Germinal Hilbert ist seit über 50 Jahren internationaler Agent für die großen
Sängerinnen und Sänger der Oper, die er weltweit mit seinen Agenturen in Paris
und München betreut. Hier erzählt Hilbert über seinen Beruf, über die Licht- und
Schattenseiten des Sängerlebens und die Veränderungen der Opernwelt. Sein Buch
liefert tiefe Einblicke hinter die Kulissen und ist eine musikalische
Lebensgeschichte mit Stars auf den Bühnen der Welt wie Birgit Nilsson, Leonie
Rysanek, Edda Moser und Edita Gruberová. Es geht auch um eine oft diskutierte
Frage: Steht das Werk oder die Inszenierung im Mittelpunkt? Oder hat die Regie
zu viel Einfluss?
Mailand im Frühjahr 1972. In der Lobby des Hotel
Continentale warte ich auf Birgit Nilsson. Sie singt an der Mailänder Scala die
Elektra, und ich möchte sie für eine Tristan-Produktion beim Festival in Orange
gewinnen. Der Fahrstuhl öffnet sich, sie kommt heraus. Als sie mich sieht,
mustert sie mich von oben bis unten und sagt: »Sie junger Mann« – ich war damals
28 – »Sie möchten für mich einen Vertrag aushandeln? Nein danke, ich möchte
nicht mehr in Frankreich arbeiten. Die französischen Agenten haben mir immer
tolle Engagements versprochen, und nichts wurde je eingehalten!« Enttäuscht
erwidere ich: »Aber Karl Böhm hat schon durch mich zugesagt, und wenn er sich
darauf einlässt, riskieren Sie doch nichts, also kann es doch nur besser
werden!« »Das glaube ich kaum. Was würde man mir denn bezahlen?« Die
aktuelle Höchstgage war 20.000 Mark, ich hatte aber Carte blanche von der
Direktion in Orange und nenne 30.000 Mark. Sie überlegt einen Moment. Für das
Engagement in Orange müsste sie einen Teil ihres so geliebten Sommers in
Schweden aufgeben. Dann sagt sie zögernd zu: »Na, junger Mann, dann sehen wir
mal, ob ein Vertrag zu dieser Gage wirklich kommt; und eine weitere Bedingung
von mir ist, dass auch wirklich Böhm dirigiert und Jon Vickers den Tristan
singt.« Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, um ihr zu sagen: »Sie sind
bekannt dafür, dass Sie Ihre unterschriebenen Verträge immer erst am Tag der
ersten Probe mitbringen. Das macht aber jede Planung schrecklich unsicher. Bitte
schicken Sie den Vertrag gleich nach ihrer Unterschrift zurück.« »Na, für
die Gage bringe ich Ihnen den Vertrag auch zu Fuß nach Paris!« Tatsächlich
kommt der unterschriebene Vertrag nach einigen Tagen. Ich rufe Birgit Nilsson
an, um mich zu bedanken. »Ich möchte Ihnen noch einige Informationen geben,
welches Orchester bei der Tristan-Aufführung spielt und wer Regie führt.«
Offenbar immer noch erfreut über die Gage antwortet sie: »Ach, junger Mann, das
ist mir völlig egal. Meinetwegen könnte auch die örtliche Feuerwehrkapelle
spielen.« Dies war der Beginn unserer Zusammenarbeit, von der ich später noch
ausführlich berichten werde. Unsere erste Begegnung fand wesentlich früher
statt, im Sommer 1957 in Bayreuth. Um die Tragweite dieser ersten Begegnung zu
schildern, muss ich eine vielzitierte Nilsson-Anekdote voranschicken. Einmal
wurde sie von Lisa Della Casa, der berühmten Sängerin der Arabella und
Marschallin, gefragt: »Birgit, ich trage mich mit dem Gedanken, die Isolde zu
singen. Was würdest du mir für diese Partie vor allem raten?« – Sie erwartete
wohl ein paar Ratschläge, wie sie sich diese anspruchsvolle Partie stimmlich
einteilen sollte. Birgit war sehr erstaunt über diese Frage, denn Lisa hätte die
Partie der Isolde stimmlich wahrscheinlich nicht bewältigt. Deshalb gab sie zur
Antwort: »Kauf dir ein paar bequeme Schuhe, die Oper ist lang.« Wie wichtig
bequeme Schuhe und gesunde Füße fürs Singen sind, hatte sie spätestens nach
unserer ersten Begegnung schmerzlich erfahren müssen. Und Schuld daran war ich.
Eines Tages im Juli 1957, als ich mit einem Freund in der Nähe des
Festspielhauses für den Sportwettbewerb trainierte, der an unserer Schule immer
kurz vor den Sommerferien stattfand, kam eine Dame auf uns zu. Ich dachte: Das
ist doch die von mir so verehrte Astrid Varnay, deren Platten ich zu Hause immer
wieder höre! Sie fragte nach dem Haus der Familie Hirschmann. Dort haben oft
Künstler gewohnt, denn es lag ganz in der Nähe des Festspielhauses. Ich kannte
das Haus, weil unser Garten an das Grundstück der Hirschmanns grenzte; nur fiel
mir das im Moment nicht ein, da ich von der Varnay derart beeindruckt war. Vor
dieser großen Künstlerin wollte ich nicht den Eindruck entstehen lassen, ihre
Frage nicht beantworten zu können. So habe ich ihr irgendeinen komplizierten Weg
beschrieben, der sie total in die Irre führte. Sie hatte Sandalen mit hohen
Korkabsätzen an, und ich dachte noch: Na, das wird nicht einfach mit solchen
Schuhen auf den Schotterwegen! Sie sagte »Vielen Dank!« und lief los. Wieder
daheim schaute ich ins Festspiel-Magazin, ging die Fotos der Künstler durch und
erschrak: Oh Gott, das war ja gar nicht die Varnay, das war Birgit Nilsson!
Fast zwanzig Jahre später, als ich sie bereits als Agent vertrat, kam Birgit zu
uns in Paris zum Abendessen und brachte den schwedischen Botschafter mit. Dieser
fragte während des Essens: »Sag mal, Birgit, wie lange kennt ihr euch denn
schon?« – »Drei, vier Jahre«, antwortete sie. Da erwiderte ich: »Nein, Birgit,
wir sind uns schon viel früher zum ersten Mal begegnet. In Bayreuth. Ich war mit
einem Freund beim Trainieren, du hast uns nach dem Haus der Hirschmanns gefragt,
und wir haben dir einen falschen Weg genannt, weil ich es vor Aufregung
plötzlich nicht wusste und dachte, dass du die von mir so verehrte Astrid Varnay
bist.« »Also ihr wart die kleinen Teufel, die mich damals in die Irre
geleitet haben, daran erinnere ich mich noch ganz genau! Denn vom vielen Laufen
hatte ich Blasen an den Füßen, und damit musste ich später in unbequemen
Bühnenschuhen die Isolde singen! Das war die Hölle, und dafür könnte ich dich
heute noch verprügeln!«
04.10.2026 - Isolde mit wunden Füßen
Germinal Hilbert ist seit über 50 Jahren internationaler Agent für die großen Sängerinnen und Sänger der Oper, die er weltweit mit seinen Agenturen in Paris und München betreut. Hier erzählt Hilbert über seinen Beruf, über die Licht- und Schattenseiten des Sängerlebens und die Veränderungen der Opernwelt. Sein Buch liefert tiefe Einblicke hinter die Kulissen und ist eine musikalische Lebensgeschichte mit Stars auf den Bühnen der Welt wie Birgit Nilsson, Leonie Rysanek, Edda Moser und Edita Gruberová. Es geht auch um eine oft diskutierte Frage: Steht das Werk oder die Inszenierung im Mittelpunkt? Oder hat die Regie zu viel Einfluss?
Mehr Content von Germinal HilbertMailand im Frühjahr 1972. In der Lobby des Hotel Continentale warte ich auf Birgit Nilsson. Sie singt an der Mailänder Scala die Elektra, und ich möchte sie für eine Tristan-Produktion beim Festival in Orange gewinnen. Der Fahrstuhl öffnet sich, sie kommt heraus. Als sie mich sieht, mustert sie mich von oben bis unten und sagt: »Sie junger Mann« – ich war damals 28 – »Sie möchten für mich einen Vertrag aushandeln? Nein danke, ich möchte nicht mehr in Frankreich arbeiten. Die französischen Agenten haben mir immer tolle Engagements versprochen, und nichts wurde je eingehalten!«
Enttäuscht erwidere ich: »Aber Karl Böhm hat schon durch mich zugesagt, und wenn er sich darauf einlässt, riskieren Sie doch nichts, also kann es doch nur besser werden!«
»Das glaube ich kaum. Was würde man mir denn bezahlen?«
Die aktuelle Höchstgage war 20.000 Mark, ich hatte aber Carte blanche von der Direktion in Orange und nenne 30.000 Mark. Sie überlegt einen Moment. Für das Engagement in Orange müsste sie einen Teil ihres so geliebten Sommers in Schweden aufgeben. Dann sagt sie zögernd zu: »Na, junger Mann, dann sehen wir mal, ob ein Vertrag zu dieser Gage wirklich kommt; und eine weitere Bedingung von mir ist, dass auch wirklich Böhm dirigiert und Jon Vickers den Tristan singt.«
Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, um ihr zu sagen: »Sie sind bekannt dafür, dass Sie Ihre unterschriebenen Verträge immer erst am Tag der ersten Probe mitbringen. Das macht aber jede Planung schrecklich unsicher. Bitte schicken Sie den Vertrag gleich nach ihrer Unterschrift zurück.«
»Na, für die Gage bringe ich Ihnen den Vertrag auch zu Fuß nach Paris!«
Tatsächlich kommt der unterschriebene Vertrag nach einigen Tagen. Ich rufe Birgit Nilsson an, um mich zu bedanken. »Ich möchte Ihnen noch einige Informationen geben, welches Orchester bei der Tristan-Aufführung spielt und wer Regie führt.« Offenbar immer noch erfreut über die Gage antwortet sie: »Ach, junger Mann, das ist mir völlig egal. Meinetwegen könnte auch die örtliche Feuerwehrkapelle spielen.«
Dies war der Beginn unserer Zusammenarbeit, von der ich später noch ausführlich berichten werde. Unsere erste Begegnung fand wesentlich früher statt, im Sommer 1957 in Bayreuth. Um die Tragweite dieser ersten Begegnung zu schildern, muss ich eine vielzitierte Nilsson-Anekdote voranschicken. Einmal wurde sie von Lisa Della Casa, der berühmten Sängerin der Arabella und Marschallin, gefragt: »Birgit, ich trage mich mit dem Gedanken, die Isolde zu singen. Was würdest du mir für diese Partie vor allem raten?« – Sie erwartete wohl ein paar Ratschläge, wie sie sich diese anspruchsvolle Partie stimmlich einteilen sollte. Birgit war sehr erstaunt über diese Frage, denn Lisa hätte die Partie der Isolde stimmlich wahrscheinlich nicht bewältigt. Deshalb gab sie zur Antwort: »Kauf dir ein paar bequeme Schuhe, die Oper ist lang.«
Wie wichtig bequeme Schuhe und gesunde Füße fürs Singen sind, hatte sie spätestens nach unserer ersten Begegnung schmerzlich erfahren müssen. Und Schuld daran war ich. Eines Tages im Juli 1957, als ich mit einem Freund in der Nähe des Festspielhauses für den Sportwettbewerb trainierte, der an unserer Schule immer kurz vor den Sommerferien stattfand, kam eine Dame auf uns zu. Ich dachte: Das ist doch die von mir so verehrte Astrid Varnay, deren Platten ich zu Hause immer wieder höre! Sie fragte nach dem Haus der Familie Hirschmann. Dort haben oft Künstler gewohnt, denn es lag ganz in der Nähe des Festspielhauses. Ich kannte das Haus, weil unser Garten an das Grundstück der Hirschmanns grenzte; nur fiel mir das im Moment nicht ein, da ich von der Varnay derart beeindruckt war. Vor dieser großen Künstlerin wollte ich nicht den Eindruck entstehen lassen, ihre Frage nicht beantworten zu können. So habe ich ihr irgendeinen komplizierten Weg beschrieben, der sie total in die Irre führte. Sie hatte Sandalen mit hohen Korkabsätzen an, und ich dachte noch: Na, das wird nicht einfach mit solchen Schuhen auf den Schotterwegen! Sie sagte »Vielen Dank!« und lief los. Wieder daheim schaute ich ins Festspiel-Magazin, ging die Fotos der Künstler durch und erschrak: Oh Gott, das war ja gar nicht die Varnay, das war Birgit Nilsson!
Fast zwanzig Jahre später, als ich sie bereits als Agent vertrat, kam Birgit zu uns in Paris zum Abendessen und brachte den schwedischen Botschafter mit. Dieser fragte während des Essens: »Sag mal, Birgit, wie lange kennt ihr euch denn schon?« – »Drei, vier Jahre«, antwortete sie. Da erwiderte ich: »Nein, Birgit, wir sind uns schon viel früher zum ersten Mal begegnet. In Bayreuth. Ich war mit einem Freund beim Trainieren, du hast uns nach dem Haus der Hirschmanns gefragt, und wir haben dir einen falschen Weg genannt, weil ich es vor Aufregung plötzlich nicht wusste und dachte, dass du die von mir so verehrte Astrid Varnay bist.«
»Also ihr wart die kleinen Teufel, die mich damals in die Irre geleitet haben, daran erinnere ich mich noch ganz genau! Denn vom vielen Laufen hatte ich Blasen an den Füßen, und damit musste ich später in unbequemen Bühnenschuhen die Isolde singen! Das war die Hölle, und dafür könnte ich dich heute noch verprügeln!«
Autoren von "Isolde mit wunden Füßen"
Bücher von Germinal Hilbert