Der in Indien aufgewachsene Komponist und Dirigent Vijay Upadhyaya
studierte in Graz Musik und Komposition und ist seit mehr als 30 Jahren Leiter
der Wiener Universitätsphilharmonie. Außerdem ist er Dirigent des chinesischen
Nationalchors und -orchesters und hat als musikalischer Wanderer zwischen den
Weltkulturen in weltweit mehr als 20 Ländern Musikprojekte initiiert und
geleitet. In seiner Biografie erzählt er seine außergewöhnliche Geschichte über
seine Jugend in Indien, über Migration und Integration, über seine Liebe zu
Österreich und seine Leidenschaft, auch das Unmögliche zu schaffen. Als Diplomat
mit Taktstock nutzt er dafür die universelle Kraft der Musik, um Menschen über
alle kulturellen oder religiösen Grenzen hinweg zu verbinden.
Als ich vor zwei Jahren das erste Mal als Dirigent in Tibet war, musste ich
in Lhasa, das auf etwa 3 600 Metern Höhe liegt, unmittelbar nach meiner Ankunft
mit dem Tibetischen Philharmonischen Orchester die 9. Sinfonie von Dvořák
proben. Für mich ein Repertoirestück, das ich gut kenne. Trotzdem war ich nach
den ersten zehn Takten fast ohnmächtig, weil mir der Sauerstoff fehlte. Ich
arbeitete später mit einer Sängerin aus Nagqu, einer Stadt, die nördlich von
Lhasa auf etwa 4600 Metern Höhe liegt. Als sie nach Lhasa kam, sagte sie zu mir:
»Hier habe ich unendlich viel Luft zum Singen, weil ich ja jetzt ins Flachland
gekommen bin.« Für die Menschen in Tibet sind solche Höhen ihre Alltagshöhe.
Wenn wir aus Europa dorthin kommen, fühlt sich das ganz anders an.
Ich ließ mir einmal kurz nach meiner Rückkehr aus Tibet ein Blutbild machen.
Der Arzt fragte mich, ob ich Kettenraucher oder Spitzensportler sei, weil ich so
viele rote Blutkörperchen hatte. In den ersten zwei oder drei Tagen muss man
sich akklimatisieren, aber danach produziert der Körper mehr rote Blutkörperchen
und kann dadurch mehr Sauerstoff aufnehmen.
Im April dieses Jahres dirigierte ich in Lhasa mit meinem Universitätschor
ein Konzert mit Sängern und Musikern aus Tibet. Es war das erste Konzert
überhaupt in Tibet, bei dem Ausländer und Tibeter gemeinsam musizierten. Also 50
Tibeter und 80 Österreicher, Deutsche, Schweizer und andere Europäer aus meinem
Chor, die in den ersten Tagen auch an der Höhenkrankheit litten – mit Übelkeit,
Kopfschmerzen oder Atemnot. Wir probten für dieses Konzert unterschiedliche
Stücke, wie etwa das berühmte Wienerlied Wien, du Stadt meiner Träume oder von
Franz Schubert Im Abendrot. Außerdem hatte ich einen achtstimmigen Satz zum
bekannten tibetischen Volkslied Dromo Rinchen Gangla geschrieben und wir hatten
auch das populäre chinesische Lied Da hai a gui xiang im Programm. Das heißt,
wir sangen an diesem Abend gemeinsam ein österreichisch-tibetisch-chinesisches
Konzert und waren alle etwas nervös, weil es das erste Mal war und wir nicht
wussten, wie das ausgehen würde. Aber es wurde ein toller Abend. Fast noch
schöner als das Konzert in Lhasa war das gemeinsame Abendessen danach, bei dem
abwechselnd die Österreicher und dann die Tibeter sangen und ganz ungezwungen
zusammensaßen. Nach diesem Abendessen lotste uns einer unserer Reiseführer in
eine Bar in Lhasa, wo der ganze Chor wie ein Heuschreckenschwarm einfiel und bis
spät in der Nacht getrunken, getanzt und Popsongs zum Besten gegeben hat.
So funktioniert Völkerverständigung und Freundschaft über die Kultur in einem
ganz entlegenen Gebiet in der Mitte von irgendwo. Wir konnten mit diesem Konzert
die Tür ein wenig aufmachen und musikalisch zur Öffnung von Tibet beitragen.
Diese Website verwendet Cookies, um eine bestmögliche Erfahrung bieten zu können. Mehr Informationen ...
17.10.2026 - Eine Sinfonie der Weltkulturen
Der in Indien aufgewachsene Komponist und Dirigent Vijay Upadhyaya studierte in Graz Musik und Komposition und ist seit mehr als 30 Jahren Leiter der Wiener Universitätsphilharmonie. Außerdem ist er Dirigent des chinesischen Nationalchors und -orchesters und hat als musikalischer Wanderer zwischen den Weltkulturen in weltweit mehr als 20 Ländern Musikprojekte initiiert und geleitet. In seiner Biografie erzählt er seine außergewöhnliche Geschichte über seine Jugend in Indien, über Migration und Integration, über seine Liebe zu Österreich und seine Leidenschaft, auch das Unmögliche zu schaffen. Als Diplomat mit Taktstock nutzt er dafür die universelle Kraft der Musik, um Menschen über alle kulturellen oder religiösen Grenzen hinweg zu verbinden.
Als ich vor zwei Jahren das erste Mal als Dirigent in Tibet war, musste ich in Lhasa, das auf etwa 3 600 Metern Höhe liegt, unmittelbar nach meiner Ankunft mit dem Tibetischen Philharmonischen Orchester die 9. Sinfonie von Dvořák proben. Für mich ein Repertoirestück, das ich gut kenne. Trotzdem war ich nach den ersten zehn Takten fast ohnmächtig, weil mir der Sauerstoff fehlte. Ich arbeitete später mit einer Sängerin aus Nagqu, einer Stadt, die nördlich von Lhasa auf etwa 4600 Metern Höhe liegt. Als sie nach Lhasa kam, sagte sie zu mir: »Hier habe ich unendlich viel Luft zum Singen, weil ich ja jetzt ins Flachland gekommen bin.« Für die Menschen in Tibet sind solche Höhen ihre Alltagshöhe. Wenn wir aus Europa dorthin kommen, fühlt sich das ganz anders an.
Ich ließ mir einmal kurz nach meiner Rückkehr aus Tibet ein Blutbild machen. Der Arzt fragte mich, ob ich Kettenraucher oder Spitzensportler sei, weil ich so viele rote Blutkörperchen hatte. In den ersten zwei oder drei Tagen muss man sich akklimatisieren, aber danach produziert der Körper mehr rote Blutkörperchen und kann dadurch mehr Sauerstoff aufnehmen.
Im April dieses Jahres dirigierte ich in Lhasa mit meinem Universitätschor ein Konzert mit Sängern und Musikern aus Tibet. Es war das erste Konzert überhaupt in Tibet, bei dem Ausländer und Tibeter gemeinsam musizierten. Also 50 Tibeter und 80 Österreicher, Deutsche, Schweizer und andere Europäer aus meinem Chor, die in den ersten Tagen auch an der Höhenkrankheit litten – mit Übelkeit, Kopfschmerzen oder Atemnot. Wir probten für dieses Konzert unterschiedliche Stücke, wie etwa das berühmte Wienerlied Wien, du Stadt meiner Träume oder von Franz Schubert Im Abendrot. Außerdem hatte ich einen achtstimmigen Satz zum bekannten tibetischen Volkslied Dromo Rinchen Gangla geschrieben und wir hatten auch das populäre chinesische Lied Da hai a gui xiang im Programm. Das heißt, wir sangen an diesem Abend gemeinsam ein österreichisch-tibetisch-chinesisches Konzert und waren alle etwas nervös, weil es das erste Mal war und wir nicht wussten, wie das ausgehen würde. Aber es wurde ein toller Abend. Fast noch schöner als das Konzert in Lhasa war das gemeinsame Abendessen danach, bei dem abwechselnd die Österreicher und dann die Tibeter sangen und ganz ungezwungen zusammensaßen. Nach diesem Abendessen lotste uns einer unserer Reiseführer in eine Bar in Lhasa, wo der ganze Chor wie ein Heuschreckenschwarm einfiel und bis spät in der Nacht getrunken, getanzt und Popsongs zum Besten gegeben hat.
So funktioniert Völkerverständigung und Freundschaft über die Kultur in einem ganz entlegenen Gebiet in der Mitte von irgendwo. Wir konnten mit diesem Konzert die Tür ein wenig aufmachen und musikalisch zur Öffnung von Tibet beitragen.