Zur Startseite gehen
Ihr Konto
Anmelden
oder registrieren
Übersicht Persönliches Profil Adressen Zahlungsarten Bestellungen
BÜCHER & THEMEN
Demnächst bei Westend
Neuerscheinungen
Signierte Exemplare
Westend Academics
OPEN ACCESS
NARTHEX
Gesellschaft
Gesundheit
Essen & Trinken
Politik
Krimi
Medien
Judaica/Jüdisches Leben
Wirtschaft
Satire
Umwelt
Preisaktion
Weihnachtspakete
Polemics
AUTOREN
MEDIATHEK
VIDEOS
KOMMENTARE
PODCASTS
VERLAG
ÜBER DEN VERLAG
VORSCHAUEN
PRESSE
VERANSTALTUNGEN
RIGHTS
ANSPRECHPARTNER
EINSENDUNG VON MANUSKRIPTEN
JOBS
HANDEL
BLOGGER
PRESSESTIMMEN ÜBER DEN VERLAG
ABDRUCKRECHTE
KONTAKT
KONTAKT
ANFAHRT
HANDEL UND VERTRETER
WESTEND ACADEMICS
KONTAKT ACADEMICS
EDITION W
Termine
  1. Kommentar
4659_florian_roetzer
Kommentar

17.01.2026 - Befinden wir uns in einer Zeitenwende?

Florian Rötzer:

Zwei Intellektuelle unserer Gegenwart – Moshe Zuckermann, Historiker und Zeitdiagnostiker, und Florian Rötzer, Journalist und Philosoph – sprechen in ihrem Buch »In der Wüste der Gegenwart« über das, was unsere Zeit erschüttert. Es ist ein Experiment des freien Denkens über Grenzen hinweg: zwischen Israel und Deutschland, zwischen verschiedenen Lebensgeschichten, Prägungen und kulturellen Perspektiven. Gemeinsam werfen sie einen hellsichtigen Blick auf die Zeitenwende: den Stand der demokratischen Kultur, das Verstummen kritischer Diskurse, das Erstarken rechter Bewegungen und die Transformation der Öffentlichkeit durch Medien und Algorithmen. Sie konstatieren, dass Wissenschaft und Kultur zunehmend als Bedrohung gelten und dass die intellektuelle Auseinandersetzung in einer Welt des kulturindustriellen Lärms kaum noch Gehör findet. Doch gerade jetzt fordern sie eine neue Rolle für den Intellektuellen: als unbequemer Außenseiter, der sich nicht vereinnahmen lässt – ähnlich den Philosophen der Antike. Hier ein Auszug, ein Text von Florian Rötzer vom 15. Februar 2025.

Es ist vielleicht vermessen zu behaupten, dass wir an einem Wende-punkt der Geschichte stehen könnten. Jede Generation wird sich schließlich vorstellen wollen, zu einer entscheidenden Zeit zu leben, um die eigene Bedeutung zu steigern – auch wenn es darum geht, vor einem vermeintlichen Untergang zu stehen. Lange haben etwa die Christen auf die Apokalypse gewartet, die dann aber nie eingetreten ist. Es gibt immer Ereignisse, die einen Wendepunkt – oder mit dem Jargon des prämodernen Trauerspiels gesprochen: eine Peripetie – hin zum Katastrophalen markieren sollen.
In jüngster Zeit waren solche Wendepunkte beispielsweise der Fall der Mauer und die Auflösung der Sowjetunion, der Siegeszug der Digitalisierung und des Internets, der völkerrechtswidrige NATO-Krieg gegen Serbien kurz vor der Jahrtausendwende, der zur Abtrennung des Kosovo führte, die 9/11-Anschläge und die Kriege gegen Afghanistan, Irak und den Terrorismus kurz darauf, die globale Finanzkrise und schließlich der zum Krieg ausgewachsene NATO-Russland-Konflikt um die Ukraine.

Unter großem Beifall hatte Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022, kurz nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine, eine »Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents« ausgerufen. »Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor«, sagte er, um in den Kampf gegen das Böse im Glauben einzutreten, »auf der richtigen Seite der Geschichte« zu stehen. Es dauerte nicht lange, bis nach der Zeitenwende von Scholz für Israel und den Nahen Osten der 7. Oktober 2023 kam, der einem Blitzkrieg gleichende brutale Überfall von Hamas und anderen Palästinensern aus dem Gazastreifen auf Israel und die vernichtende Antwort der israelischen Regierung unter Netanjahu, die seitdem mit einer mörderischen und mitleidslosen Konsequenz den Gazastreifen in Schutt und Asche legen, um letztlich die Palästinenser zu vertreiben und den Landstrich zu besiedeln.

Zwei Kriege, die in sehr unterschiedlicher Weise behandelt werden und die Welt spalten. Und dann traten zwei disruptive Kräfte auf, die auch die genuin philosophische Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit verstärkt haben, weil sie Unsicherheit und Angst und die damit verbundene Härte überhandnehmen lassen. Ich meine das Eindringen der Künstlichen Intelligenz in Form der generativen Modelle in den Alltag, was das Leben der Menschen von der Arbeit bis zur Sexualität und darüber hinaus auf unabsehbare Weise verändern wird. Und den historisch gesehen fast gleichzeitigen zweiten Wahlsieg von Donald Trump, der sich an die Spitze von rechten, libertären und neoliberalen Bewegungen auf der ganzen Welt stellt und zumindest die Ordnungen, Regeln und Lebensweisen der westlichen Welt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, zu zerstören droht. Trump, der zentral auch einer »maskulinistischen Konterrevolution« (Ivan Jablonka) den Weg bereitet, erscheint als der Vollender der Wendezeit, als Sinnbild und Werkzeug des Destruktiven. Dass seine sprachlichen Äußerungen der »leichten Sprache« für Menschen mit Lese- und Verständnisschwäche gleichen, andere sprechen von »Basic Talk«, und er ganz im Sinne der Banalität des Bösen jedes Reflektieren zu vermeiden scheint oder dazu nicht fähig ist, macht ihn gleichzeitig zu einem Unterhalter und einem Akteur, der mit der Kettensäge oder dem Bagger alles für ihn und seine Interessen Hinderliche wegräumt, als ob es damit gelöst sei. Das findet zwar (noch) nicht mit einer Guillotine statt, erinnert aber an Hegels Diktum aus der Phänomenologie des Geistes über die absolute Freiheit und den Schrecken. Trump ließe sich in seinem ungetrübten Narzissmus so verstehen, dass der allgemeine Wille sich nur in einem »Selbst, das Eines ist«, verkörpert, das alle anderen Einzelnen ausschließt: »Kein positives Werk noch Tat kann die allgemeine Freiheit hervorbringen, es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.«

Nun weiß man bei Hegel, dass für ihn wie für Hölderlin der Wendepunkt eigentlich eine Öffnung für Neues ist: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Hegel hat seine Zeit in der Phänomenologie des Geistes als eine »Zeit der Geburt und des Übergangs«, als Beginn einer neuen Epoche und des revolutionären Fortschritts sehen wollen und dazu eine bekannte Beschreibung gegeben, die mich an die Gegenwart erinnert: »Der sich bildende Geist (reift) langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues seiner vorhergehenden Welt nach dem anderen auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet; der Leichtsinn wie die Langeweile, die im Bestehenden einreißen, die unbestimmte Ahnung eines Unbekannten sind Vorboten, dass etwas anderes im Anzuge ist. Dies allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt.«

Wenn der Zeitgeist heute ebenso durch eine meist als Angst erlebte Ahnung des Unbekannten im allmählichen Zerbröckeln beschrieben werden könnte – vielleicht ist die Massenmigration in die reichen Länder des Westens oder die drohende Klimakatastrophe das derzeitige Bild des befürchteten Untergangs der Kultur und der Staatlichkeit –, lässt sich aber meines Erachtens noch keine Kontur des »Rettenden« erkennen. Die alten Rezepte des Liberalismus und des Marxismus, von der Religion jeder Art ganz zu schweigen, haben sich offensichtlich erschöpft, der Blick in die Zukunft ist versperrt, die Hoffnung richtet sich einmal mehr auf die Erhaltung oder Wiederherstellung der als »gut« angesehenen Gegenwart, was im Slogan, dies oder jenes wieder groß zu machen – mit der Betonung auf »wieder« –, durchscheint. Gleichzeitig dominiert das Gefühl, dass, wenn es so weitergeht, die Katastrophe eintritt.

Wer sich nicht blind der illusionären Wiederherstellung verschreibt, sieht sich der Situation ausgesetzt, im allmählichen Zerbröckeln leben zu müssen, also nur notdürftig das Schlimmste reparieren zu können, während nebenan das nächste Teil herabfällt. Der jüdische Philosoph Vilém Flusser, der vor den Nazis geflohen ist und seine Identität schließlich als Migrant fand, hat von der Erfahrung der Bodenlosigkeit gesprochen. In Bezug auf die Wissenschaftstheorie formulierte Otto Neurath eine eindrucksvolle Metapher, die auch für unsere Situation zuzutreffen scheint: »Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.« Und wir scheinen – ohne das Ziel, das wir aus den Augen verloren haben – auch nicht mehr navigieren zu können, sondern müssen durch die die Aussicht versperrenden Wogen um das Überleben surfen.

Wir scheinen, wie in anderen Wendezeiten, keine überzeugenden Mittel und Wege des Denkens zu haben, uns in einer auseinanderfallenden Welt zurechtzufinden, ohne panisch zu werden und um uns zu schlagen, nur egoistisch im Hier und Jetzt zu leben – nach mir die Sintflut! – oder sich in einer der schon bröckelnden Denkburgen zu verbarrikadieren. Aber vielleicht sehe ich in der Situationsbeschreibung der Gegenwart auch vieles falsch.

Mehr Content von Florian Rötzer

Autoren von "Befinden wir uns in einer Zeitenwende?"

4659_florian_roetzer
Florian Rötzer

Bücher von Florian Rötzer

Wagenknecht_Couragiert-gegen-den-Strom_300CMYK
Details
Buch: 18,00 €
eBook: 14,99 €
9783864893223
Details
Buch: 22,00 €
eBook: 17,99 €
9783987913594_Wüste der Gegenwart_Coverdownload
Details
Buch: 18,00 €
eBook: 14,99 €
DER VERLAG
  • Über den Verlag
  • Ansprechpartner
  • Verlagsvorschauen
  • Presse
  • Blogger
  • Einsendungen von Manuskripten
  • Anfahrt
  • Jobs
  • Open Access
  • Westend academics
DER SHOP
INFORMATIONEN
  • FAQs
  • AGB
  • Impressum
  • Widerrufsbelehrung
  • Datenschutzbelehrung
  • Liefer- und Versandinformationen
  • Newsletter
  • Kontakt

* Alle Preise inkl. gesetzl. Mehrwertsteuer zzgl. Versandkosten und ggf. Nachnahmegebühren, wenn nicht anders angegeben.

realisiert von der eurosoft Informationstechnologie GmbH mit Shopware
Diese Website verwendet Cookies, um eine bestmögliche Erfahrung bieten zu können. Mehr Informationen ...