24.01.2026 - Wer lenkt im »deutsch-französischen Tandem«?
Jens van Scherpenberg:
Wie steht es um die deutschen Beziehungen zu den USA wirklich? Welchen
Nutzen haben Sondervermögen, Aufrüstung und Kriegsertüchtigung? Und wer trägt
die Kosten? Jens van Scherpenberg, der bis 2006 die Forschungsgruppe Amerika bei
der SWP geleitet hat, tritt der gegenwärtigen Kriegstüchtigkeitspropaganda
entschieden entgegen. Seine These in seinem neuen Buch „Großmachtsucht“:
Deutschland, wirtschaftliche Führungsmacht Europas, nutzt den Ukrainekrieg, um
nun auch die stärkste Militärmacht in einer souveränen Großmacht EU werden. Er
deckt die Interessen auf, die die Außenpolitik der Bundesrepublik seit ihrer
Gründung beherrschen. Und er plädiert dafür, sich der Vereinnahmung in das große
nationale „Wir“ zu verweigern.
Die Haltung zu Russland ist ein Teil der deutsch-französischen
Interessenidentität, was die Zukunft Europas angeht. Auch Präsident Macron geht
es noch mitten im Ukrainekrieg darum, welchen Platz Russland künftig in Europa
einnehmen könne.
Beide Staaten teilen das Interesse daran, sich nicht bedingungslos der bis zu
Trumps zweiter Präsidentschaft verfolgten amerikanischen Politik maximaler
Schwächung und Marginalisierung, wenn nicht Entwaffnung Russlands unterzuordnen,
so wie beide grundsätzlich das Ziel möglichst großer Eigenständigkeit Europas
innerhalb der westlichen Allianz verfolgen. Nur hat diese Identität eben den
kleinen Schönheitsfehler, dass beide je für sich die Führung in Europa
beanspruchen. Und ihre Rivalität ist durch den plötzlichen deutschen Anspruch,
auch militärisch die führende Rolle in Europa zu spielen, auf eine neue Ebene
gehoben.
Die Konkurrenz der beiden europäischen Führungsnationen, die ihre Interessen
und Ansprüche in Europa nicht ohne einander durchsetzen können, zugleich aber
einander auf keinen Fall den Vortritt lassen wollen, wurde in den Jahren vor dem
Ukraine-Krieg, seit der großen Europa-Rede von Macron an der Pariser
Sorbonne-Universität 2017 sowohl in programmatischen Reden wie in diplomatischen
Sticheleien immer intensiver ausgefochten. Vor allem Macrons Thema der
Fortentwicklung der EU zu einem »souveränen Europa« mit einer
vergemeinschafteten Verteidigungspolitik und einer konsolidierten europäischen
Rüstungsindustrie wurde zum Konfliktfeld zwischen Frankreich und Deutschland.
Das deutsche Echo auf die Rede fiel damals sehr verhalten aus. Denn die
Bundesregierung unterstellte wie üblich Frankreich den Versuch, auf diesem Wege
die enge sicherheitspolitische Bindung Deutschlands an die USA zu lockern und so
die Führung Frankreichs in der EU in Sachen Militär und Rüstungsindustrie
durchzusetzen.
Die Botschaft der Sorbonne-Rede war von Macron noch mehrfach wiederholt
worden, vor allem in einer Rede an der École de guerre am 7. Februar 2020. In
ihr machte er sein bisher weitreichendstes Angebot an die europäischen Partner,
gemeint war natürlich vor allem Deutschland, für einen strategischen Dialog über
die Rolle der französischen Nuklearstreitmacht, ja sogar für ihre Beteiligung an
Übungen der force de dissuasion. Doch die Bundesregierung ging auch auf
dieses Angebot nicht ein. Kein Wunder, denn ganz abgesehen davon, ob es
militärisch überhaupt sinnvoll wäre, hätte es bedeutet, die unter dem alleinigen
Kommando des Präsidenten stehende französische Nuklear-macht als zentrales
Instrument europäischer Sicherheitspolitik anzuerkennen – und damit die
Führungsrolle Frankreichs in Europa zu fixieren, also das, was Deutschland seit
Jahrzehnten zu vermeiden bestrebt war.
Unterhalb der Ebene der Nuklearmacht scheiterte der von der ehemaligen
deutschen Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer in Abstimmung mit
Bundeskanzlerin Merkel vorgeschlagene Bau eines deutsch-französischen
Flugzeugträgers von vorneherein an der Unvereinbarkeit nationaler strategischer,
technologischer und industriepolitischer Interessen. Frankreich als die
europäische Nation mit der stärksten Kriegsmarine und dem derzeit einzigen
nuklear getriebenen Flugzeugträger außerhalb der U. S. Navy ignorierte diese
plump erscheinende Avance von vorneherein. Auch seine künftigen Flugzeugträger
(porte-avions de nouvelle génération, kurz: PANG) für die 2040er-Jahre werden
aus eigener Kraft entwickelt und gebaut, als zentrales Waffensystem
französischer weltweiter Machtprojektion.
Es gibt eben kein gemeinsames deutsch-französisches Strategie-Konzept
globaler Machtprojektion und erst recht keinen »deutsch-französischen Souverän«,
dessen Machtinstrument solche Militäreinheiten sein könnten.
So rückt in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich inzwischen,
keineswegs überraschend, mehr denn je die letzte, höchste Ebene staatlicher
Souveränität, die Militärmacht, in den Vordergrund.
Das Plädoyer für verstärkte Rüstungskooperation kann nicht darüber
hinwegtäuschen, dass gerade hier jedwede deutsch-französischen
Kooperationsabsichten auf durch Misstrauen und nationale Vorbehalte besonders
vermintes Gelände stoßen.
Das ist einerseits kein Wunder, denn für jeden Staat mit Großmachtambitionen
gehören Produktion und Verwendung der wichtigsten militärischen Machtmittel zum
Kernbereich seiner Souveränität. Und Deutschland wie Frankreich sind im
Verhältnis zueinander ganz besonders auf ihre nationale Souveränität bedacht.
Andererseits sind die Entwicklungskosten moderner Großwaffensysteme für Heer,
Luftwaffe und Marine inzwischen so gewaltig, dass das Teilen von
Produktionskosten und -kompetenzen wie auch die so erreichbaren größeren
Stückzahlen, auf die sich die Kosten verteilen, wirtschaftlich immer zwingender
werden.
Hier offenbart sich ein weiteres Mal der Grundwiderspruch der
deutsch-französischen Beziehungen: Beide brauchen einander, können
militärtechnische Großvorhaben oft nurmehr gemeinsam entwickeln und finanzieren.
Und es geht dem einen wie dem an-deren Staat durchaus um ein gegenüber den USA
souveräneres Europa, darin sind sie sich einig. Daher auch ist die Spezifikation
»ITAR-frei« – also frei von Komponenten, die den amerikanischen »International
Traffic in Arms Regulations« unterliegen – ein wesentliches Merkmal der meisten
europäischen Rüstungskooperationsvorhaben, um mögliche Beschränkungen der USA
bei Export und Einsatz zu vermeiden. Zugleich aber beansprucht jede der beiden
Mächte nicht nur die Führung in gemeinsamen Rüstungs-vorhaben, sondern hütet
auch eifersüchtig das eigene technische Know-how gegenüber dem Konkurrenten und
Kooperationspartner.
24.01.2026 - Wer lenkt im »deutsch-französischen Tandem«?
Wie steht es um die deutschen Beziehungen zu den USA wirklich? Welchen Nutzen haben Sondervermögen, Aufrüstung und Kriegsertüchtigung? Und wer trägt die Kosten? Jens van Scherpenberg, der bis 2006 die Forschungsgruppe Amerika bei der SWP geleitet hat, tritt der gegenwärtigen Kriegstüchtigkeitspropaganda entschieden entgegen. Seine These in seinem neuen Buch „Großmachtsucht“: Deutschland, wirtschaftliche Führungsmacht Europas, nutzt den Ukrainekrieg, um nun auch die stärkste Militärmacht in einer souveränen Großmacht EU werden. Er deckt die Interessen auf, die die Außenpolitik der Bundesrepublik seit ihrer Gründung beherrschen. Und er plädiert dafür, sich der Vereinnahmung in das große nationale „Wir“ zu verweigern.
Die Haltung zu Russland ist ein Teil der deutsch-französischen Interessenidentität, was die Zukunft Europas angeht. Auch Präsident Macron geht es noch mitten im Ukrainekrieg darum, welchen Platz Russland künftig in Europa einnehmen könne.
Beide Staaten teilen das Interesse daran, sich nicht bedingungslos der bis zu Trumps zweiter Präsidentschaft verfolgten amerikanischen Politik maximaler Schwächung und Marginalisierung, wenn nicht Entwaffnung Russlands unterzuordnen, so wie beide grundsätzlich das Ziel möglichst großer Eigenständigkeit Europas innerhalb der westlichen Allianz verfolgen. Nur hat diese Identität eben den kleinen Schönheitsfehler, dass beide je für sich die Führung in Europa beanspruchen. Und ihre Rivalität ist durch den plötzlichen deutschen Anspruch, auch militärisch die führende Rolle in Europa zu spielen, auf eine neue Ebene gehoben.
Die Konkurrenz der beiden europäischen Führungsnationen, die ihre Interessen und Ansprüche in Europa nicht ohne einander durchsetzen können, zugleich aber einander auf keinen Fall den Vortritt lassen wollen, wurde in den Jahren vor dem Ukraine-Krieg, seit der großen Europa-Rede von Macron an der Pariser Sorbonne-Universität 2017 sowohl in programmatischen Reden wie in diplomatischen Sticheleien immer intensiver ausgefochten. Vor allem Macrons Thema der Fortentwicklung der EU zu einem »souveränen Europa« mit einer vergemeinschafteten Verteidigungspolitik und einer konsolidierten europäischen Rüstungsindustrie wurde zum Konfliktfeld zwischen Frankreich und Deutschland. Das deutsche Echo auf die Rede fiel damals sehr verhalten aus. Denn die Bundesregierung unterstellte wie üblich Frankreich den Versuch, auf diesem Wege die enge sicherheitspolitische Bindung Deutschlands an die USA zu lockern und so die Führung Frankreichs in der EU in Sachen Militär und Rüstungsindustrie durchzusetzen.
Die Botschaft der Sorbonne-Rede war von Macron noch mehrfach wiederholt worden, vor allem in einer Rede an der École de guerre am 7. Februar 2020. In ihr machte er sein bisher weitreichendstes Angebot an die europäischen Partner, gemeint war natürlich vor allem Deutschland, für einen strategischen Dialog über die Rolle der französischen Nuklearstreitmacht, ja sogar für ihre Beteiligung an Übungen der force de dissuasion.
Doch die Bundesregierung ging auch auf dieses Angebot nicht ein. Kein Wunder, denn ganz abgesehen davon, ob es militärisch überhaupt sinnvoll wäre, hätte es bedeutet, die unter dem alleinigen Kommando des Präsidenten stehende französische Nuklear-macht als zentrales Instrument europäischer Sicherheitspolitik anzuerkennen – und damit die Führungsrolle Frankreichs in Europa zu fixieren, also das, was Deutschland seit Jahrzehnten zu vermeiden bestrebt war.
Unterhalb der Ebene der Nuklearmacht scheiterte der von der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer in Abstimmung mit Bundeskanzlerin Merkel vorgeschlagene Bau eines deutsch-französischen Flugzeugträgers von vorneherein an der Unvereinbarkeit nationaler strategischer, technologischer und industriepolitischer Interessen. Frankreich als die europäische Nation mit der stärksten Kriegsmarine und dem derzeit einzigen nuklear getriebenen Flugzeugträger außerhalb der U. S. Navy ignorierte diese plump erscheinende Avance von vorneherein. Auch seine künftigen Flugzeugträger (porte-avions de nouvelle génération, kurz: PANG) für die 2040er-Jahre werden aus eigener Kraft entwickelt und gebaut, als zentrales Waffensystem französischer weltweiter Machtprojektion.
Es gibt eben kein gemeinsames deutsch-französisches Strategie-Konzept globaler Machtprojektion und erst recht keinen »deutsch-französischen Souverän«, dessen Machtinstrument solche Militäreinheiten sein könnten.
So rückt in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich inzwischen, keineswegs überraschend, mehr denn je die letzte, höchste Ebene staatlicher Souveränität, die Militärmacht, in den Vordergrund.
Das Plädoyer für verstärkte Rüstungskooperation kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade hier jedwede deutsch-französischen Kooperationsabsichten auf durch Misstrauen und nationale Vorbehalte besonders vermintes Gelände stoßen.
Das ist einerseits kein Wunder, denn für jeden Staat mit Großmachtambitionen gehören Produktion und Verwendung der wichtigsten militärischen Machtmittel zum Kernbereich seiner Souveränität. Und Deutschland wie Frankreich sind im Verhältnis zueinander ganz besonders auf ihre nationale Souveränität bedacht. Andererseits sind die Entwicklungskosten moderner Großwaffensysteme für Heer, Luftwaffe und Marine inzwischen so gewaltig, dass das Teilen von Produktionskosten und -kompetenzen wie auch die so erreichbaren größeren Stückzahlen, auf die sich die Kosten verteilen, wirtschaftlich immer zwingender werden.
Hier offenbart sich ein weiteres Mal der Grundwiderspruch der deutsch-französischen Beziehungen: Beide brauchen einander, können militärtechnische Großvorhaben oft nurmehr gemeinsam entwickeln und finanzieren. Und es geht dem einen wie dem an-deren Staat durchaus um ein gegenüber den USA souveräneres Europa, darin sind sie sich einig. Daher auch ist die Spezifikation »ITAR-frei« – also frei von Komponenten, die den amerikanischen »International Traffic in Arms Regulations« unterliegen – ein wesentliches Merkmal der meisten europäischen Rüstungskooperationsvorhaben, um mögliche Beschränkungen der USA bei Export und Einsatz zu vermeiden. Zugleich aber beansprucht jede der beiden Mächte nicht nur die Führung in gemeinsamen Rüstungs-vorhaben, sondern hütet auch eifersüchtig das eigene technische Know-how gegenüber dem Konkurrenten und Kooperationspartner.
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