04.07.2026 - Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren
Jason Stanley:
Der namhafte Philosoph Jason Stanley enthüllt in seinem neuen Buch
*Gefälschte Geschichte* die globale Strategie der autoritären Rechten, die
Geschichte umzuschreiben und ein Jahrhundert gesellschaftlichen Fortschritts
auszulöschen. Die schlimmsten faschistischen Bewegungen der
Menschheitsgeschichte begannen in Schulen - wenn man die Uhr in Bezug auf
Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Inklusion zurückdrehen will, sind Schulen ein
guter Ausgangspunkt. Mit scharfem Blick zeigt Stanley, wie Bildung zur
Frontlinie im Kampf um Demokratie wird. Erinnerungskultur, Kritik und Freiheit
sind in Gefahr, warnt er. Sein Buch ist ein dringender Weckruf, die
Vergangenheit zu verteidigen, um die Zukunft vor dem Faschismus zu bewahren.
Mein Vater war ein Jahr alt, als die Nazis am 10. Mai 1933 auf dem
Opernplatz, unweit der Wohnung seiner Familie, eine große Bücherverbrennung
durchführten. Seit Langem gilt dieses Ereignis als eines der wichtigsten in der
deutschen Geschichte. Zu den bedeutendsten der von den Nazis verbrannten Werke
zählt der Bestand des Instituts für Sexualwissenschaft, das damals über die
weltweit umfangreichste Forschungssammlung zur Queer-Theorie verfügte. Laut dem
deutsch-amerikanischen Historiker George L. Mosse wurde der jüdische Direktor
des Instituts, Magnus Hirschfeld, nach der Bücherverbrennung »zu einem Ziel
unablässiger Angriffe«:
»Sein eigener Name und der des Instituts für Sexualwissenschaft \[…], das er
1919 gegründet hatte, wurden als Metaphern für sexuelle Perversion verwendet,
als Symbole für die Bedrohung der bürgerlichen Respektabilität durch das Berlin
der Weimarer Republik.«
Die Nazis nahmen nicht nur jüdische Intellektuelle ins Visier, die sich mit
queeren Perspektiven beschäftigten, sondern sie versuchten außerdem, jegliche
Andeutung, dass queeres Leben normal sei oder sein könnte, zu beseitigen. Dazu
mussten sie mehr tun, als nur Persönlichkeiten wie Hirschfeld zu terrorisieren –
sie mussten das Bildungswesen des Landes komplett umgestalten.
Eine Maßnahme, mit der die Nazis dieses Ziel verfolgten, bestand darin, die
Öffentlichkeit dazu zu bewegen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen
übermäßig freizügigen Unterrichtsmethoden und dem, was sie als »sexuelle
Perversion« betrachteten. Während der Weimarer Republik hatte eine kleine Gruppe
deutscher Pädagogen progressive und experimentelle Reformen dahingehend
eingeleitet, den Schülern mehr Mitbestimmung im Unterricht zu gewähren,
körperliche Züchtigung abzuschaffen und die Schulen so umzugestalten, dass der
Schwerpunkt auf »individueller Entwicklung, sozialer Interaktion und der
Vorbereitung der Schüler auf die Lebenswirklichkeit« lag. Mit anderen Worten,
sie auf die Teilnahme am bürgerlichen und demokratischen Leben vorzubereiten.
Diese Reformen waren eine Reaktion auf das konservative nationalistische
Bildungswesen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, das in erster Linie
darauf ausgerichtet war, die militärischen Eroberungen unter Kaiser Wilhelm II.
zu unterstützen. Wobei dieses System auch in der Weimarer Republik noch
vorherrschend war.
Aber die Nazis werteten selbst diese graduellen Reformen als Affront und
richteten ihre Propagandamaschinerie auf das Bildungswesen des Landes, um es
noch militaristischer zu machen und auf ihre nationalistischen Ziele
auszurichten. Um traditionelle Sozialkonservative und wohlhabende
Wirtschaftseliten in einer Koalition gegen die Demokratie und ihre Institutionen
zusammenzuschließen, brachte die Dämonisierungskampagne der Nazis progressive
Bildungsreformen nicht nur mit sexueller Perversion, sondern auch mit dem
Marxismus in Verbindung.
Bildungsangelegenheiten waren kein vorübergehender oder unbedeutender
Schwerpunkt der nationalsozialistischen Politik. Das erklärte Ziel der
nationalsozialistischen Bildungspolitik war es, die Kinder der Nation vor
Obszönität und »Marxismus« zu schützen. In der Vorstellung der Nazis war diese
Aufgabe jedoch untrennbar mit einer umfassenderen Vision der nationalen
Opferrolle verbunden. Die Empfindung, Opfer zu sein, beschäftigte einen Großteil
der Bevölkerung seit dem Vertrag von Versailles von 1919, der den Ersten
Weltkrieg beendete und als dessen Ergebnis Deutschland etwa 10 Prozent seines
Territoriums verlor und zu Reparationszahlungen gezwungen wurde. Das Ziel des
nationalsozialistischen Bildungssystems – die Jugend des Landes zu überzeugten
Anhängern der Nazi-Ideologie zu machen – war eine konsequente Weiterentwicklung
des deutschen Erziehungsmodells aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, dessen
Schwerpunkt auf Militarismus und deutscher Vorherrschaft lag. Durch die
Einbindung nationalsozialistischer Erziehungsmethoden und -ideen in ein
Bildungssystem, das ohnedies schon stark antidemokratisch geprägt war, entstand
eine Armee von Deutschen, die bereit waren, für das Vaterland zu sterben.
Was wir an diesem Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands und
anhand der Untersuchung anderer Fälle der faschistischen Bewegung weltweit
erkennen können, ist, dass das faschistische Erziehungswesen fünf Hauptthemen
umfasst:
1\. Nationale Größe
2\. Nationale Reinheit
3\. Nationale Unschuld
4\. Strenge Geschlechterrollen
5\. Diffamierung der Linken
Diese Themen stellen im Wesentlichen verschiedene Verfahren dar, mit denen
faschistische Bewegungen Unzufriedenheit unter der dominanten Gruppe schüren,
für die sie tätig sind, um ihre Ziele voranzutreiben. Dabei achten sie
sorgfältig darauf, Widersprüche zu ihrer Darstellung zu beseitigen. Dazu gehören
beispielsweise: wissenschaftliche Forschungen, die Schwachstellen in nationalen
Mythen aufdecken; alle Ansätze innerhalb des Bildungswesens, die nationale
Schuld aufzeigen; jegliche Andeutung, dass Vielfalt und Pluralität für die
Gesellschaft von Vorteil sein könnten; dass gerechtere Geschlechterverhältnisse
vorteilhaft sein könnten oder dass die politische Linke eine deutlich geringere
Bedrohung darstellt, als sie sich vorstellen. \[...]
Das von den Nazis im Zuge ihrer Machtübernahme vorgefundene und übernommene
Bildungssystem enthielt bereits zahlreiche Elemente einer faschistischen
Erziehung, auf denen die Nazis eifrig aufbauten. Besonderen Wert legte das
nationalsozialistische Bildungssystem auf die Größe des Vaterlandes und trieb
damit Hitlers Worte aus *Mein Kampf* auf die Spitze: »Denn nur wer durch
Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische
Größe des eigenen Vaterlandes kennengelernt, vermag und wird dadurch auch jenen
inneren Stolz gewinnen, Angehöriger eines solches Volkes sein zu dürfen.«
Dieses Bildungssystem und der dazugehörige Propagandaapparat, insbesondere
die Hitlerjugend, waren für die Abkehr Deutschlands vom Kosmopolitismus
verantwortlich. Der Historiker Gilmer W. Blackburn stellt fest: »Der Erfolg der
Nazis bei der Mobilisierung einer überbordenden nationalen Stimmung für die
kurzfristigen Ziele des Regimes scheint unbestreitbar. Der Großteil der
deutschen Jugend erwies sich als empfänglich für vereinfachte Heldenlegenden und
Schwarz-Weiß-Vergleiche. Ebenso bereitwillig fügten sich die deutschen Lehrer
der nationalsozialistischen Gleichschal-tung.«
In seiner Behandlung des Bildungswesens in *Mein Kampf* betont Hitler, wie
wichtig es ist, die Männer der dominierenden nationalen Gruppierung
herauszuheben, um ihre Größe herauszustellen: »Es fehlte unserer Erziehung die
Kunst, aus dem geschichtlichen Werden unseres Volkes einige wenige Namen
herauszuheben und sie zum Allgemeingut des gesamten deutschen Volkes zu machen,
um so durch gleiches Wissen und gleiche Begeisterung auch ein gleichmäßig
verbindendes Band um die ganze Nation zu schlingen. Man hat es nicht verstanden,
die wirklich bedeutsamen Männer unseres Volkes in den Augen der Gegenwart als
überragende Heroen erscheinen zu lassen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie
zu konzentrieren und dadurch eine geschlossene Stimmung zu erzeugen.«
Selbstredend ist dies ein verbreitetes Muster in nationalen Lehrbüchern.
Edward Egglestons *A First Book in American History: With Special Reference to
the Lives and Deeds of Great Americans* aus dem Jahr 1889 enthält mehrere
Beispiele für Erzählungen über »große Männer« für junge Leser. In der Einleitung
schreibt Eggleston: »Indem wir jüngere Schüler mit Biographien bekannt machen,
die das eigentliche A und O der Geschichte sind, folgen wir einem oftmals
vergessenen Grundsatz: dass nämlich der Unterricht in der Grundschule den Weg
des geringsten Widerstandes gehen sollte. Und nichts ist für junge Amerikaner
wichtiger als die Bekanntschaft mit den Lebensläufen der großen Männer ihres
Landes.«
In Hitlers Sinne soll dies jedoch die Grundlage für die Erziehung zum
nationalen Exzeptionalismus bilden, wie es im Hinblick auf die USA so oft der
Fall ist. Durch die Trump-Bewegung wurde die Erzählung vom Exzeptionalismus
innerhalb des amerikanischen Bildungswesens zum eigentlichen Ziel der Bildung
erhoben. In einer vielbeachteten Rede während der Präsidentschaftskampagne im
Herbst 2020 leitete Präsident Donald Trump eine Konferenz des Weißen Hauses zur
amerikanischen Geschichte damit ein, dass er seine Vision des Bildungswesens und
damit auch die bildungspolitische Vision seiner Bewegung darlegte: »Unsere
Aufgabe ist es, das historische Vermächtnis der Gründungsväter, die
Tugendhaftigkeit der amerikanischen Volkshelden und den edlen Charakter unseres
Volkes zu verteidigen. Es ist an uns, das Lügengebilde in unseren Schulen und
Klassenzimmern zu beseitigen und unseren Kindern die großartige Wahrheit über
unser Land zu vermitteln. Wir wollen, dass unsere Söhne und Töchter wissen, dass
sie Bürger der außergewöhnlichsten Nation der Weltgeschichte sind.«
Im weiteren Verlauf kündigte er eine nationale Kommission zur Förderung eines
patriotischen Bildungssystems an, die er »1776er-Kommission« nannte; und er rief
dazu auf, den patriotischen Bildungsgedanken wieder in die Schulen einzuführen.
Neben der nationalen Größe steht das Konzept der nationalen Reinheit, das
heißt das Gefühl, dass die Identität der Nation durch die Identität einer
einheitlichen Gruppe definiert ist, die sie verkörpert. Das deutlichste Beispiel
hierfür ist der rassistische Faschismus, der diese Gruppe als biologische Rasse
betrachtet, mit spezifischen kognitiven und physischen Fähigkeiten, die sie
anderen Rassen überlegen mache. Religiöse Formen der Reinheit können eine
ähnliche Rolle spielen. So war Indien gemäß der Ideologie des hinduistischen
Faschismus in der Vergangenheit eine rein hinduistische Nation. Und laut der
Ideologie des amerikanischen weißen christlichen Nationalismus sind die USA ein
weißes christliches Land.
Mit einem Bildungssystem, das die Größe der Nation betont und auf subtile
oder ganz explizite Weise eine Form der nationalen Reinheit propagiert, ist es
dann leicht, die Grundlage für den mächtigsten politischen Topos des Faschismus
zu schaffen: »Großer Austausch« ist die Bezeichnung für eine
Verschwörungstheorie, der zufolge ein innerer Feind versucht, die Nation von
innen heraus zu zerstören, indem er fremde Menschen ins Land holt, um die
bestimmende nationale Bevölkerungsgruppe zu »ersetzen«. Eine Bevölkerung, die
mit Mythen über die Größe und Reinheit der Nation aufgewachsen ist, ist
besonders anfällig für die Ideologie des Großen Austauschs, da sie glaubt, dass
ihre Nation großartig ist und ihre Größe auf die Größe der bestimmenden
nationalen Bevölkerungsgruppe zurückzuführen ist.
04.07.2026 - Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren
Der namhafte Philosoph Jason Stanley enthüllt in seinem neuen Buch *Gefälschte Geschichte* die globale Strategie der autoritären Rechten, die Geschichte umzuschreiben und ein Jahrhundert gesellschaftlichen Fortschritts auszulöschen. Die schlimmsten faschistischen Bewegungen der Menschheitsgeschichte begannen in Schulen - wenn man die Uhr in Bezug auf Bürgerrechte, Gerechtigkeit und Inklusion zurückdrehen will, sind Schulen ein guter Ausgangspunkt. Mit scharfem Blick zeigt Stanley, wie Bildung zur Frontlinie im Kampf um Demokratie wird. Erinnerungskultur, Kritik und Freiheit sind in Gefahr, warnt er. Sein Buch ist ein dringender Weckruf, die Vergangenheit zu verteidigen, um die Zukunft vor dem Faschismus zu bewahren.
Mein Vater war ein Jahr alt, als die Nazis am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz, unweit der Wohnung seiner Familie, eine große Bücherverbrennung durchführten. Seit Langem gilt dieses Ereignis als eines der wichtigsten in der deutschen Geschichte. Zu den bedeutendsten der von den Nazis verbrannten Werke zählt der Bestand des Instituts für Sexualwissenschaft, das damals über die weltweit umfangreichste Forschungssammlung zur Queer-Theorie verfügte. Laut dem deutsch-amerikanischen Historiker George L. Mosse wurde der jüdische Direktor des Instituts, Magnus Hirschfeld, nach der Bücherverbrennung »zu einem Ziel unablässiger Angriffe«:
»Sein eigener Name und der des Instituts für Sexualwissenschaft \[…], das er 1919 gegründet hatte, wurden als Metaphern für sexuelle Perversion verwendet, als Symbole für die Bedrohung der bürgerlichen Respektabilität durch das Berlin der Weimarer Republik.«
Die Nazis nahmen nicht nur jüdische Intellektuelle ins Visier, die sich mit queeren Perspektiven beschäftigten, sondern sie versuchten außerdem, jegliche Andeutung, dass queeres Leben normal sei oder sein könnte, zu beseitigen. Dazu mussten sie mehr tun, als nur Persönlichkeiten wie Hirschfeld zu terrorisieren – sie mussten das Bildungswesen des Landes komplett umgestalten.
Eine Maßnahme, mit der die Nazis dieses Ziel verfolgten, bestand darin, die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, einen Zusammenhang herzustellen zwischen übermäßig freizügigen Unterrichtsmethoden und dem, was sie als »sexuelle Perversion« betrachteten. Während der Weimarer Republik hatte eine kleine Gruppe deutscher Pädagogen progressive und experimentelle Reformen dahingehend eingeleitet, den Schülern mehr Mitbestimmung im Unterricht zu gewähren, körperliche Züchtigung abzuschaffen und die Schulen so umzugestalten, dass der Schwerpunkt auf »individueller Entwicklung, sozialer Interaktion und der Vorbereitung der Schüler auf die Lebenswirklichkeit« lag. Mit anderen Worten, sie auf die Teilnahme am bürgerlichen und demokratischen Leben vorzubereiten. Diese Reformen waren eine Reaktion auf das konservative nationalistische Bildungswesen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, das in erster Linie darauf ausgerichtet war, die militärischen Eroberungen unter Kaiser Wilhelm II. zu unterstützen. Wobei dieses System auch in der Weimarer Republik noch vorherrschend war.
Aber die Nazis werteten selbst diese graduellen Reformen als Affront und richteten ihre Propagandamaschinerie auf das Bildungswesen des Landes, um es noch militaristischer zu machen und auf ihre nationalistischen Ziele auszurichten. Um traditionelle Sozialkonservative und wohlhabende Wirtschaftseliten in einer Koalition gegen die Demokratie und ihre Institutionen zusammenzuschließen, brachte die Dämonisierungskampagne der Nazis progressive Bildungsreformen nicht nur mit sexueller Perversion, sondern auch mit dem Marxismus in Verbindung.
Bildungsangelegenheiten waren kein vorübergehender oder unbedeutender Schwerpunkt der nationalsozialistischen Politik. Das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Bildungspolitik war es, die Kinder der Nation vor Obszönität und »Marxismus« zu schützen. In der Vorstellung der Nazis war diese Aufgabe jedoch untrennbar mit einer umfassenderen Vision der nationalen Opferrolle verbunden. Die Empfindung, Opfer zu sein, beschäftigte einen Großteil der Bevölkerung seit dem Vertrag von Versailles von 1919, der den Ersten Weltkrieg beendete und als dessen Ergebnis Deutschland etwa 10 Prozent seines Territoriums verlor und zu Reparationszahlungen gezwungen wurde. Das Ziel des nationalsozialistischen Bildungssystems – die Jugend des Landes zu überzeugten Anhängern der Nazi-Ideologie zu machen – war eine konsequente Weiterentwicklung des deutschen Erziehungsmodells aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, dessen Schwerpunkt auf Militarismus und deutscher Vorherrschaft lag. Durch die Einbindung nationalsozialistischer Erziehungsmethoden und -ideen in ein Bildungssystem, das ohnedies schon stark antidemokratisch geprägt war, entstand eine Armee von Deutschen, die bereit waren, für das Vaterland zu sterben.
Was wir an diesem Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands und anhand der Untersuchung anderer Fälle der faschistischen Bewegung weltweit erkennen können, ist, dass das faschistische Erziehungswesen fünf Hauptthemen umfasst:
1\. Nationale Größe
2\. Nationale Reinheit
3\. Nationale Unschuld
4\. Strenge Geschlechterrollen
5\. Diffamierung der Linken
Diese Themen stellen im Wesentlichen verschiedene Verfahren dar, mit denen faschistische Bewegungen Unzufriedenheit unter der dominanten Gruppe schüren, für die sie tätig sind, um ihre Ziele voranzutreiben. Dabei achten sie sorgfältig darauf, Widersprüche zu ihrer Darstellung zu beseitigen. Dazu gehören beispielsweise: wissenschaftliche Forschungen, die Schwachstellen in nationalen Mythen aufdecken; alle Ansätze innerhalb des Bildungswesens, die nationale Schuld aufzeigen; jegliche Andeutung, dass Vielfalt und Pluralität für die Gesellschaft von Vorteil sein könnten; dass gerechtere Geschlechterverhältnisse vorteilhaft sein könnten oder dass die politische Linke eine deutlich geringere Bedrohung darstellt, als sie sich vorstellen. \[...]
Das von den Nazis im Zuge ihrer Machtübernahme vorgefundene und übernommene Bildungssystem enthielt bereits zahlreiche Elemente einer faschistischen Erziehung, auf denen die Nazis eifrig aufbauten. Besonderen Wert legte das nationalsozialistische Bildungssystem auf die Größe des Vaterlandes und trieb damit Hitlers Worte aus *Mein Kampf* auf die Spitze: »Denn nur wer durch Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Größe des eigenen Vaterlandes kennengelernt, vermag und wird dadurch auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angehöriger eines solches Volkes sein zu dürfen.«
Dieses Bildungssystem und der dazugehörige Propagandaapparat, insbesondere die Hitlerjugend, waren für die Abkehr Deutschlands vom Kosmopolitismus verantwortlich. Der Historiker Gilmer W. Blackburn stellt fest: »Der Erfolg der Nazis bei der Mobilisierung einer überbordenden nationalen Stimmung für die kurzfristigen Ziele des Regimes scheint unbestreitbar. Der Großteil der deutschen Jugend erwies sich als empfänglich für vereinfachte Heldenlegenden und Schwarz-Weiß-Vergleiche. Ebenso bereitwillig fügten sich die deutschen Lehrer der nationalsozialistischen Gleichschal-tung.«
In seiner Behandlung des Bildungswesens in *Mein Kampf* betont Hitler, wie wichtig es ist, die Männer der dominierenden nationalen Gruppierung herauszuheben, um ihre Größe herauszustellen: »Es fehlte unserer Erziehung die Kunst, aus dem geschichtlichen Werden unseres Volkes einige wenige Namen herauszuheben und sie zum Allgemeingut des gesamten deutschen Volkes zu machen, um so durch gleiches Wissen und gleiche Begeisterung auch ein gleichmäßig verbindendes Band um die ganze Nation zu schlingen. Man hat es nicht verstanden, die wirklich bedeutsamen Männer unseres Volkes in den Augen der Gegenwart als überragende Heroen erscheinen zu lassen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu konzentrieren und dadurch eine geschlossene Stimmung zu erzeugen.«
Selbstredend ist dies ein verbreitetes Muster in nationalen Lehrbüchern. Edward Egglestons *A First Book in American History: With Special Reference to the Lives and Deeds of Great Americans* aus dem Jahr 1889 enthält mehrere Beispiele für Erzählungen über »große Männer« für junge Leser. In der Einleitung schreibt Eggleston: »Indem wir jüngere Schüler mit Biographien bekannt machen, die das eigentliche A und O der Geschichte sind, folgen wir einem oftmals vergessenen Grundsatz: dass nämlich der Unterricht in der Grundschule den Weg des geringsten Widerstandes gehen sollte. Und nichts ist für junge Amerikaner wichtiger als die Bekanntschaft mit den Lebensläufen der großen Männer ihres Landes.«
In Hitlers Sinne soll dies jedoch die Grundlage für die Erziehung zum nationalen Exzeptionalismus bilden, wie es im Hinblick auf die USA so oft der Fall ist. Durch die Trump-Bewegung wurde die Erzählung vom Exzeptionalismus innerhalb des amerikanischen Bildungswesens zum eigentlichen Ziel der Bildung erhoben. In einer vielbeachteten Rede während der Präsidentschaftskampagne im Herbst 2020 leitete Präsident Donald Trump eine Konferenz des Weißen Hauses zur amerikanischen Geschichte damit ein, dass er seine Vision des Bildungswesens und damit auch die bildungspolitische Vision seiner Bewegung darlegte: »Unsere Aufgabe ist es, das historische Vermächtnis der Gründungsväter, die Tugendhaftigkeit der amerikanischen Volkshelden und den edlen Charakter unseres Volkes zu verteidigen. Es ist an uns, das Lügengebilde in unseren Schulen und Klassenzimmern zu beseitigen und unseren Kindern die großartige Wahrheit über unser Land zu vermitteln. Wir wollen, dass unsere Söhne und Töchter wissen, dass sie Bürger der außergewöhnlichsten Nation der Weltgeschichte sind.«
Im weiteren Verlauf kündigte er eine nationale Kommission zur Förderung eines patriotischen Bildungssystems an, die er »1776er-Kommission« nannte; und er rief dazu auf, den patriotischen Bildungsgedanken wieder in die Schulen einzuführen.
Neben der nationalen Größe steht das Konzept der nationalen Reinheit, das heißt das Gefühl, dass die Identität der Nation durch die Identität einer einheitlichen Gruppe definiert ist, die sie verkörpert. Das deutlichste Beispiel hierfür ist der rassistische Faschismus, der diese Gruppe als biologische Rasse betrachtet, mit spezifischen kognitiven und physischen Fähigkeiten, die sie anderen Rassen überlegen mache. Religiöse Formen der Reinheit können eine ähnliche Rolle spielen. So war Indien gemäß der Ideologie des hinduistischen Faschismus in der Vergangenheit eine rein hinduistische Nation. Und laut der Ideologie des amerikanischen weißen christlichen Nationalismus sind die USA ein weißes christliches Land.
Mit einem Bildungssystem, das die Größe der Nation betont und auf subtile oder ganz explizite Weise eine Form der nationalen Reinheit propagiert, ist es dann leicht, die Grundlage für den mächtigsten politischen Topos des Faschismus zu schaffen: »Großer Austausch« ist die Bezeichnung für eine Verschwörungstheorie, der zufolge ein innerer Feind versucht, die Nation von innen heraus zu zerstören, indem er fremde Menschen ins Land holt, um die bestimmende nationale Bevölkerungsgruppe zu »ersetzen«. Eine Bevölkerung, die mit Mythen über die Größe und Reinheit der Nation aufgewachsen ist, ist besonders anfällig für die Ideologie des Großen Austauschs, da sie glaubt, dass ihre Nation großartig ist und ihre Größe auf die Größe der bestimmenden nationalen Bevölkerungsgruppe zurückzuführen ist.
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