Was passiert hinter den Kulissen des Bundestages? Wenn Kameras und
Mikrofone ausgeschaltet sind? Wie werden Entscheidungen getroffen und wie leicht
macht es der Bundestag seinen Abgeordneten, sich selbst zu bevorteilen? Und
warum gelingt es auch neuen Parteien nicht, das System aus Lobbyismus und
Korruption zu umgehen? Fast acht Jahre war Joana Cotar Mitglied des Deutschen
Bundestages - zunächst für die AfD, nach ihrem Parteiaustritt dann fraktionslos.
In ihrem schonungslos ehrlichen Buch öffnet sie die Türen zu einem System, das
von Machtkalkül, Privilegien, Fraktionszwängen und einer beunruhigenden
Entfremdung vom Bürger geprägt ist. Zugleich entwickelt sie konkrete Ideen, wie
ein politischer Neuanfang aussehen könnte, der Verantwortung statt Selbsterhalt
ins Zentrum rückt.
Schon vor dem Parteitag kursieren fertig
ausgeklügelte Kandidatenlisten, je besser die Absprachen, desto unkomplizierter
der Parteitag. Und wenn dann auch noch die Rede des Kandidaten sitzt, heißt es
Spiel, Satz und Sieg.
Entsprechende WhatsApp-Gruppen koordinieren die Delegierten, damit Absprachen
eingehalten werden und alle auf Kurs bleiben. Bei jedem Parteitag dasselbe Bild,
und jeder macht das Spiel mit, weil er Teil dieses Systems ist. Nicht vergessen
darf man das vorherige Mobbing der Kandidaten des anderen Lagers im Vorfeld des
Parteitages. Bereits Monate vor der entscheidenden Wahl werden Gerüchte
gestreut, Mails weitergeleitet, Telegram-Gruppen eröffnet. Im Krieg
gegeneinander wird die Vergangenheit der Kandidaten durchleuchtet, die Familien
miteinbezogen, Affären unterstellt, Wohnsitze kontrolliert, Dating-Apps
durchforstet, nachvollzogen, wer mit wem vor Jahren innerparteilich
zusammengearbeitet hat, um vielleicht eine Kontaktschuld herstellen zu können
und so weiter. Keine Schweinerei, die nicht versucht wird, um einen unliebsamen
Gegenkandidaten zu verhindern. Wer hier gewählt werden will, muss seine
Netzwerke sicher hinter sich wissen und bei der unentschlossenen Basis punkten.
Bei den Altparteien sieht das System etwas anders aus. Die Listen werden in
kleinen Zirkeln vorher ausgeklüngelt und von der Versammlung nur noch abgenickt,
damit jeder pünktlich zum Abendessen – oder zumindest zu einem Glas Wein zu
Hause sein kann. Innerparteiliche Demokratie wird dort ganz kleingeschrieben.
Zuletzt war dieses Schauspiel bei der Listenwahl der CDU Hessen zu beobachten.
Spitzenkandidatin Patricia Lips und 63 weitere Listenkandidaten wurden bei der
Landesvertreterversammlung am 14. Januar 2025 ohne Gegenkandidaten und
Diskussionen von den Delegierten einfach durchgewunken. Der
Wahlvorbereitungsausschuss der CDU Hessen hatte den Listenvorschlag
ausgearbeitet, die Delegierten mussten nur noch zustimmen. In weniger als 40
Minuten war das Spektakel vorbei. Wer hier auf die Bundestagliste kommen will,
muss also nicht bei der Basis die Strippen ziehen, sondern sollte sich unbedingt
mit den Mitgliedern des Wahlvorbereitungsausschusses gut stellen.
Was in allen Parteien dagegen gleich ist, ist der teilweise unterirdische
Umgang untereinander. Ich habe es bereits oben kurz erwähnt. Eine Sahra
Wagenknecht musste sich wegen eines Burnouts eine Zwangspause nehmen und
begründete das auch mit dem ständigen Zank und den Angriffen auf sie innerhalb
ihrer Partei, der Linken. Es sei ihr an die Substanz gegangen, sie sei müde
geworden und konnte irgendwann ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht
werden. Daher zog sie die Notbremse.
Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Sie hat recht! Mit jedem Wort!
Jedes Parteimitglied, das ein Mandat innehat, ist die meiste Zeit mit
Parteiangelegenheiten beschäftigt. Damit, Allianzen zu schmieden, Angriffe
abzuwehren, Mitglieder zu koordinieren, Aktionen zu planen und vieles mehr. Für
die eigentliche Arbeit als Abgeordneter steht durch sinnlose Kämpfe in der
eigenen Partei sehr viel weniger Zeit zur Verfügung als nötig wäre. Und je
nachdem, wie heftig die Angriffe sind, die einen treffen, leidet irgendwann auch
die Psyche. Wer nicht in der Lage ist, sich wie Angela Merkel eine
Teflonbeschichtung zuzulegen oder ein dickes Fell zu entwickeln, hat es schwer
in Partei und Politik. Auch ich kam so manches Mal an meine Grenzen, vor allem
dann, wenn meine Familie in Schmutzkampagnen mit einbezogen wurde. So fand
einmal ein Parteikollege durch eine Todesanzeige meiner Großmutter in einer
Zeitung meinen Mädchennamen heraus und recherchierte meine gesamte Familie, um
danach die Presse über vermeintlich fragwürdige Verbindungen zu informieren.
Außer dem Spiegel winkte jede seriöse Zeitung ab, trotzdem war ich fassungslos
angesichts solch einer Kampagne. Über die Jahre hinweg wurden mir in der Partei
insgesamt drei Affären unterstellt, sich öffentlich über mein Gewicht lustig
gemacht, meine nichtdeutsche Herkunft thematisiert, Interna aus Sitzungen über
die sozialen Netzwerke veröffentlicht, Abstimmungen im Bundesvorstand
durchgestochen oder schlicht Lügen erfunden, um mich bei den Delegierten, die
mich auf die Liste wählen sollten, schlecht dastehen zu lassen. All das kam
nicht vom politischen Gegner – all das kam von Parteikollegen.
Und auch wenn ich versuchte, solche Angriffe an mir abperlen zu lassen, es
gelang mir beileibe nicht immer. Zweimal waren die Lügen so absurd und sind
derart in Presse und Öffentlichkeit getragen worden, dass ich mich gezwungen
gesehen habe, eigene Kollegen abzumahnen, um meinen Ruf zu retten. Das letzte
Mal sogar innerhalb der Bundestagsfraktion. Selbst die Bundestagsverwaltung
meldete sich bei mir zurück und meinte, sie hätten so etwas noch nicht erlebt.
Es ist absurd, wenn einem nicht die außerparteilichen Gegner so zusetzen,
sondern eigene Kollegen, mit denen ich eigentlich gemeinsam für ein besseres
Deutschland kämpfen sollte. Doch ich war nicht allein mit solchen Erfahrungen.
Das Schlimmste, was ich in all den Jahren mitbekommen habe, war die öffentliche
Behauptung einiger, dass eine Bundestagskollegin ihre Krebserkrankung nur
vortäusche, um wieder auf die Liste gewählt zu werden. Die Kollegin ist nicht
mal drei Jahre nach dieser Schmutzkampagne an ihrer Erkrankung gestorben. Ja,
man blickt in der Politik manchmal in menschliche Abgründe.
In anderen Fraktionen sieht es ähnlich aus. Einer Bundestagskollegin wurde
bereits bei der Wahl in den Bundestag von ihren Parteifreunden angekündigt,
diesen »Unfall« das nächste Mal rückgängig zu machen. Entsprechend musste sie
sich vier Jahre gegen immer wiederkehrende Angriffe wehren.
Auch Stefan Gelbhaar von den Grünen hat so einiges zu erzählen über seine
Parteikollegen. Im Dezember tauchten plötzlich Belästigungsvorwürfe gegen ihn
auf. Er zog daraufhin seine Kandidatur für den Bundestag über die Landesliste
zurück. Gleichzeitig bekräftigt er aber stets, dass die Vorwürfe gegen ihn
gelogen seien. Später kam heraus, dass eine der Frauen, die diese Vorwürfe der
sexuellen Belästigung erhob – und die sogar eine eidesstattliche Versicherung
abgegeben hatte – anscheinend gar nicht existierte. Nutznießer der Affäre war
Andreas Audretsch, der Wahlkampf-Manager von Robert Habeck, der aber betonte,
mit all dem nichts zu tun zu haben. Wie dem auch sei: Gelbhaar zog 2025 nicht in
den Bundestag ein. Das Sprichwort »Feind, Todfeind, Parteifreund« kommt nicht
von ungefähr.
14.02.2026 - Jeder macht das Spiel mit
Was passiert hinter den Kulissen des Bundestages? Wenn Kameras und Mikrofone ausgeschaltet sind? Wie werden Entscheidungen getroffen und wie leicht macht es der Bundestag seinen Abgeordneten, sich selbst zu bevorteilen? Und warum gelingt es auch neuen Parteien nicht, das System aus Lobbyismus und Korruption zu umgehen? Fast acht Jahre war Joana Cotar Mitglied des Deutschen Bundestages - zunächst für die AfD, nach ihrem Parteiaustritt dann fraktionslos. In ihrem schonungslos ehrlichen Buch öffnet sie die Türen zu einem System, das von Machtkalkül, Privilegien, Fraktionszwängen und einer beunruhigenden Entfremdung vom Bürger geprägt ist. Zugleich entwickelt sie konkrete Ideen, wie ein politischer Neuanfang aussehen könnte, der Verantwortung statt Selbsterhalt ins Zentrum rückt.
Schon vor dem Parteitag kursieren fertig ausgeklügelte Kandidatenlisten, je besser die Absprachen, desto unkomplizierter der Parteitag. Und wenn dann auch noch die Rede des Kandidaten sitzt, heißt es Spiel, Satz und Sieg.
Entsprechende WhatsApp-Gruppen koordinieren die Delegierten, damit Absprachen eingehalten werden und alle auf Kurs bleiben. Bei jedem Parteitag dasselbe Bild, und jeder macht das Spiel mit, weil er Teil dieses Systems ist. Nicht vergessen darf man das vorherige Mobbing der Kandidaten des anderen Lagers im Vorfeld des Parteitages. Bereits Monate vor der entscheidenden Wahl werden Gerüchte gestreut, Mails weitergeleitet, Telegram-Gruppen eröffnet. Im Krieg gegeneinander wird die Vergangenheit der Kandidaten durchleuchtet, die Familien miteinbezogen, Affären unterstellt, Wohnsitze kontrolliert, Dating-Apps durchforstet, nachvollzogen, wer mit wem vor Jahren innerparteilich zusammengearbeitet hat, um vielleicht eine Kontaktschuld herstellen zu können und so weiter. Keine Schweinerei, die nicht versucht wird, um einen unliebsamen Gegenkandidaten zu verhindern. Wer hier gewählt werden will, muss seine Netzwerke sicher hinter sich wissen und bei der unentschlossenen Basis punkten.
Bei den Altparteien sieht das System etwas anders aus. Die Listen werden in kleinen Zirkeln vorher ausgeklüngelt und von der Versammlung nur noch abgenickt, damit jeder pünktlich zum Abendessen – oder zumindest zu einem Glas Wein zu Hause sein kann. Innerparteiliche Demokratie wird dort ganz kleingeschrieben. Zuletzt war dieses Schauspiel bei der Listenwahl der CDU Hessen zu beobachten. Spitzenkandidatin Patricia Lips und 63 weitere Listenkandidaten wurden bei der Landesvertreterversammlung am 14. Januar 2025 ohne Gegenkandidaten und Diskussionen von den Delegierten einfach durchgewunken. Der Wahlvorbereitungsausschuss der CDU Hessen hatte den Listenvorschlag ausgearbeitet, die Delegierten mussten nur noch zustimmen. In weniger als 40 Minuten war das Spektakel vorbei. Wer hier auf die Bundestagliste kommen will, muss also nicht bei der Basis die Strippen ziehen, sondern sollte sich unbedingt mit den Mitgliedern des Wahlvorbereitungsausschusses gut stellen.
Was in allen Parteien dagegen gleich ist, ist der teilweise unterirdische Umgang untereinander. Ich habe es bereits oben kurz erwähnt. Eine Sahra Wagenknecht musste sich wegen eines Burnouts eine Zwangspause nehmen und begründete das auch mit dem ständigen Zank und den Angriffen auf sie innerhalb ihrer Partei, der Linken. Es sei ihr an die Substanz gegangen, sie sei müde geworden und konnte irgendwann ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Daher zog sie die Notbremse.
Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Sie hat recht! Mit jedem Wort!
Jedes Parteimitglied, das ein Mandat innehat, ist die meiste Zeit mit Parteiangelegenheiten beschäftigt. Damit, Allianzen zu schmieden, Angriffe abzuwehren, Mitglieder zu koordinieren, Aktionen zu planen und vieles mehr. Für die eigentliche Arbeit als Abgeordneter steht durch sinnlose Kämpfe in der eigenen Partei sehr viel weniger Zeit zur Verfügung als nötig wäre. Und je nachdem, wie heftig die Angriffe sind, die einen treffen, leidet irgendwann auch die Psyche. Wer nicht in der Lage ist, sich wie Angela Merkel eine Teflonbeschichtung zuzulegen oder ein dickes Fell zu entwickeln, hat es schwer in Partei und Politik. Auch ich kam so manches Mal an meine Grenzen, vor allem dann, wenn meine Familie in Schmutzkampagnen mit einbezogen wurde. So fand einmal ein Parteikollege durch eine Todesanzeige meiner Großmutter in einer Zeitung meinen Mädchennamen heraus und recherchierte meine gesamte Familie, um danach die Presse über vermeintlich fragwürdige Verbindungen zu informieren. Außer dem Spiegel winkte jede seriöse Zeitung ab, trotzdem war ich fassungslos angesichts solch einer Kampagne. Über die Jahre hinweg wurden mir in der Partei insgesamt drei Affären unterstellt, sich öffentlich über mein Gewicht lustig gemacht, meine nichtdeutsche Herkunft thematisiert, Interna aus Sitzungen über die sozialen Netzwerke veröffentlicht, Abstimmungen im Bundesvorstand durchgestochen oder schlicht Lügen erfunden, um mich bei den Delegierten, die mich auf die Liste wählen sollten, schlecht dastehen zu lassen. All das kam nicht vom politischen Gegner – all das kam von Parteikollegen.
Und auch wenn ich versuchte, solche Angriffe an mir abperlen zu lassen, es gelang mir beileibe nicht immer. Zweimal waren die Lügen so absurd und sind derart in Presse und Öffentlichkeit getragen worden, dass ich mich gezwungen gesehen habe, eigene Kollegen abzumahnen, um meinen Ruf zu retten. Das letzte Mal sogar innerhalb der Bundestagsfraktion. Selbst die Bundestagsverwaltung meldete sich bei mir zurück und meinte, sie hätten so etwas noch nicht erlebt. Es ist absurd, wenn einem nicht die außerparteilichen Gegner so zusetzen, sondern eigene Kollegen, mit denen ich eigentlich gemeinsam für ein besseres Deutschland kämpfen sollte. Doch ich war nicht allein mit solchen Erfahrungen. Das Schlimmste, was ich in all den Jahren mitbekommen habe, war die öffentliche Behauptung einiger, dass eine Bundestagskollegin ihre Krebserkrankung nur vortäusche, um wieder auf die Liste gewählt zu werden. Die Kollegin ist nicht mal drei Jahre nach dieser Schmutzkampagne an ihrer Erkrankung gestorben. Ja, man blickt in der Politik manchmal in menschliche Abgründe.
In anderen Fraktionen sieht es ähnlich aus. Einer Bundestagskollegin wurde bereits bei der Wahl in den Bundestag von ihren Parteifreunden angekündigt, diesen »Unfall« das nächste Mal rückgängig zu machen. Entsprechend musste sie sich vier Jahre gegen immer wiederkehrende Angriffe wehren.
Auch Stefan Gelbhaar von den Grünen hat so einiges zu erzählen über seine Parteikollegen. Im Dezember tauchten plötzlich Belästigungsvorwürfe gegen ihn auf. Er zog daraufhin seine Kandidatur für den Bundestag über die Landesliste zurück. Gleichzeitig bekräftigt er aber stets, dass die Vorwürfe gegen ihn gelogen seien. Später kam heraus, dass eine der Frauen, die diese Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhob – und die sogar eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte – anscheinend gar nicht existierte. Nutznießer der Affäre war Andreas Audretsch, der Wahlkampf-Manager von Robert Habeck, der aber betonte, mit all dem nichts zu tun zu haben. Wie dem auch sei: Gelbhaar zog 2025 nicht in den Bundestag ein.
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