Ulrich Schneider erzählt mit viel Wärme, Witz und großer Genauigkeit von
seiner Arbeiterkindheit im Revier: von Eltern, die sich aufrieben, von Müttern,
die alles zusammenhielten, von Vätern, die früh verschlissen wurden, von Stolz,
Solidarität, Härte und bescheidener Großzügigkeit. Sein Rückblick ist eine
Milieustudie und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der
bundesrepublikanischen Sozialgeschichte, mit ihrer Bildungs- und Sozialpolitik,
ihren gebrochenen Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen und ihrer Arbeiterklasse,
in der Ulrich Schneider aufwuchs. Ein Buch über das Ruhrgebiet. Ein Buch über
Arbeiter und Arbeiterkinder. Ein Buch über Deutschland.
Ich kam 1958 zur Welt, fünf Jahre nach meiner Schwester Gislinde, zehn Jahre,
nachdem mein Vater Josef Schneider als Spätheimkehrer aus russischer
Gefangenschaft zurückgekommen war.
Mein Vater war ein harter Kerl, klein, nur 1,62 Meter groß, aber ungeheuer
zäh, Hände mit Schwielen. Für alle war er »der Jupp«. Er rauchte Zigaretten der
Marke Orienta und trank Doppelwacholder – deshalb manchmal auch
»Wacholder-Jupp«.
Mein Vater war ein Ewigbeschissener. 1915, während des Ersten Weltkrieges,
wurde er als eines von sechs Geschwistern und Sohn eines Abstechers geboren.
Abstecher waren die, die in den Eisenhütten bei gleißender Hitze die Hochöfen
aufmachten, um das über 1 000 Grad heiße, flüssige Eisen abzulassen. Wenn ich
als Kind Bilder davon sah, sahen die Abstecher mit ihren langen Stangen für mich
immer wie Ritter aus. Ich bewunderte diese Männer auf den Schwarz-Weiß-Fotos
sehr, meine Ruhrgebietsritter. Ich fand es toll, dass einer von ihnen mein Opa
war.
Als Kind bekam mein Vater die englische Krankheit, wie man es damals nannte,
Rachitis, eine Mangelerscheinung, die die Knochen weich machte und verbog. Doch
er kämpfte. Er wurde Geräteturner: Reck, Barren, Pferd. Er gewann Wettkämpfe und
außerdem seinen Körper und seine Jugend zurück. Nach der Volksschule machte er
eine Lehre als Buchbinder und Bildereinrahmer.
Mein Vater machte eine Lehre als Buchbinder. Das Foto, auf dem er dieses
Riesenbuch in Händen hält, entstand zum 1. Mai 1933. Da hatte die NSDAP den
internationalen Arbeiterkampftag bereits als »Tag der nationalen Arbeit«
gekapert. Mein Vater konnte noch nicht ahnen, dass er, statt als Buchbinder zu
arbeiten, bald schon in einen fürchterlichen Krieg ziehen und niemals mehr Fuß
fassen würde in seinem Beruf.
Als Gesellenstück rahmte er einen vergoldeten Lorbeerkranz, den er im Alter
von 14 Jahren bei einem Turniersieg verliehen bekommen hatte, versehen mit einer
Samtschleife und der Aufschrift »1. Preis Schülerdreikampf, Turnvereinigung
Dellwig, 24.8.1930«. Dieser Kranz in seinem schwarzen, dicken Rahmen bedeutete
ihm sehr viel. Alle Bombenangriffe hätte er überlebt, betonte er, als er ihn mir
schenkte, die Glasscheibe schon matt, die Rückseite mit reichlich Klebeband
verstärkt. Ich war 15 oder 16 Jahre alt. Von da an begleitete dieser Kranz auch
mich ein ganzes Leben. Er hing über meinem Schreibtisch in Oberhausen, als ich
mich als Schüler aufs Abi vorbereitete. Er hing über demselben Schreibtisch, als
ich in Münster meine Diplom- und später meine Doktorarbeit schrieb. Er hing 36
Jahre lang in meinen Büros beim Paritätischen, erst in Frankfurt, dann in
Berlin. Und auch in diesem Moment, in dem ich zu Hause diese Geschichte
aufschreibe, hängt er vor mir an der Wand. Ich mag da etwas abergläubisch sein,
aber ich bin der festen Überzeugung, dieser eingerahmte Lorbeerkranz brachte mir
ein Leben lang Glück und wachte über mich. Auch war er für mich immer Bildnis
dafür, dass man Immenses schaffen kann, wenn man nur an sich glaubt – es sogar
vom Kind mit englischer Krankheit zum besten Turner seines Jahrgangs bringen
kann. Vor allem aber verkörperte er für mich Zeit meines Lebens diesen
ungeheuren Stolz, den mein Vater hatte und den, wenn ich näher darüber
nachdenke, eigentlich alle Schneiders in sich trugen – was uns übrigens nicht
immer nur zum Vorteil gereichte.
1938 wurde mein Vater zum Arbeitsdienst eingezogen, im Oktober 1939 dann zur
Wehrmacht. Er wurde Sanitätsunteroffizier und sollte lange in dem Wahnsinn an
der Ostfront verschwinden. Erst 1948 kehrte er aus russischer Gefangenschaft
wieder heim nach Oberhausen.
Mein Vater erzählte nur sehr wenig über den Krieg und von seiner
Gefangenschaft, gelegentlich davon, wie man sich zu Weihnachten über die
Frontgräben hinweg wechselseitig besuchte. Die Russen, die ja orthodoxe Christen
sind, hatten nicht am 25. Dezember, sondern erst am 7. Januar ihr
Weihnachtsfest. So hatte man zweimal Feuerpause, wie mein Vater mir erklärte.
Man ging zu den Menschen hinüber, die man gerade noch beschossen hatte und von
denen man gerade noch beschossen worden war, um ihnen frohe Weihnachten zu
wünschen. Sogar einen Weihnachtsbaum hätten sie dazu mitgenommen. Und am
nächsten Tag wurde wieder geschossen. Diese für mich völlig absurde Geschichte
erzählte er wirklich gern. Auch, dass Schnapstrinker im russischen Winter
schneller erfroren als Biertrinker, und andere Dinge, die ihm belanglos genug
erschienen, um sie erzählen zu können. Es waren auch ein oder zwei wirklich
erschreckende Geschichten darunter, die ich aber nicht aufschreiben möchte.
Wie auch immer, es war mir in meiner Kindheit strengstens verboten, auf der
Kirmes an die Schießbude zu gehen. Er hatte nach dem Krieg nie mehr eine Waffe
angefasst, und sein Sohn sollte es auch nicht. Er war sehr zufrieden, als ich
später beschloss, den Kriegsdienst zu verweigern.
Als ich noch klein war, arbeitete mein Vater als Bierfahrer. Er hatte meine
ganze Bewunderung, wenn er sich in seiner schweren schwarzen Lederjacke und mit
seiner Cord-Schirmmütze in seinen Lkw schwang, um das Bier in die Kneipen zu
bringen. Die Kappe hatte den Schnitt einer Polizei-Schirmmütze, nur, dass vorn
kein Abzeichen der Polizei, sondern das Emblem der Dortmunder Ritter-Brauerei
aufgenäht war. Die Samstage, an denen die Schule früher aus war und ich
mitfahren durfte, neben ihm im Lkw, blieben mir unvergessen. Das Tackern des
Motors, der Geruch von Leder und Diesel. In diesen Momenten war mein Vater für
mich der Größte, und ich war der glücklichste Junge auf der ganzen Welt.
Doch sollte dieses Glück nicht allzu lange währen. In den 60er-Jahren begann
man in Deutschland so langsam, dem Alkohol am Steuer den Kampf anzusagen. Heute
gar nicht mehr denkbar, aber bis dahin lag die Alkoholgrenze, bis zu der man
fahren durfte, bei 1,5 Promille! Und eine Anzeige bekam man auch nur dann, wenn
man betrunken einen Unfall gebaut hatte. Ein paar kleine Bier, zwei Kurze und
dann mit dem Auto nach Hause, das war damals überhaupt kein Thema.
Und die Bierfahrer tranken reichlich. Die Flaschen hatten
Bügelverschlüsse. Mit einem Schraubenzieher wurden sie an ihren Befestigungen an
den Seiten des Flaschenhalses auseinandergezogen und geöffnet, ohne die
Banderole zu beschädigen. Die leere Flasche wurde dann genauso behutsam wieder
verschlossen und der Brauerei als »Fehlabfüllung« zurückgegeben. Mit all dem war
nun Schluss. Dreimal verlor mein Vater, wie so einige seiner
Kraftfahrerkollegen, seinen Führerschein. Beim dritten Mal reichte das Geld
nicht mehr, um ihn sich noch einmal zurückzuholen – und es wäre wohl auch
sinnlos gewesen.
Mein Vater, der so stolz war auf seinen Beruf, musste umsatteln. Er fing beim
Werkschutz von Mannesmann an, dem mächtigen Stahlkonzern im Revier, von dem
heute auch nichts mehr übrig ist. Aber das währte nicht allzu lange. Genaues
erzählte er nicht, aber zu den Aufgaben des Werkschutzes gehörte unter anderem,
am Werkstor »verdächtige« Aktentaschen zu kontrollieren, wobei durchaus die eine
oder andere Schnapsflasche konfisziert wurde. Mit meinem Vater hatte man bei dem
Job wahrscheinlich den Bock zum Gärtner gemacht. Ich nehme an, dass er deshalb
schließlich als Maschinist in der Kläranlage landete. Ein Knochenjob, der ihn
irgendwann fertigmachte. Noch immer zieht es sich in mir zusammen, wenn ich
daran zurückdenke, wie er in dem kleinen, abgewetzten Klubsessel in unserem
Wohnzimmer saß, schon krank, und fast weinend zugab: Er könne nicht mehr. Er
schaffe es nicht mehr, im Klärbecken zu stehen und diesen ganzen Schlamm
rauszuschaufeln. Es stürzte etwas zusammen, und er tat mir unendlich leid.
Es ging dann rapide bergab mit ihm. Er wurde ernsthaft krank, bekam
Magengeschwüre und anderes, lag im Krankenhaus. Mit 58 Jahren wurde er
erwerbsunfähig geschrieben, und das war er wirklich. Er war einfach fertig. Eine
entbehrungsreiche Kindheit, Krieg, die lange und zehrende Gefangenschaft
irgendwo in Russland und danach ein viel zu hartes Arbeitsleben in seiner Heimat
hatten ihn fertiggemacht. Die letzten Monate saß er meist krank in seinem
Bademantel an unserem Wohnzimmertisch, trank sein Bierchen und rauchte seine
Orienta, las seine Bild-Zeitung und schaute seine »Sportschau«. Das Haus verließ
er immer seltener. Doch verlor er trotz alldem niemals seinen Humor und seinen
Witz und genauso wenig sein sagenhaftes Können beim Skat. Häufig kamen in diesen
Monaten Freunde von mir zum Kartenspielen vorbei, und wir hatten bis zuletzt
nicht den Hauch einer Chance gegen ihn. »So spielt man mit Studenten«, war sein
Spruch, der niemals fehlte, wenn er uns mal wieder abgezogen hatte.
15.08.2026 - »Mutti, komma ans Fenster«
Ulrich Schneider erzählt mit viel Wärme, Witz und großer Genauigkeit von seiner Arbeiterkindheit im Revier: von Eltern, die sich aufrieben, von Müttern, die alles zusammenhielten, von Vätern, die früh verschlissen wurden, von Stolz, Solidarität, Härte und bescheidener Großzügigkeit. Sein Rückblick ist eine Milieustudie und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der bundesrepublikanischen Sozialgeschichte, mit ihrer Bildungs- und Sozialpolitik, ihren gebrochenen Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen und ihrer Arbeiterklasse, in der Ulrich Schneider aufwuchs. Ein Buch über das Ruhrgebiet. Ein Buch über Arbeiter und Arbeiterkinder. Ein Buch über Deutschland.
Ich kam 1958 zur Welt, fünf Jahre nach meiner Schwester Gislinde, zehn Jahre, nachdem mein Vater Josef Schneider als Spätheimkehrer aus russischer Gefangenschaft zurückgekommen war.
Mein Vater war ein harter Kerl, klein, nur 1,62 Meter groß, aber ungeheuer zäh, Hände mit Schwielen. Für alle war er »der Jupp«. Er rauchte Zigaretten der Marke Orienta und trank Doppelwacholder – deshalb manchmal auch »Wacholder-Jupp«.
Mein Vater war ein Ewigbeschissener. 1915, während des Ersten Weltkrieges, wurde er als eines von sechs Geschwistern und Sohn eines Abstechers geboren. Abstecher waren die, die in den Eisenhütten bei gleißender Hitze die Hochöfen aufmachten, um das über 1 000 Grad heiße, flüssige Eisen abzulassen. Wenn ich als Kind Bilder davon sah, sahen die Abstecher mit ihren langen Stangen für mich immer wie Ritter aus. Ich bewunderte diese Männer auf den Schwarz-Weiß-Fotos sehr, meine Ruhrgebietsritter. Ich fand es toll, dass einer von ihnen mein Opa war.
Als Kind bekam mein Vater die englische Krankheit, wie man es damals nannte, Rachitis, eine Mangelerscheinung, die die Knochen weich machte und verbog. Doch er kämpfte. Er wurde Geräteturner: Reck, Barren, Pferd. Er gewann Wettkämpfe und außerdem seinen Körper und seine Jugend zurück. Nach der Volksschule machte er eine Lehre als Buchbinder und Bildereinrahmer.
Mein Vater machte eine Lehre als Buchbinder. Das Foto, auf dem er dieses Riesenbuch in Händen hält, entstand zum 1. Mai 1933. Da hatte die NSDAP den internationalen Arbeiterkampftag bereits als »Tag der nationalen Arbeit« gekapert. Mein Vater konnte noch nicht ahnen, dass er, statt als Buchbinder zu arbeiten, bald schon in einen fürchterlichen Krieg ziehen und niemals mehr Fuß fassen würde in seinem Beruf.
Als Gesellenstück rahmte er einen vergoldeten Lorbeerkranz, den er im Alter von 14 Jahren bei einem Turniersieg verliehen bekommen hatte, versehen mit einer Samtschleife und der Aufschrift »1. Preis Schülerdreikampf, Turnvereinigung Dellwig, 24.8.1930«. Dieser Kranz in seinem schwarzen, dicken Rahmen bedeutete ihm sehr viel. Alle Bombenangriffe hätte er überlebt, betonte er, als er ihn mir schenkte, die Glasscheibe schon matt, die Rückseite mit reichlich Klebeband verstärkt. Ich war 15 oder 16 Jahre alt. Von da an begleitete dieser Kranz auch mich ein ganzes Leben. Er hing über meinem Schreibtisch in Oberhausen, als ich mich als Schüler aufs Abi vorbereitete. Er hing über demselben Schreibtisch, als ich in Münster meine Diplom- und später meine Doktorarbeit schrieb. Er hing 36 Jahre lang in meinen Büros beim Paritätischen, erst in Frankfurt, dann in Berlin. Und auch in diesem Moment, in dem ich zu Hause diese Geschichte aufschreibe, hängt er vor mir an der Wand. Ich mag da etwas abergläubisch sein, aber ich bin der festen Überzeugung, dieser eingerahmte Lorbeerkranz brachte mir ein Leben lang Glück und wachte über mich. Auch war er für mich immer Bildnis dafür, dass man Immenses schaffen kann, wenn man nur an sich glaubt – es sogar vom Kind mit englischer Krankheit zum besten Turner seines Jahrgangs bringen kann. Vor allem aber verkörperte er für mich Zeit meines Lebens diesen ungeheuren Stolz, den mein Vater hatte und den, wenn ich näher darüber nachdenke, eigentlich alle Schneiders in sich trugen – was uns übrigens nicht immer nur zum Vorteil gereichte.
1938 wurde mein Vater zum Arbeitsdienst eingezogen, im Oktober 1939 dann zur Wehrmacht. Er wurde Sanitätsunteroffizier und sollte lange in dem Wahnsinn an der Ostfront verschwinden. Erst 1948 kehrte er aus russischer Gefangenschaft wieder heim nach Oberhausen.
Mein Vater erzählte nur sehr wenig über den Krieg und von seiner Gefangenschaft, gelegentlich davon, wie man sich zu Weihnachten über die Frontgräben hinweg wechselseitig besuchte. Die Russen, die ja orthodoxe Christen sind, hatten nicht am 25. Dezember, sondern erst am 7. Januar ihr Weihnachtsfest. So hatte man zweimal Feuerpause, wie mein Vater mir erklärte. Man ging zu den Menschen hinüber, die man gerade noch beschossen hatte und von denen man gerade noch beschossen worden war, um ihnen frohe Weihnachten zu wünschen. Sogar einen Weihnachtsbaum hätten sie dazu mitgenommen. Und am nächsten Tag wurde wieder geschossen. Diese für mich völlig absurde Geschichte erzählte er wirklich gern. Auch, dass Schnapstrinker im russischen Winter schneller erfroren als Biertrinker, und andere Dinge, die ihm belanglos genug erschienen, um sie erzählen zu können. Es waren auch ein oder zwei wirklich erschreckende Geschichten darunter, die ich aber nicht aufschreiben möchte.
Wie auch immer, es war mir in meiner Kindheit strengstens verboten, auf der Kirmes an die Schießbude zu gehen. Er hatte nach dem Krieg nie mehr eine Waffe angefasst, und sein Sohn sollte es auch nicht. Er war sehr zufrieden, als ich später beschloss, den Kriegsdienst zu verweigern.
Als ich noch klein war, arbeitete mein Vater als Bierfahrer. Er hatte meine ganze Bewunderung, wenn er sich in seiner schweren schwarzen Lederjacke und mit seiner Cord-Schirmmütze in seinen Lkw schwang, um das Bier in die Kneipen zu bringen. Die Kappe hatte den Schnitt einer Polizei-Schirmmütze, nur, dass vorn kein Abzeichen der Polizei, sondern das Emblem der Dortmunder Ritter-Brauerei aufgenäht war. Die Samstage, an denen die Schule früher aus war und ich mitfahren durfte, neben ihm im Lkw, blieben mir unvergessen. Das Tackern des Motors, der Geruch von Leder und Diesel. In diesen Momenten war mein Vater für mich der Größte, und ich war der glücklichste Junge auf der ganzen Welt.
Doch sollte dieses Glück nicht allzu lange währen. In den 60er-Jahren begann man in Deutschland so langsam, dem Alkohol am Steuer den Kampf anzusagen. Heute gar nicht mehr denkbar, aber bis dahin lag die Alkoholgrenze, bis zu der man fahren durfte, bei 1,5 Promille! Und eine Anzeige bekam man auch nur dann, wenn man betrunken einen Unfall gebaut hatte. Ein paar kleine Bier, zwei Kurze und dann mit dem Auto nach Hause, das war damals überhaupt kein Thema.
Und die Bierfahrer tranken reichlich. Die Flaschen hatten Bügelverschlüsse. Mit einem Schraubenzieher wurden sie an ihren Befestigungen an den Seiten des Flaschenhalses auseinandergezogen und geöffnet, ohne die Banderole zu beschädigen. Die leere Flasche wurde dann genauso behutsam wieder verschlossen und der Brauerei als »Fehlabfüllung« zurückgegeben. Mit all dem war nun Schluss. Dreimal verlor mein Vater, wie so einige seiner Kraftfahrerkollegen, seinen Führerschein. Beim dritten Mal reichte das Geld nicht mehr, um ihn sich noch einmal zurückzuholen – und es wäre wohl auch sinnlos gewesen.
Mein Vater, der so stolz war auf seinen Beruf, musste umsatteln. Er fing beim Werkschutz von Mannesmann an, dem mächtigen Stahlkonzern im Revier, von dem heute auch nichts mehr übrig ist. Aber das währte nicht allzu lange. Genaues erzählte er nicht, aber zu den Aufgaben des Werkschutzes gehörte unter anderem, am Werkstor »verdächtige« Aktentaschen zu kontrollieren, wobei durchaus die eine oder andere Schnapsflasche konfisziert wurde. Mit meinem Vater hatte man bei dem Job wahrscheinlich den Bock zum Gärtner gemacht. Ich nehme an, dass er deshalb schließlich als Maschinist in der Kläranlage landete. Ein Knochenjob, der ihn irgendwann fertigmachte. Noch immer zieht es sich in mir zusammen, wenn ich daran zurückdenke, wie er in dem kleinen, abgewetzten Klubsessel in unserem Wohnzimmer saß, schon krank, und fast weinend zugab: Er könne nicht mehr. Er schaffe es nicht mehr, im Klärbecken zu stehen und diesen ganzen Schlamm rauszuschaufeln. Es stürzte etwas zusammen, und er tat mir unendlich leid.
Es ging dann rapide bergab mit ihm. Er wurde ernsthaft krank, bekam Magengeschwüre und anderes, lag im Krankenhaus. Mit 58 Jahren wurde er erwerbsunfähig geschrieben, und das war er wirklich. Er war einfach fertig. Eine entbehrungsreiche Kindheit, Krieg, die lange und zehrende Gefangenschaft irgendwo in Russland und danach ein viel zu hartes Arbeitsleben in seiner Heimat hatten ihn fertiggemacht. Die letzten Monate saß er meist krank in seinem Bademantel an unserem Wohnzimmertisch, trank sein Bierchen und rauchte seine Orienta, las seine Bild-Zeitung und schaute seine »Sportschau«. Das Haus verließ er immer seltener. Doch verlor er trotz alldem niemals seinen Humor und seinen Witz und genauso wenig sein sagenhaftes Können beim Skat. Häufig kamen in diesen Monaten Freunde von mir zum Kartenspielen vorbei, und wir hatten bis zuletzt nicht den Hauch einer Chance gegen ihn. »So spielt man mit Studenten«, war sein Spruch, der niemals fehlte, wenn er uns mal wieder abgezogen hatte.
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