25.10.2026 - Neuer Erreger, neue Regeln, alte Macht
Tom Lausen:
Wer entschied während der Pandemie tatsächlich? Wer prüfte die Folgen der
Maßnahmen? Wer widersprach? Und warum werden Erinnerungen dort unscharf, wo
Entscheidungen besonders folgenreich waren? Sechs Jahre später arbeitet der
Bundestag die Corona-Jahre auf. Tom Lausen sitzt als Sachverständiger mitten in
der dafür zuständigen Enquete-Kommission. Dort haben alle Teilnehmer fünf
Minuten für Frage und Antwort. Fünf Minuten für Minister, Behördenchefs,
Modellierer - und für Entscheidungen, die Millionen Menschen trafen. Fünf
Minuten gegen die Macht. Je tiefer die Enquete gräbt, desto verstörender das
Bild: Modelle wurden zu Gewissheiten. Zuständigkeiten ersetzten Verantwortung.
Protokolle werden dünn. Und reale Daten passen nicht immer zur Geschichte, die
geblieben ist. Ulrike und Tom Lausen führen in diesem Buch in den Maschinenraum
dieser Aufarbeitung. Denn bevor über die nächste Pandemie gesprochen wird, muss
eine Frage beantwortet werden: Stimmte überhaupt, was damals als alternativlos
galt?
Die Corona-Aufarbeitung müsste eigentlich mit einer ganz einfachen Frage
beginnen: Hatten wir vor 2020 Pandemiepläne – und falls ja, warum verhielten wir
uns plötzlich so, als hätte niemand je einen geschrieben?
Denn Pandemiepläne waren keine dekorativen Ordner für Behördenregale, keine
Verwaltungslyrik für Fortbildungen und auch keine Papierbeschwerer mit
Bundesadler. Sie waren geronnene Erfahrung. Darin stand, wie ein Staat auf
epidemische Lagen reagieren sollte: beobachten, messen, Gefahren bestimmen,
Risikogruppen schützen, Versorgung sichern, Schäden abwägen, Maßnahmen abstufen
und Grundrechte nicht schon deshalb vorsorglich entsorgen, weil ein Modell nicht
ganz genau passte.
Dann kam Corona und damit offenbar die Erkenntnis, dass ein Pandemieplan vor
allem so lange gilt, bis eine Pandemie beginnt. Das ist ungefähr so, als
würde die Feuerwehr im Brandfall erklären, der Brandschutzplan sei leider für
ruhigere Zeiten gedacht gewesen. Plötzlich galt vieles nicht mehr. Nicht,
weil sauber dokumentiert worden wäre, dass die bisherigen Ansätze falsch waren.
Nicht, weil eine belastbare Gefahrenanalyse gezeigt hätte, dass nur noch
Schulschließungen, Besuchsverbote, Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote,
Maskenpflichten, aufgeschobene Operationen und gesellschaftlicher Stillstand
infrage kamen. Sondern weil ein neuer Erreger, Bilder aus dem Ausland,
dramatische Modellrechnungen und eine politisch äußerst ergiebige Unsicherheit
gemeinsam stärker wurden als die vorbereitete Ordnung.
Der Pandemieplan wurde nicht fortgeschrieben. Er wurde überrumpelt. Wie bei
jeder guten Überrumpelung stellte man später fest, dass leider keine Zeit für
die Einhaltung jener Regeln gewesen sei, die genau für den Fall knapper Zeit
geschrieben worden waren.
Das alte Wissen war eigentlich unspektakulär. Gefährlichkeit muss bestimmt,
schwere Krankheitslast gemessen werden. Der Schutz vulnerabler Menschen bedeutet
nicht zwangsläufig eine Stilllegung der Gesamtgesellschaft. Krankenhäuser sollte
man nicht blind frei halten während man gleichzeitig vor ihrer Überlastung
warnt.
Schulen sind keine Orte, in denen beliebig Kontakte reduziert werden können.
Modelle sind Hilfsmittel und keine Durchführungsverordnungen. Im Jahr 2020
wurde diese Ordnung durch eine neue politische Methode ersetzt. Die Methode war
erheblich moderner, schneller und vor allem machttauglicher.
Unsicherheit erzeugte Handlungsdruck und Modelle lieferten die Drohkulisse.
Die Medien verstärkten die Angst stetig und die Politik erklärte sämtliche
Eingriffe für alternativlos.
Wer nach der tatsächlichen Krankheitslast fragte, geriet schnell in den
Verdacht, an Menschenleben sparen zu wollen, denn die Angst wurde zum
Betriebssystem der Politik und die Grundrechte liefen nur noch im
Energiesparmodus.
Die gefährlichste Formel für die Zukunft klingt dabei zunächst ausgesprochen
vernünftig: »Das hängt vom Erreger ab.« Ja, natürlich hängt eine
medizinische Reaktion immer vom Erreger ab. Auch die Wahl eines Regenschirms
hängt vom Wetter ab. Problematisch wird es erst, wenn derjenige, der das
Wetter definiert, zugleich den Schirm verkauft, den Ausnahmezustand ausruft und
später erklärt, die Niederschlagsmessung sei leider noch nicht vollständig
gewesen.
»Das hängt vom Erreger ab« klingt nach Differenzierung. Tatsächlich kann der
Satz zum Generalschlüssel für jede künftige Abweichung werden. Dieser Erreger
ist gefährlich anders, da er absolut neu und besonders schwer einzuschätzen ist.
Daher müssen wir dieses Mal schneller sein und können nicht erst auf
belastbare Daten warten. Wir müssen der Lage voraus sein, denn die
Modellrechnungen prophezeien eine Katastrophe. Schon steht der alte Pandemieplan
wieder vor der Tür und wird von vornherein als nicht passend ausgeschlossen.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Maßnahmen vom Erreger abhängen.
Die zentrale Frage lautet: Wer darf behaupten, was dieser Erreger rechtfertigt?
Abhängig von welcher Eigenschaft des Erregers soll entschieden werden? Auf
Basis der Infektiosität oder der Letalität? Hängt es von der Zahl schwerer
Erkrankungen ab und nur von den darauf folgenden Hospitalisierungen? Oder müssen
die schweren Erkrankungen intensivpflichtig sein? Was ist mit der
Altersverteilung und der Sterblichkeit in Pflegeheimen? Könnte regionale
Belastung auch ein reales Problem sein oder doch nur die allgemeine Überlastung?
Können Entscheidungen auch von einer WHO-Erklärung, einer ECDC-Empfehlung oder
gar von einer Modellkurve abhängen? Welche Bilder sehen wir im Ausland und wie
laut war es auf den letzten Pressekonferenzen? Oder hängen die Entscheidungen am
Ende einfach nur ab von der politischen Sorge, später nicht streng genug gewirkt
und gehandelt zu haben?
Ein Erreger ist nicht schon deshalb außergewöhnlich gefährlich, weil er neu
ist.
Er ist auch nicht außergewöhnlich gefährlich, nur weil ein Modell
eindrucksvoll aussieht oder Bilder aus einem anderen Land schockieren. Und er
ist schon gar nicht außergewöhnlich gefährlich, weil Politiker bei seiner
Erwähnung ernste Gesichter machen.
Die Gefährlichkeit eines Erregers muss zunächst einmal festgestellt werden,
und zwar: klinisch, regional, altersbezogen.
Diese Erfassungen müssen unmittelbar geschehen und akribisch dokumentiert
werden, damit man später noch erkennen kann, wer wann aufgrund welcher Daten zu
welcher Bewertung kam.
Genau daran fehlte es 2020 in der erforderlichen Härte. Der Staat griff früh
und sehr tief ein. Die Schulen wurden geschlossen, planbare Operationen
verschoben, Pflegeheime abgeschottet, Kontakte verboten und das
gesellschaftliche Leben nahezu komplett heruntergefahren.
Zugleich waren die zentralen Daten zur tatsächlichen Krankenhaus- und
Versorgungslage nicht annähernd so belastbar wie die Maßnahmen, die man auf
ihrer Grundlage zu rechtfertigen versuchte.
Die Politik griff tiefer ein, als sie messen konnte und das war der
eigentliche Bruch.
Später hieß es, man habe unter Unsicherheit entscheiden müssen. Das ist
richtig. Die Unsicherheit gab es, nur ist sie kein Blankoscheck, vor allem weil
man nichts tat, um die Unsicherheit zu beseitigen.
Sie ist kein Grund, Grundrechte vorsorglich in Quarantäne zu schicken. Im
Gegenteil: Je unsicherer die Lage ist, desto strenger müsste der Staat seine
eigene Macht begrenzen. Die viel zitierte Unwissenheit hätte zu deutlich kürzer
befristeten Maßnahmen führen müssen! Wenn eine Modellrechnung so stark wirkt,
sollten die daraus resultierenden Annahmen umso offener dargestellt werden. Bei
derart massiven Eingriffen müsste zudem die Schadensbilanz sehr viel genauer
geführt werden. Im Jahr 2020 geschah häufig das Gegenteil.
25.10.2026 - Neuer Erreger, neue Regeln, alte Macht
Wer entschied während der Pandemie tatsächlich? Wer prüfte die Folgen der Maßnahmen? Wer widersprach? Und warum werden Erinnerungen dort unscharf, wo Entscheidungen besonders folgenreich waren? Sechs Jahre später arbeitet der Bundestag die Corona-Jahre auf. Tom Lausen sitzt als Sachverständiger mitten in der dafür zuständigen Enquete-Kommission. Dort haben alle Teilnehmer fünf Minuten für Frage und Antwort. Fünf Minuten für Minister, Behördenchefs, Modellierer - und für Entscheidungen, die Millionen Menschen trafen. Fünf Minuten gegen die Macht. Je tiefer die Enquete gräbt, desto verstörender das Bild: Modelle wurden zu Gewissheiten. Zuständigkeiten ersetzten Verantwortung. Protokolle werden dünn. Und reale Daten passen nicht immer zur Geschichte, die geblieben ist. Ulrike und Tom Lausen führen in diesem Buch in den Maschinenraum dieser Aufarbeitung. Denn bevor über die nächste Pandemie gesprochen wird, muss eine Frage beantwortet werden: Stimmte überhaupt, was damals als alternativlos galt?
Die Corona-Aufarbeitung müsste eigentlich mit einer ganz einfachen Frage beginnen: Hatten wir vor 2020 Pandemiepläne – und falls ja, warum verhielten wir uns plötzlich so, als hätte niemand je einen geschrieben?
Denn Pandemiepläne waren keine dekorativen Ordner für Behördenregale, keine Verwaltungslyrik für Fortbildungen und auch keine Papierbeschwerer mit Bundesadler. Sie waren geronnene Erfahrung. Darin stand, wie ein Staat auf epidemische Lagen reagieren sollte: beobachten, messen, Gefahren bestimmen, Risikogruppen schützen, Versorgung sichern, Schäden abwägen, Maßnahmen abstufen und Grundrechte nicht schon deshalb vorsorglich entsorgen, weil ein Modell nicht ganz genau passte.
Dann kam Corona und damit offenbar die Erkenntnis, dass ein Pandemieplan vor allem so lange gilt, bis eine Pandemie beginnt.
Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr im Brandfall erklären, der Brandschutzplan sei leider für ruhigere Zeiten gedacht gewesen.
Plötzlich galt vieles nicht mehr. Nicht, weil sauber dokumentiert worden wäre, dass die bisherigen Ansätze falsch waren. Nicht, weil eine belastbare Gefahrenanalyse gezeigt hätte, dass nur noch Schulschließungen, Besuchsverbote, Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, Maskenpflichten, aufgeschobene Operationen und gesellschaftlicher Stillstand infrage kamen. Sondern weil ein neuer Erreger, Bilder aus dem Ausland, dramatische Modellrechnungen und eine politisch äußerst ergiebige Unsicherheit gemeinsam stärker wurden als die vorbereitete Ordnung.
Der Pandemieplan wurde nicht fortgeschrieben. Er wurde überrumpelt. Wie bei jeder guten Überrumpelung stellte man später fest, dass leider keine Zeit für die Einhaltung jener Regeln gewesen sei, die genau für den Fall knapper Zeit geschrieben worden waren.
Das alte Wissen war eigentlich unspektakulär. Gefährlichkeit muss bestimmt, schwere Krankheitslast gemessen werden. Der Schutz vulnerabler Menschen bedeutet nicht zwangsläufig eine Stilllegung der Gesamtgesellschaft. Krankenhäuser sollte man nicht blind frei halten während man gleichzeitig vor ihrer Überlastung warnt.
Schulen sind keine Orte, in denen beliebig Kontakte reduziert werden können. Modelle sind Hilfsmittel und keine Durchführungsverordnungen.
Im Jahr 2020 wurde diese Ordnung durch eine neue politische Methode ersetzt. Die Methode war erheblich moderner, schneller und vor allem machttauglicher.
Unsicherheit erzeugte Handlungsdruck und Modelle lieferten die Drohkulisse. Die Medien verstärkten die Angst stetig und die Politik erklärte sämtliche Eingriffe für alternativlos.
Wer nach der tatsächlichen Krankheitslast fragte, geriet schnell in den Verdacht, an Menschenleben sparen zu wollen, denn die Angst wurde zum Betriebssystem der Politik und die Grundrechte liefen nur noch im Energiesparmodus.
Die gefährlichste Formel für die Zukunft klingt dabei zunächst ausgesprochen vernünftig:
»Das hängt vom Erreger ab.«
Ja, natürlich hängt eine medizinische Reaktion immer vom Erreger ab. Auch die Wahl eines Regenschirms hängt vom Wetter ab.
Problematisch wird es erst, wenn derjenige, der das Wetter definiert, zugleich den Schirm verkauft, den Ausnahmezustand ausruft und später erklärt, die Niederschlagsmessung sei leider noch nicht vollständig gewesen.
»Das hängt vom Erreger ab« klingt nach Differenzierung. Tatsächlich kann der Satz zum Generalschlüssel für jede künftige Abweichung werden.
Dieser Erreger ist gefährlich anders, da er absolut neu und besonders schwer einzuschätzen ist.
Daher müssen wir dieses Mal schneller sein und können nicht erst auf belastbare Daten warten. Wir müssen der Lage voraus sein, denn die Modellrechnungen prophezeien eine Katastrophe. Schon steht der alte Pandemieplan wieder vor der Tür und wird von vornherein als nicht passend ausgeschlossen.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Maßnahmen vom Erreger abhängen. Die zentrale Frage lautet: Wer darf behaupten, was dieser Erreger rechtfertigt?
Abhängig von welcher Eigenschaft des Erregers soll entschieden werden? Auf Basis der Infektiosität oder der Letalität? Hängt es von der Zahl schwerer Erkrankungen ab und nur von den darauf folgenden Hospitalisierungen? Oder müssen die schweren Erkrankungen intensivpflichtig sein? Was ist mit der Altersverteilung und der Sterblichkeit in Pflegeheimen? Könnte regionale Belastung auch ein reales Problem sein oder doch nur die allgemeine Überlastung? Können Entscheidungen auch von einer WHO-Erklärung, einer ECDC-Empfehlung oder gar von einer Modellkurve abhängen? Welche Bilder sehen wir im Ausland und wie laut war es auf den letzten Pressekonferenzen? Oder hängen die Entscheidungen am Ende einfach nur ab von der politischen Sorge, später nicht streng genug gewirkt und gehandelt zu haben?
Ein Erreger ist nicht schon deshalb außergewöhnlich gefährlich, weil er neu ist.
Er ist auch nicht außergewöhnlich gefährlich, nur weil ein Modell eindrucksvoll aussieht oder Bilder aus einem anderen Land schockieren.
Und er ist schon gar nicht außergewöhnlich gefährlich, weil Politiker bei seiner Erwähnung ernste Gesichter machen.
Die Gefährlichkeit eines Erregers muss zunächst einmal festgestellt werden, und zwar: klinisch, regional, altersbezogen.
Diese Erfassungen müssen unmittelbar geschehen und akribisch dokumentiert werden, damit man später noch erkennen kann, wer wann aufgrund welcher Daten zu welcher Bewertung kam.
Genau daran fehlte es 2020 in der erforderlichen Härte. Der Staat griff früh und sehr tief ein. Die Schulen wurden geschlossen, planbare Operationen verschoben, Pflegeheime abgeschottet, Kontakte verboten und das gesellschaftliche Leben nahezu komplett heruntergefahren.
Zugleich waren die zentralen Daten zur tatsächlichen Krankenhaus- und Versorgungslage nicht annähernd so belastbar wie die Maßnahmen, die man auf ihrer Grundlage zu rechtfertigen versuchte.
Die Politik griff tiefer ein, als sie messen konnte und das war der eigentliche Bruch.
Später hieß es, man habe unter Unsicherheit entscheiden müssen. Das ist richtig. Die Unsicherheit gab es, nur ist sie kein Blankoscheck, vor allem weil man nichts tat, um die Unsicherheit zu beseitigen.
Sie ist kein Grund, Grundrechte vorsorglich in Quarantäne zu schicken. Im Gegenteil: Je unsicherer die Lage ist, desto strenger müsste der Staat seine eigene Macht begrenzen. Die viel zitierte Unwissenheit hätte zu deutlich kürzer befristeten Maßnahmen führen müssen! Wenn eine Modellrechnung so stark wirkt, sollten die daraus resultierenden Annahmen umso offener dargestellt werden. Bei derart massiven Eingriffen müsste zudem die Schadensbilanz sehr viel genauer geführt werden.
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