5000 Soldaten an die Ostfront. Gut so
Am Montag trafen die ersten Bundeswehrsoldaten in Litauen ein, bis 2027 soll es eine 5000 Mann/Frau starke Brigade sein. Bild: MoD Litauen
Nun also ist es geschafft. Und fast alle Medien jubeln: Das Vorkommando für die „Battle Group“ ist endlich abgerückt „an die Ostflanke“ und somit bereit „für den Landkrieg“ (O-Ton Habeck).
Vor 2027 wird es zu diesem Krieg allerdings nicht kommen. Denn erst dann, sagt Kriegsminister Pistorius, wird diese 5000-Mann starke Kampftruppe in Litauen einsatzfähig sein.
Und der verrückte Putin, dem ja alles zuzutrauen ist, wird sich an diesen Zeitplan halten. Er wird also, dieser kriegslüsterne Imperialist, frühestens in drei Jahren, wenn das Deutsche Heer und die Nato richtig hochgerüstet und richtig einsatzfähig sind – erst dann wird er das Baltikum angreifen. Vorher wird er das nicht tun, garantiert nicht: Es wäre ja unritterlich, geradezu unsportlich von ihm, seine Aggressions-Truppen gegen eine nicht satisfaktionsfähige Gurkentruppe antreten zu lassen.
5000 Soldaten an die Ostfront. Gut so. Das muss sein.
5000 Stellen für die Kindergrundsicherung? Nein, danke. Das muss nicht sein.
Wohin dieses Land driftet, wohin dieses Land so erschreckend konsequent geführt wird, zeigt sich exemplarisch an dieser Zahl: 5000.
Dass in diesem Land etwas fundamental aus dem Ruder läuft, das spüren viele Menschen hierzulande. Und macht ihnen Angst.
Ich bekomme in diesen Tagen Mails und Zuschriften von Lesern und Leserinnen, die einen ganz anderen Ton haben als früher, voller Sorge sind, lesen Sie einfach mal mit. Da schreibt mir eine Mutter: „Lieber Herr Luik: Es ist absolut gruselig. Wir werden gerade im Eiltempo auf Krieg vorbereitet. Noch sind die meisten Leute dagegen. Aber wie lange noch?
Wenn ich kein Kind hätte, würde ich das alles schlimm und bedrückend finden. So wird mir allerdings angst und bange.“
Eine andere Leserin schreibt: „Ja, Herr Luik, die Zeiten sind hart. Jeden Tag spricht einer vom 3. Weltkrieg. Mir ist angst und bange, schlafe schlecht. Dass wir friedensverwöhnten Nachkriegskinder so was noch befürchten müssen, hätte ich nie, nie gedacht. Wie naiv! Ich war im Ballett: „Faust“. In einer Szene metzeln sich bei gruselig martialischer Musik Soldaten nieder. Alle gleich gekleidet. So isses. Sinnlos für alle Beteiligten. Wer für wen oder was kämpft – völlig uninteressant. Hauptsache dass.“
Ein pensionierter Turnlehrer ließ mich wissen: „Wir haben damals in den achtziger Jahren die Übungsstielhandgranate aus Kriegszeiten, die wir immer zum Einschlagen der Startblöcke in den Sandboden im Stadion verwendet haben, entsorgt.
Vielleicht war das ein Fehler……..mir wird schlecht……
Ich lese inzwischen die Zeitung und Nachrichten seeeehr vorsichtig. Vieles les ich nicht. Es tut mir nicht gut, dauernd über Krieg und sonstige bedrohliche Szenarien zu lesen. Es ändert nichts an der Situation, und mir tut es nicht gut. Ich meide besser zu viel von solchen Infos.
Es gab einen Kommentar, dass diejenigen, die sich so verhalten der AfD zu zuzuordnen sind. Das finde ich bösartig und grottenfalsch. Ich sehe es als reinen Selbstschutz.“
Ich schaue zum Fenster raus, sehe die Blumen, die Magnolien, die Tulpen gehen auf. Der Giersch wächst, ja. Und wie sich diese Schneeglöckchen vor ein paar Wochen durch die fast noch gefrorene Erde bohrten – und unbedingt nach oben wollten. Zur Sonne! Zur Freiheit! Und wie an fast allen Bäumen nun Knospen sind, Blüten. Und der Wald, den ich vom Küchenfenster aus sehen kann, gestern noch grau, düster, aschfahl und heute: frisch hellgrün.
Die Natur erwacht – es ist so schön.
Schön und traurig, denn da ist ja auch diese andere Realität, die …
Vor einigen Jahren, ein paar Tage vor seinem Tod, traf ich den Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler zum Gespräch. Ursula von der Leyen, man erinnert sich daran kaum mehr, war damals Verteidigungsministerin. Wehler: „Dass sich von der Leyen so für bewaffnungsfähige Drohnen einsetzt, ist fatal. Damit wird eine Grenze überschritten, die ein Rechtsstaat nicht überschreiten darf. Vor Kurzem hätte ich solche Vorschläge für undenkbar gehalten.“ Das war 2014. Inzwischen sind diese bewaffneten Drohnen normal, inzwischen geht es in den Worten von Katharina Barley, der sozialdemokratischen Spitzenkandidatin zur Europawahl, um unfassbar viel mehr: um EU-Atomwaffen.
Ich schaue zum Fenster raus, sehe die Blumen, die Magnolien, ein Paradies, das kein Paradies ist, und ich habe plötzlich im Ohr, es war neulich bei einer Lesung von mir, da stand ein Mann auf, sagte: „Ich bin Jahrgang 1938. Ich habe die Bombenangriffe auf Hamburg erlebt. Ich war nach dem Krieg einer der ersten Kriegsdienstverweigerer – ich möchte nicht nochmals erleben, dass … aber jetzt …“
Er schluchzt, bricht seinen Satz ab, setzt sich.
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