Die aktuelle Lage der Ukraine ist der Tatsache geschuldet, dass die
westlichen Länder den Konflikt fundamental falsch verstehen. Emotionen bilden
die Grundlage für Entscheidungen, Fakten werden entsprechend ausgewählt und
interpretiert. Ein wichtiger Teil der Geschichte wurde schlicht verschwiegen
zugunsten eines Narrativs, das uns in eine Sackgasse geführt hat, sagt Jacques
Baud. Er bietet eine faktenbasierte Analyse der diplomatischen und politischen
Dynamiken des Ukraine-Konflikts und befasst sich insbesondere mit der
Entwicklung des Verhandlungsprozesses zwischen der Ukraine und Russland seit
2014. Das Buch beleuchtet die bisweilen angespannten Beziehungen zwischen den
westlichen Ländern, die Rolle der Vereinigten Staaten, die Positionen der
Protagonisten und ihre Interessen in diesem Konflikt. Werden Russen und Ukrainer
eine Einigung erzielen können? Welche Faktoren werden eine politische Lösung
bestimmen?
Im Jahr 2025 entwickelt sich die militärische Lage ganz klar zu Ungunsten der
Ukraine, aber der westliche Diskurs verändert sich nur sehr leicht. Man weiß,
dass sich die Ukraine in einer verzweifelten Lage befindet, weigert sich aber,
dies öffentlich einzugestehen und damit das seit 2014 und bis 2022
vorherrschende Narrativ in Frage zu stellen.
Diese leichte Veränderung wird aber durch die Unnachgiebigkeit in Bezug auf
Verhandlungen mit Russland im Keim erstickt. Vielleicht spielt auch Rachsucht
eine Rolle. Die Europäer wissen, dass sie Selenskyj daran gehindert haben, ein
Abkommen mit Russland zu unterzeichnen, das dem Land Frieden gebracht hätte.
Dazu haben sie ihm Hilfe »so lange wie nötig« versprochen. Sie hatten aber nicht
gedacht, dass es dermaßen lange dauern würde, und in ihren Ländern keine
Maßnahmen für eine solche Situation getroffen. Die Europäer sind heute die
Gefangenen ihrer eigenen Versprechungen, die gemacht wurden, ohne an die Folgen
zu denken.
Dem Westen mangelt es nicht an Entschlossenheit, die Ukraine zu unterstützen,
sondern an den Mitteln und an einem greifbaren Ziel. Diese Lage beginnt ihren
Willen zu beeinträchtigen. Der Westen ist am Ende seiner Möglichkeiten
angekommen. Die »großen« europäischen Länder sind in einer katastrophalen
wirtschaftlichen und sozialen Lage. Ihre industriellen Kapazitäten können
demzufolge den Bedarf der ukrainischen Armee nicht decken. Und zu allem
Überfluss hat sich die EU im Dezember 2024 eine Vertreterin für Äußere
Angelegenheiten gegeben, die wahrscheinlich an Inkompetenz alle in den letzten
Jahrzehnten übertrifft. Unfähig zu kritischem Abstand und besessen von Russland,
besteht ihr persönliches Ziel in der Zerstückelung dieses Landes. Kaja Kallas
ist die Galionsfigur einer oberflächlichen, ungebildeten und arroganten
politischen Klasse.
Das Hauptproblem des Westens besteht darin, dass er kein wirkliches Ziel
besitzt. Gewiss hatte Bruno Le Maire im Jahr 2022 er-klärt, es gehe darum, den
Zusammenbruch Russlands herbeizuführen. Ein Ziel, das auf einer dramatischen
Unterschätzung der russischen Wirtschaft gründete und sich offensichtlich seit
2023 außer Reichweite befindet. Seit 2023 ist es aber niemandem gelungen, ein
neues, für die Ukraine erreichbares Ziel zu formulieren. Ein Sieg wird aber
durch das Erreichen der formulierten Ziele bestimmt. Wenn man kein einziges Ziel
klar benennen kann, dann wird es unmöglich zu bestimmen, was denn ein Sieg wäre.
Im November 2024 schreibt Megan K. Stack in der New York Times: »Ich
denke, es ist gerechtfertigt, den Ukrainekrieg als einen Stellvertreterkrieg zu
bezeichnen. Denn man kann zu dem Schluss kommen, dass die Biden-Administration
diesen Krieg nicht nur aus Achtung vor dem gerechten Willen der Ukrainer, die
Russen abzuwehren, unterstützt hat. Sie tat es auch, weil dieser Krieg eine
Gelegenheit darstellte, unseren Feind zu schwächen, ohne ihn direkt anzugehen.«
Sie tut hier nichts anderes, als ein Ziel wiederzugeben, das bereits vom
Atlantic Council geäußert wurde6 und sich im Zentrum der westlichen und
insbesondere der europäischen Politik befindet. Wie es Kaja Kallas am 20.
November 2025 ausdrückte, zielt der Westen auf eine Schwächung Russlands. Für
die Ukraine hat sie jedoch lediglich das Ziel, die Ukraine zu unterstützen, ohne
bestimmen zu können, was genau ein Sieg für ebenjene sein könnte. Anders
ausgedrückt hat Europa keine Strategie für einen ukrainischen Sieg, sondern nur
für eine Schwächung Russlands.
Wenn sich also Donald Trump vom Konflikt zurückziehen will, dann tut er das
in dem Wissen, dass die Vereinigten Staaten keinen Sieg erringen werden.
Ihrerseits sind die Europäer nicht in der Lage, die Verantwortung für den
Konflikt von den Amerikanern zu übernehmen. Ihre Strategie beschränkt sich
darauf, die Amerikaner mit allen Mitteln in Europa zu halten. Die
Herausforderung für die Europäer besteht im Bewahren der amerikanischen
Unterstützung. Währenddessen sind sie durch das Fehlen eines klaren Ziels für
die Ukraine zu einem endlosen Krieg verdammt.
Selbst wenn sie einen bescheidenen Eindruck macht, so befindet sich Russland
doch auf der Erfolgsspur. Je mehr Sanktionen gegen Russland angehäuft werden, je
mehr die Europäer ihre Abneigung gegen eine diplomatische Lösung zeigen, desto
positiver wird der Moskauer Standpunkt in Russland aufgenommen und mobilisiert
die Menschen. Kaja Kallas ist sprichwörtlich zu einem »Geschenk für den Kreml«
geworden. Man hat es in Brüssel eindeutig mit einem großen Defizit an
strategischem Denken zu tun.
31.10.2026 - Die Herausforderungen für den Westen
Die aktuelle Lage der Ukraine ist der Tatsache geschuldet, dass die westlichen Länder den Konflikt fundamental falsch verstehen. Emotionen bilden die Grundlage für Entscheidungen, Fakten werden entsprechend ausgewählt und interpretiert. Ein wichtiger Teil der Geschichte wurde schlicht verschwiegen zugunsten eines Narrativs, das uns in eine Sackgasse geführt hat, sagt Jacques Baud. Er bietet eine faktenbasierte Analyse der diplomatischen und politischen Dynamiken des Ukraine-Konflikts und befasst sich insbesondere mit der Entwicklung des Verhandlungsprozesses zwischen der Ukraine und Russland seit 2014. Das Buch beleuchtet die bisweilen angespannten Beziehungen zwischen den westlichen Ländern, die Rolle der Vereinigten Staaten, die Positionen der Protagonisten und ihre Interessen in diesem Konflikt. Werden Russen und Ukrainer eine Einigung erzielen können? Welche Faktoren werden eine politische Lösung bestimmen?
Im Jahr 2025 entwickelt sich die militärische Lage ganz klar zu Ungunsten der Ukraine, aber der westliche Diskurs verändert sich nur sehr leicht. Man weiß, dass sich die Ukraine in einer verzweifelten Lage befindet, weigert sich aber, dies öffentlich einzugestehen und damit das seit 2014 und bis 2022 vorherrschende Narrativ in Frage zu stellen.
Diese leichte Veränderung wird aber durch die Unnachgiebigkeit in Bezug auf Verhandlungen mit Russland im Keim erstickt. Vielleicht spielt auch Rachsucht eine Rolle. Die Europäer wissen, dass sie Selenskyj daran gehindert haben, ein Abkommen mit Russland zu unterzeichnen, das dem Land Frieden gebracht hätte. Dazu haben sie ihm Hilfe »so lange wie nötig« versprochen. Sie hatten aber nicht gedacht, dass es dermaßen lange dauern würde, und in ihren Ländern keine Maßnahmen für eine solche Situation getroffen. Die Europäer sind heute die Gefangenen ihrer eigenen Versprechungen, die gemacht wurden, ohne an die Folgen zu denken.
Dem Westen mangelt es nicht an Entschlossenheit, die Ukraine zu unterstützen, sondern an den Mitteln und an einem greifbaren Ziel. Diese Lage beginnt ihren Willen zu beeinträchtigen. Der Westen ist am Ende seiner Möglichkeiten angekommen. Die »großen« europäischen Länder sind in einer katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Lage. Ihre industriellen Kapazitäten können demzufolge den Bedarf der ukrainischen Armee nicht decken.
Und zu allem Überfluss hat sich die EU im Dezember 2024 eine Vertreterin für Äußere Angelegenheiten gegeben, die wahrscheinlich an Inkompetenz alle in den letzten Jahrzehnten übertrifft. Unfähig zu kritischem Abstand und besessen von Russland, besteht ihr persönliches Ziel in der Zerstückelung dieses Landes. Kaja Kallas ist die Galionsfigur einer oberflächlichen, ungebildeten und arroganten politischen Klasse.
Das Hauptproblem des Westens besteht darin, dass er kein wirkliches Ziel besitzt. Gewiss hatte Bruno Le Maire im Jahr 2022 er-klärt, es gehe darum, den Zusammenbruch Russlands herbeizuführen. Ein Ziel, das auf einer dramatischen Unterschätzung der russischen Wirtschaft gründete und sich offensichtlich seit 2023 außer Reichweite befindet. Seit 2023 ist es aber niemandem gelungen, ein neues, für die Ukraine erreichbares Ziel zu formulieren. Ein Sieg wird aber durch das Erreichen der formulierten Ziele bestimmt. Wenn man kein einziges Ziel klar benennen kann, dann wird es unmöglich zu bestimmen, was denn ein Sieg wäre.
Im November 2024 schreibt Megan K. Stack in der New York Times:
»Ich denke, es ist gerechtfertigt, den Ukrainekrieg als einen Stellvertreterkrieg zu bezeichnen. Denn man kann zu dem Schluss kommen, dass die Biden-Administration diesen Krieg nicht nur aus Achtung vor dem gerechten Willen der Ukrainer, die Russen abzuwehren, unterstützt hat. Sie tat es auch, weil dieser Krieg eine Gelegenheit darstellte, unseren Feind zu schwächen, ohne ihn direkt anzugehen.«
Sie tut hier nichts anderes, als ein Ziel wiederzugeben, das bereits vom Atlantic Council geäußert wurde6 und sich im Zentrum der westlichen und insbesondere der europäischen Politik befindet. Wie es Kaja Kallas am 20. November 2025 ausdrückte, zielt der Westen auf eine Schwächung Russlands. Für die Ukraine hat sie jedoch lediglich das Ziel, die Ukraine zu unterstützen, ohne bestimmen zu können, was genau ein Sieg für ebenjene sein könnte. Anders ausgedrückt hat Europa keine Strategie für einen ukrainischen Sieg, sondern nur für eine Schwächung Russlands.
Wenn sich also Donald Trump vom Konflikt zurückziehen will, dann tut er das in dem Wissen, dass die Vereinigten Staaten keinen Sieg erringen werden. Ihrerseits sind die Europäer nicht in der Lage, die Verantwortung für den Konflikt von den Amerikanern zu übernehmen. Ihre Strategie beschränkt sich darauf, die Amerikaner mit allen Mitteln in Europa zu halten. Die Herausforderung für die Europäer besteht im Bewahren der amerikanischen Unterstützung. Währenddessen sind sie durch das Fehlen eines klaren Ziels für die Ukraine zu einem endlosen Krieg verdammt.
Selbst wenn sie einen bescheidenen Eindruck macht, so befindet sich Russland doch auf der Erfolgsspur. Je mehr Sanktionen gegen Russland angehäuft werden, je mehr die Europäer ihre Abneigung gegen eine diplomatische Lösung zeigen, desto positiver wird der Moskauer Standpunkt in Russland aufgenommen und mobilisiert die Menschen. Kaja Kallas ist sprichwörtlich zu einem »Geschenk für den Kreml« geworden. Man hat es in Brüssel eindeutig mit einem großen Defizit an strategischem Denken zu tun.
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