Sie führen Krieg, foltern, morden, vernichten - und sind kunstbeflissen:
die Männer des Nationalsozialismus. Bayreuth, die Wirkstätte Richard Wagners,
ist seit etwa 1900 ein beliebter Treffpunkt völkisch denkender Kreise. Der
Musik- und Theaterwissenschaftler Anno Mungen zeigt, wie Kunst, Krieg und
Massenmord vor, während und nach dem Regime zusammenwirken. Im
Nationalsozialismus behauptet Musik die angebliche kulturelle Überlegenheit
gegenüber anderen Völkern und dem Judentum, heilt Soldaten von ihren seelischen
Leiden und besänftigt die Mörder von Auschwitz nach den Selektionen. Bis heute
behaupten große Teile der Wagner-Gemeinde, dass es im nationalsozialistischen
Bayreuth nur der Kunst gegolten habe. Dieses Buch widerspricht und zeigt die
Kontexte von Gewalt und Kultur in ihrer engen Verstrickung auf.
Beschäftigt man sich mit Kultur und Politik in Deutschland von 1933 bis 1945,
begegnet einem Wagner überall: in Programmheften, Zeitungen, Büchern, Filmen, in
der Wochenschau, im Radio, auf Postkarten, Briefmarken, Plakaten, an den
Universitäten und Schulen; Wagner mit Hitler, mit Goebbels, mit anderen
Politikern, mit seinen Nachkommen, mit den angeheirateten Familienmitgliedern.
Einer der ungezählten Autoren, die den Komponisten propagieren, ist der
Parteifunktionär und Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky. In seinem Buch Dein
Rundfunk! stellt er heraus, dass Musik, Politik und Radio zusammengehören. Im
Kapitel »Von Beethoven zu Hitler« ist nachzulesen, wie er einer Reihe von
Einzelpersonen eine Gruppierung hinzufügt: »Die geistige Linie der
nationalsozialistischen Rundfunkgestaltung geht bewußt von Beethoven zu Wagner,
zu Nietzsche, Houston Stewart Chamberlain, dem Bayreuther Kreis des zwanzigsten
Jahrhunderts und dem Ideengut des Führers.« In der Liste der Namen mittig nennt
Hadamovsky jene Person, mit der der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts
intensiviert nach Bayreuth gelangt. Chamberlain zieht 1908 dorthin und begrüßt
sich selbst im Stile seines Vorbilds: »Willkommen in Wahnfried, wo ich Einsamer
nebst der Heimath der Bayreuther Kunst, nun auch ein Heim zu finden wähnen
musste, da die Herzen mir zwar nicht bluts-, wohl aber gesinnungsverwandt
entgegenkamen […].« Chamberlain ist Anfang 50, als er Richard Wagners elf Jahre
jüngere, noch ledige Tochter Eva Maria Freiin von Bülow umwirbt. Was die beiden,
die 1908 heiraten, verbindet, sei die Liebe zu Wagners Witwe Cosima, wie Eva an
eine Freundin schreibt, »unser Leben ist dem von Mama geweiht". Eine Detmolder
Ausstellung mit dem Titel »Bayreuther Geisteswelt« zeigt im Jahr 1938, wie sich
der Antisemitismus in Bayreuth inzwischen entwickelt hat. Sie präsentiert das
Denken und Wirken der Antisemiten Arthur de Gobineau, Karl Grunsky, Alfred
Lorenz, Hans von Wolzogen und wiederum Chamberlain. Der Titel der Ausstellung
bringt auf den Punkt, wie Rassismus und Kunst zusammenhängen.
Cosima Wagner überträgt in dem Jahr, als Chamberlain zum Mitglied der Familie
wird, die Festspielleitung an ihren Sohn Siegfried. Um die Dynastie zu sichern,
heiratet dieser 1915 die Engländerin Winifred Williams. Anders als die Ehe
zwischen Chamberlain und Eva bleibt die Verbindung nicht kinderlos. In den
Jahren von 1917 bis 1920 kommen Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena auf die
Welt. Zwar baut Chamberlain zu Beginn dieser Zeit körperlich bereits ab. Vor und
nach dem 9. November 1923, Hitlers gescheitertem Putschversuch in München, aber
geht es in seinem Leben noch einmal turbulent zu. Trotz der zunächst
gescheiterten Machtübernahme entwickeln sich die Dinge in Chamberlains Sinne. Am
7. Oktober 1923 versendet er einen langen Brief an Hitler, der ihn ebenso wie
Goebbels am Krankenbett besucht: »Sie erwärmen die Herzen. […] aber trotz Ihrer
Willenskraft halte ich Sie nicht für einen Gewaltmenschen. […] Nichts wird
erreicht, solange das parlamentarische System herrscht: […] Daß Sie mir Ruhe
gaben, liegt sehr viel an Ihrem Auge und an Ihren Handgebärden. Ihr Auge ist
gleichsam mit Händen begabt, es erfaßt den Menschen und hält ihn fest […].«
Schwägerin Winifred führt den Brief der Presse zu, die ihn verbreitet. Hitler
lässt sie und ihren Mann Siegfried am 5. Mai 1924 wissen, was ihm Chamberlain
bedeutet: »Stolze Freude faßte mich, als ich den völkischen Sieg gerade in der
Stadt sah, in der, erst durch den Meister und dann durch Chamberlain, das
geistige Schwert geschmiedet wurde, mit dem wir heute fechten.«
18.07.2026 - Bayreuther Geisteswelt
Sie führen Krieg, foltern, morden, vernichten - und sind kunstbeflissen: die Männer des Nationalsozialismus. Bayreuth, die Wirkstätte Richard Wagners, ist seit etwa 1900 ein beliebter Treffpunkt völkisch denkender Kreise. Der Musik- und Theaterwissenschaftler Anno Mungen zeigt, wie Kunst, Krieg und Massenmord vor, während und nach dem Regime zusammenwirken. Im Nationalsozialismus behauptet Musik die angebliche kulturelle Überlegenheit gegenüber anderen Völkern und dem Judentum, heilt Soldaten von ihren seelischen Leiden und besänftigt die Mörder von Auschwitz nach den Selektionen. Bis heute behaupten große Teile der Wagner-Gemeinde, dass es im nationalsozialistischen Bayreuth nur der Kunst gegolten habe. Dieses Buch widerspricht und zeigt die Kontexte von Gewalt und Kultur in ihrer engen Verstrickung auf.
Beschäftigt man sich mit Kultur und Politik in Deutschland von 1933 bis 1945, begegnet einem Wagner überall: in Programmheften, Zeitungen, Büchern, Filmen, in der Wochenschau, im Radio, auf Postkarten, Briefmarken, Plakaten, an den Universitäten und Schulen; Wagner mit Hitler, mit Goebbels, mit anderen Politikern, mit seinen Nachkommen, mit den angeheirateten Familienmitgliedern. Einer der ungezählten Autoren, die den Komponisten propagieren, ist der Parteifunktionär und Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky. In seinem Buch Dein Rundfunk! stellt er heraus, dass Musik, Politik und Radio zusammengehören. Im Kapitel »Von Beethoven zu Hitler« ist nachzulesen, wie er einer Reihe von Einzelpersonen eine Gruppierung hinzufügt: »Die geistige Linie der nationalsozialistischen Rundfunkgestaltung geht bewußt von Beethoven zu Wagner, zu Nietzsche, Houston Stewart Chamberlain, dem Bayreuther Kreis des zwanzigsten Jahrhunderts und dem Ideengut des Führers.« In der Liste der Namen mittig nennt Hadamovsky jene Person, mit der der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts intensiviert nach Bayreuth gelangt. Chamberlain zieht 1908 dorthin und begrüßt sich selbst im Stile seines Vorbilds: »Willkommen in Wahnfried, wo ich Einsamer nebst der Heimath der Bayreuther Kunst, nun auch ein Heim zu finden wähnen musste, da die Herzen mir zwar nicht bluts-, wohl aber gesinnungsverwandt entgegenkamen […].« Chamberlain ist Anfang 50, als er Richard Wagners elf Jahre jüngere, noch ledige Tochter Eva Maria Freiin von Bülow umwirbt. Was die beiden, die 1908 heiraten, verbindet, sei die Liebe zu Wagners Witwe Cosima, wie Eva an eine Freundin schreibt, »unser Leben ist dem von Mama geweiht". Eine Detmolder Ausstellung mit dem Titel »Bayreuther Geisteswelt« zeigt im Jahr 1938, wie sich der Antisemitismus in Bayreuth inzwischen entwickelt hat. Sie präsentiert das Denken und Wirken der Antisemiten Arthur de Gobineau, Karl Grunsky, Alfred Lorenz, Hans von Wolzogen und wiederum Chamberlain. Der Titel der Ausstellung bringt auf den Punkt, wie Rassismus und Kunst zusammenhängen.
Cosima Wagner überträgt in dem Jahr, als Chamberlain zum Mitglied der Familie wird, die Festspielleitung an ihren Sohn Siegfried. Um die Dynastie zu sichern, heiratet dieser 1915 die Engländerin Winifred Williams. Anders als die Ehe zwischen Chamberlain und Eva bleibt die Verbindung nicht kinderlos. In den Jahren von 1917 bis 1920 kommen Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena auf die Welt. Zwar baut Chamberlain zu Beginn dieser Zeit körperlich bereits ab. Vor und nach dem 9. November 1923, Hitlers gescheitertem Putschversuch in München, aber geht es in seinem Leben noch einmal turbulent zu. Trotz der zunächst gescheiterten Machtübernahme entwickeln sich die Dinge in Chamberlains Sinne. Am 7. Oktober 1923 versendet er einen langen Brief an Hitler, der ihn ebenso wie Goebbels am Krankenbett besucht: »Sie erwärmen die Herzen. […] aber trotz Ihrer Willenskraft halte ich Sie nicht für einen Gewaltmenschen. […] Nichts wird erreicht, solange das parlamentarische System herrscht: […] Daß Sie mir Ruhe gaben, liegt sehr viel an Ihrem Auge und an Ihren Handgebärden. Ihr Auge ist gleichsam mit Händen begabt, es erfaßt den Menschen und hält ihn fest […].« Schwägerin Winifred führt den Brief der Presse zu, die ihn verbreitet. Hitler lässt sie und ihren Mann Siegfried am 5. Mai 1924 wissen, was ihm Chamberlain bedeutet: »Stolze Freude faßte mich, als ich den völkischen Sieg gerade in der Stadt sah, in der, erst durch den Meister und dann durch Chamberlain, das geistige Schwert geschmiedet wurde, mit dem wir heute fechten.«
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