Über die KI- und Drohnendystopie zwischen Gaza und Afghanistan
Palestinian News & Information Agency (Wafa) in contract with APAimages, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Aktuelle Recherchen verdeutlichen, dass Israels Krieg im Gaza-Streifen mittlerweile ein dystopisches Stadium erreicht hat.
Laut dem israelisch-palästinensischen Magazin +972mag wendet das israelische Militär ein KI-Programm namens „Lavender“ an, um Hamas-Ziele zu finden und zu töten. Geschrieben wurde der ausführliche Text vom Journalisten und Berlinale-Preisträger Yuval Abraham. Laut diesem hat die KI der IDF mindestens 37.000 Menschen als „Terroristen“ abgestempelt und zum Abschuss freigegeben. Zivile Opfer werden dabei Whistleblowern aus Geheimdienstkreisen zufolge bewusst verursacht. So seien bei Hamas-Kämpfern mit niedrigem Rang 15 bis 20 zivile Opfer tolerabel. Bei hochrangigen Kommandanten werden gar über 100 zivile Todesopfer in Kauf genommen. Ebenso schockierend ist der Umstand, dass Wohnblocks mit Familien gezielt bombardiert werden, weil dem Militär zufolge die Erfassung der Ziele einfacher sei, wenn diese sich unter ihren Familien aufhalten würden. Hier kommt eine weitere KI, die mit „Lavender“ zusammenfließt und den zynischen Namen „Where is Daddy?“ trägt, zum Einsatz.
World Central Kitchen: Gejagt und getötet
„Lavender“ handelt praktisch vollkommen autonom. Menschliche Intervention findet, wenn überhaupt, nur für wenige Sekunden statt, um Zeit zu sparen, etwa, wenn die KI eine weibliche Zielperson erfasst hat. Der Grund: Die meisten Terroristen seien Männer. Auch andere Kriterien spielen bei der Zielausauswahl eine Rolle, etwa Kontaktschuld mit möglichen Hamas-Mitgliedern (im überaus engen Gaza-Streifen!) oder der alltägliche Smartphone-Gebrauch. Auch wer sein Handy zu oft austauscht, kann zum Ziel werden.
Weitere, durchaus schockierende Erkenntnisse erinnern an andere Konflikte, etwa an den „War on Terror“ der Amerikaner in Afghanistan und anderswo. 2012 wurde bekannt, dass Washington jede „männliche Person im wehrfähigen Alter“ („military-aged male“) im Umfeld eines Drohnenangriffs per se als „feindlichen Kombattanten“ betrachtet, solange Gegenteiliges nicht bewiesen wurde. Auch „Lavender“ macht nicht vor minderjährigen Palästinensern halt. Hinzu kommt, dass die Zielgenerierung kein Ende kennt. „Lavender“ wertet permanent zahlreiche Überwachungsdaten aus und liefert neue Ziele, die im Anschluss von Kampfjets oder bewaffneten Drohnen bombardiert werden.
Kritiker heben in diesem Kontext hervor, dass zivile Opfer nicht nur in Kauf, sondern sehr bewusst vom israelischen Militär herbeigeführt werden. Das prominenteste Beispiel hierfür ist wohl der Drohnenangriff auf den Hilfskonvoi der NGO World Central Kitchen, der sieben Mitarbeitern, darunter mehrere Staatsbürger westlicher Staaten, das Leben kostete. Die Opfer des Angriffs wechselten ganze drei Mal ihren Wagen, der obendrein noch mit dem Logo der NGO markiert war, und wurden dennoch von der israelischen Drohne gejagt und getötet. José Andrés, Chef der NGO, sprach von einem systematischen Angriff. „Das war keine Situation, in der man sagen kann: ‚Ups, wir haben die Bombe am falschen Ort abgeworfen‘“, so Andrés.
Folge des „Todes per Knopfdruck“
Tatsächlich ist der Massenmord mittels KI eine direkte Folge des Todes per Knopfdruck, der im Zuge der Antiterror-Kriege der letzten zwei Jahrzehnte etabliert wurde. Jegliches Verständnis von Ethik, Moral und Rechtsstaatlichkeit fällt bei dieser Art der Kriegsführung weg. Hinzu kommt, dass sie keineswegs zu einem Erfolg führt, sondern lediglich neue Terroristen züchtet. Auch dies macht der desaströse Ausgang des Krieges in Afghanistan deutlich: Viele der Taliban-Führer, die in den letzten Jahren nach vermeintlich präzisen Drohnenoperationen getötet wurden, regieren heute in Kabul und sind stärker denn je zuvor.
Auch ein genauer Blick auf die Technologien erklärt vieles: Am 7. Oktober 2001 fand der allererste Drohnenangriff der Menschheitsgeschichte im südafghanischen Kandahar statt. Ziel war der Taliban-Gründer und damalige Führer Mullah Omar (der erst über ein Jahrzehnt später eines natürlichen Todes verstarb und jahrelang nahe einer US-Basis lebte und unentdeckt blieb!). Der erste Einsatz der bewaffneten Predator-Drohne hatte allerdings eine lange Vorgeschichte, deren Protagonist der israelisch-amerikanische Ingenieur Abraham Karem ist. Karem, vom Pentagon auch als „Drohnen-Moses“ bezeichnet, gilt als Vater des amerikanischen Drohnenprogramms und war einst für das israelische Rüstungsunternehmen Israel Aircraft Industries tätig. Seine Selbstverwirklichung fand allerdings erst in den USA statt, wo er seine „Traumdrohnen“, die Amber und die Gnat, entwickelte. Sie gelten als Vorläufer der Predator-Drohne, die später mit Hellfire-Raketen ausgestattet und im Laufe des „War on Terror“ in zahlreichen Ländern zum Einsatz kam.
Bis 2021 war Afghanistan aufgrund des stetigen Einsatzes der Amerikaner das am meisten von Drohnen bombardierte Land der Welt. In den zwanzig Jahren des Krieges wurden mehrere 10.000 Afghanen durch die Drohnenangriffe getötet. Viele Menschen im Land waren aufgrund der Präsenz der Killermaschinen, denen sie unterschiedliche Namen gaben, traumatisiert. „Wir richten unseren Alltag nach den Drohnen. Unsere Kinder gehen nicht raus zum Spielen, weil sie Angst haben“, erzählte mir ein Bauer in der Provinz Maidan Wardak nahe Kabul, als ich ihn im Mai 2017 aufsuchte.
Über die mörderischen Auswirkungen des Programms wussten auch jene Bescheid, die einst Teil davon waren. Ähnlich wie heute im Fall von Gaza kamen viele Details dank Whistleblowern ans Tageslicht. Einer von ihnen, der ehemalige Drohnenoperator Michael Haas, meinte etwa, dass er seine Opfer vollkommen entmenschlichte, bevor diese ausgelöscht wurden. Es war, als sei er auf Ameisen getreten.
Für die CIA und das US-Militär spielten derartige Details noch die zahlreichen Misserfolge eine Rolle. Während die Öffentlichkeit immer mehr über die Grauen des Drohnenkriegs erfuhr, bastelte sie bereits an den nächsten Schritt und wollten Drohnen mit KI ausstatten. Die ersten Versuche fanden damals in der amerikanischen Wüste statt. Auch Technologie-Konzerne wie „Google“ stellten dem US-Militär ihre KI zur Verfügung. Die Zielattrappen trugen Turbane oder waren Moscheenachbauten. Die Menschen, die heute im Gaza-Streifen von „Lavender“ und Co. hingerichtet werden, sind echt.
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