf universelle Prinzipien, faktisch wurden diese abhängig von politischer Macht angewendet. Handelsregeln, Sanktionen, militärische Interventionen oder völkerrechtliche Standards folgten keinem einheitlichen Maßstab. Wie der kanadische Premierminister Mark Carney zuletzt in Davos zugab: Solange die westlichen Staaten als dominante Akteure fungierten und zentrale öffentliche Güter bereitstellen konnten, fiel diese Inkonsistenz weniger ins Gewicht. Mit der offenen Abwendung der USA von dieser Ordnung allerdings sind die Strukturen nicht mehr tragfähig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Industrienationen – allen voran die USA – keinen Einfluss mehr hätten. Die Dominanz bleibt gerade im Vergleich zum Anteil an der globalen Bevölkerung erheblich. Besonders deutlich wird dies im internationalen Finanzsystem. Der US-Dollar dominiert weiterhin den Welthandel und die globalen Kapitalmärkte. Diese Dominanz ist weniger Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen als Ausdruck struktureller Gegebenheiten: Größe und Liquidität der US-Finanzmärkte, die Rolle der USA als sicherer Hafen und ihre geopolitische Stellung. Für viele Länder des Globalen Südens bedeutet dies jedoch eine dauerhafte Abhängigkeit von Dollarfinanzierung, insbesondere in Krisenzeiten.
Geraten diese Länder in Zahlungsbilanzprobleme, bleibt ihnen meist nur der Rückgriff auf internationale Kreditinstitutionen. Die dort verfolgten wirtschaftspolitischen Ansätze folgen seit Jahrzehnten einem ähnlichen Muster: fiskalische Konsolidierung, Liberalisierung und hohe Zinsen zur Stabilisierung der Währung. In der Praxis führen diese Maßnahmen häufig dazu, dass öffentliche Investitionen zurückgefahren werden und langfristige Entwicklungsziele in den Hintergrund treten. Die wirtschaftliche Erholung bleibt fragil, neue Krisen sind programmiert.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die wachsende Distanz vieler Staaten des Globalen Südens zu westlich dominierten Institutionen. Die Hinwendung zu alternativen Partnern, insbesondere zu China, ist weniger Ausdruck ideologischer Nähe als pragmatischer Abwägung. Chinesische Finanzierungsangebote kommen meist ohne detaillierte Reformauflagen aus und konzentrieren sich auf Infrastrukturprojekte. Dass auch hier eigene Interessen verfolgt werden, ist offensichtlich. Entscheidend ist jedoch, dass dieses Vorgehen von vielen Regierungen als weniger eingreifend wahrgenommen wird.
Für Europa verschärft sich die Situation durch eigene strukturelle Schwächen. Die Europäische Union hat hohe binnenwirtschaftliche Potenziale, ist jedoch intellektuell in einem aus der Zeit gefallenen Marktfundamentalismus gefangen und politisch fragmentiert. In zentralen Fragen – Sicherheit, Energie, Technologie – bestehen hohe Abhängigkeiten von den USA. Gleichzeitig fehlt eine abgestimmte Industrie- und Außenwirtschaftspolitik, die diesen Abhängigkeiten systematisch begegnet. Debatten über strategische Autonomie wurden lange Zeit abgewunken, zumeist mit dem Verweis auf die Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft.
In einer Welt, in der Machtverhältnisse im Fluss sind, erweist sich diese Passivität als Risiko. Mittelmächte sind auf verlässliche multilaterale Strukturen angewiesen, weil sie ihre Interessen nicht unilateral durchsetzen können. Wenn internationale Regeln jedoch an Glaubwürdigkeit verlieren und zunehmend machtpolitisch interpretiert werden, geraten gerade diese Staaten unter Druck.
Eine stabile internationale Ordnung wird sich unter diesen Bedingungen nicht von selbst erneuern. Notwendig wären gezielte institutionelle Anpassungen, für die die europäischen Mittelmächte Druck machen müssen: mehr Mitsprache für Entwicklungs- und Schwellenländer, realistische Spielräume für Industriepolitik, Mechanismen zur Begrenzung destabilisierender Kapitalflüsse. Die entsprechenden Institutionen existieren bereits. Ob sie reformiert werden, hängt weniger von ökonomischer Einsicht als von politischen Prioritäten ab. Ohne eine solche Neujustierung dürfte die Erosion der bestehenden Ordnung weiter voranschreiten – mit Folgen, die sich nicht auf einzelne Weltregionen begrenzen lassen.
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