Aus den sozialen Netzwerken, die den Menschen einst Freiheit, Transparenz und
Glück versprachen, sind brutale Demokratievernichtungsmaschinen geworden. Die
radikalen Mächte aus In- und Ausland nutzen die destruktive Kraft von Social
Media virtuos, um die demokratische Grundordnung in Deutschland abzuschaffen –
während die deutsche Politik nur hilflos agiert oder vor sich hin dilettiert.
Philipp Jessen enthüllt in seinem Buch »Shitfluencer«, wie groß die Gefahr
wirklich ist, die von Social Media für unsere Demokratie ausgeht. Er zeigt die
gefährliche Unfähigkeit der deutschen Politik im Umgang mit den sozialen
Netzwerken – und was jetzt sofort getan werden muss, damit die nächste
Bundestagswahl nicht die letzte freie Wahl in diesem Land sein wird.
Die
rechte Filterblase ist tot. Aber freuen kann man sich darüber nicht. Im
Gegenteil. Denn zum einen hat es noch keiner der politischen und medialen
Protagonisten so richtig bemerkt. Zumindest arbeiten sich alle Politiker und
Journalisten mit digitalem Halbwissen (also leider fast alle …) nach wie vor
öffentlich in allen Talkshows an der angeblichen rechten »Bubble« ab, volle
Kraft voraus, als wäre sie der Endgegner in einem Videospiel. Doch zum anderen
bemerken oder verstehen sie dabei nicht einmal im Ansatz, dass sie von etwas
viel Gefährlicherem abgelöst worden ist: der semipermeablen Zelle. Wer im
Biologie-Unterricht ab der neunten Klasse wenigstens ein bisschen aufgepasst
hat, weiß, was dieser Begriff bedeutet. Für alle anderen erkläre ich ihn
nachfolgend noch mal kurz. »Semipermeabel« heißt so viel wie halb durchlässig.
Im Falle einer Zelle mit einer semipermeablen Membran, also halb durchlässigen
Zellwand, kann daher etwas von außen in die Zelle eindringen. Aber aus ihrem
Inneren gelangt nichts nach außen. Das Ganze kann auch umgekehrt funktionieren.
Dann gibt die Zelle etwas nach außen ab, aber es dringt nichts in sie ein. Das
Wichtigste ist zu verstehen: Die Zellwand lässt nur in eine Richtung durch. Eine
Seite bleibt gegen alle Einflüsse von außen geschützt. Sondert aber ihrerseits
etwas auf die andere Seite ab. Kapiert? Demgegenüber isoliert eine Bubble zwei
Räume vollständig voneinander. Selbst bei einer Luftblase ist die dünne
Trennschicht für die gegensätzlichen Elemente (etwa Luft und Wasser)
undurchlässig. Wird zu viel Druck ausgeübt, kann die Bubble platzen. Eine Zelle
nicht. Die rechte Filterblase auf Social Media galt und gilt vielen als Kern
allen Übels. Dieser Gedanke ist unterkomplex und verkennt Diverses. Zusätzlich
verwechselt er noch Symptom und Ursache. Denn die radikale Bubble ist ja nicht
ursächlich aus sich selbst entstanden. Es gab keinen digitalen Urknall von
rechts außen und dann war sie plötzlich da. Sie ist langsam gewachsen. Wie ein
gefährliches und letales Krebsgeschwür. Gefüttert aus Frust über Medien und
Politik und insbesondere deren Schulterschluss. Organe, die nur noch senden,
aber nicht empfangen. Also nicht social sind. Die bewerten und abwerten, anstatt
zu erklären, in der eigenen Realität abzuholen und echte Probleme pragmatisch
und nachhaltig zu lösen. Die an der Lebenswirklichkeit der Menschen
vorbeiregieren. Gegen all das sind die Bubbles zu einem letzten Rückzugsraum
geworden. Nicht (nur), um das eigene Weltbild bestätigt zu bekommen – dieses
Phänomen der Selbstvergewisserung beobachtet man übrigens viel stärker in den
NGO-, Aktivisten- und linken Bubbles –, sondern, dem gefühlten befohlenen und
alternativlosen Weltbild von Politik und Medien zu entfliehen. Aus einer
Realität, in der man sich nicht mehr gesehen fühlt. Die nur noch frustriert.
»Wir kommen an die Menschen in ihren Bubbles nicht mehr ran!«, wird dann bei
Markus Lanz geklagt. Nicken und Applaus folgen. Das stimmt sogar. Doch es ist,
wie gesagt, noch viel, viel schlimmer: Wir kommen nicht mehr an diese Menschen
ran – aber sie an uns! Wichtiger, kurzer Einwurf: Wenn ich hier schreibe,
dass Menschen sich aus Frust im digitalen Raum radikalisieren, meine ich nicht,
dass die Mitte, Politik und Medien Schuld an jedem einzelnen Fall von
Radikalisierung haben. Es gibt natürlich auch diesen schrecklichen Kern an
Nazis, der schon immer für jede Vernunft, Empathie und Menschlichkeit verloren
gewesen ist. Ich habe da für mich persönlich eine ganz einfache Herleitung
entwickelt: Zehn Prozent Nazis wird es immer geben. Wahrscheinlich in jedem Land
auf dieser Erde. In jedem Fall in Deutschland. Die kann man mit bestem Gewissen
aus jedem demokratischen Diskurs exkludieren. Die braucht keiner. Die will
keiner. Die sind verloren. Aber jetzt schauen wir auf die aktuellen Umfragewerte
der AfD. Diese Rechts-außen-Partei liegt in Umfragen mittlerweile mit knapp
dreißig Prozent an der Spitze. Und an all den potenziellen Wählern, die über die
zehn Prozent Bio-Nazis hinausgehen, an denen sind wir schuld. Sie. Ich. Wir
alle. Die haben wir vertrieben. Um es mit Elon Musk zu sagen: »Let that sink
in!« Aber zurück zum Thema. Der Switch von der Filterblase zur semipermeablen
Zelle hat insbesondere den Verlauf politischer Skandale sowie die daraus
resultierende öffentliche Wahrnehmung und Meinungsbildung beeinflusst.
Korruption und grobes Fehlverhalten der Protagonisten radikaler Parteien
erreichen ihre Anhänger schlicht nicht mehr. Skandale, die sonst
karrieregefährdend gewesen wären, dringen nicht durch die Membran. Die Absender
sind einfach zu unglaubwürdig geworden, um die Hürde in den Köpfen und Herzen
dieser Menschen zu nehmen. Denn die fortwährende Vertrauenskrise in die
traditionellen Medien und in die Politik hat dazu geführt, dass die
Glaubwürdigkeit der eigenen Timeline, des Kerns der Zelle, massiv gestiegen
ist. Jeder Einfluss von außen prallt an ihr ab. Nachrichten und Informationen,
die über soziale Netzwerke und persönliche Kontakte verbreitet werden,
erscheinen als einzige relevante Primärquellen. Die Vierte Gewalt ist vom
Zellkern abgelöst worden. Waren die Medien früher selbst die Gatekeeper, die
entschieden und selektierten, welche News veröffentlicht werden, bekommen sie
heute ihrerseits vom digitalen Türsteher ein dauerhaftes Hausverbot für die
Köpfe und Herzen der Zellkernbewohner erteilt. Die wenigen unter ihnen, die
von solchen Skandalen überhaupt noch durch Zufall mitbekommen, prüfen die News
nicht mehr ernsthaft auf ihren Wahrheitsgehalt, sondern empfinden sie proaktiv
als schäbigen Angriff der korrupten Mainstream-Medien auf die richtige und
gerechte Sache. Die Möglichkeit, dass das eigene Personal Dreck am Stecken haben
könnte, wird gar nicht in Betracht gezogen. Stattdessen gilt die negative
Berichterstattung als Beweis dafür, dass die Angegriffenen sich mit den
Mächtigen angelegt haben – und die sie jetzt mit medialem Druck canceln und
erlegen wollen. Trump hat es vorgemacht. Alice Weidel und ihre Schergen kopieren
das Muster mit großer Lust. Inhaltlich wird auf Vorwürfe gar nicht mehr
ernsthaft reagiert. Aber statt diese zu ignorieren, interpretieren die
Sprachrohre der Partei jeden Angriff auf die Community als Ehrabzeichen um.
Attacken verpuffen also nicht nur, sie werden umformatiert und dann als
Treibstoff für das eigene Narrativ benutzt. Aber in die andere Richtung –
nach links, könnte man sagen – ist die Zellwand komplett durchlässig. Die
rechten Narrative dringen mit großer Kraft und unbehandelt nach draußen. In die
Mitte. Zu den noch-neutralen Menschen und Wählern. News über kriminelle
Migranten werden über Social so professionell und massenhaft verbreitet, dass
der Algorithmus sie aufgrund ihrer Viralität und offensichtlichen Brisanz auch
in die Timelines außerhalb der Zelle schwemmt. Rechte Shitstorms gegen
Personen, Institutionen, Medien und Bevölkerungsgruppen entwickeln zusätzlich
oft eine solche Umlaufgeschwindigkeit, dass sie rein aufgrund ihres Charakters
als Trending-Topic zum Gegenstand traditioneller Berichterstattung werden. So
präsentieren die Medien ihren Zuschauern und Lesern die rechten Narrative ganz
druck-frisch. Es geht aber auch direkt, ohne Umweg über einen Shitstorm. Per
Einladung. Während die Protagonisten der demokratischen Mitte in den rechten
Foren nicht frei und ungefiltert zu Wort kommen, werden AfD-Politiker in großen
Wochenmagazinen portraitiert oder zu Interviews in die quotenstarken
Nachrichtensendungen des ÖRR und als polarisierende Köpfe in Talkshows
eingeladen. Hier können sie sich dann beim Klassenfeind, den Mainstream-Medien,
die sie später sowieso alle abschaffen wollen, zur allerbesten Sendezeit einem
Millionenpublikum präsentieren. Natürlich ganz hand-zahm. Damit möglichst viele
Noch-Neutrale denken: »Na ja, so richtig unrecht haben die ja nicht …« Netter
Nebeneffekt: Mit ein wenig Glück bringt man noch zwei vorher geskriptete
Punchlines in der Sendung unter. Die werden später mit dramatischer Musik
unterlegt, flott und mobiloptimiert zurechtgeschnitten – fertig sind die Clips
und Reels, die man nach der Show kostenlos zurück in den Zellkern mitnehmen und
dann über seine Social-Kanäle, die der Parteikollegen sowie die der Partei
selbst millionenfach verbreiten kann. (»Dr. Weidel geigt Markus Lanz die
Meinung! ÖRR-Clown baff!!!«) Während Politiker der Mitte in den Talkshows nur
ihr Publikum erreichen, dringen die Rechten so zu beiden Seiten der Membran
durch. Man könnte es analoge Dark Ads nennen. Oder schlicht »2 for 1«. Rechte
Pseudo-News-Seiten werden von den liberalen Medien zitiert, wenn sich zwischen
Hass und Meinung auch mal eine exklusive Nachricht findet. Spoiler: Die dreht
sich natürlich immer um einen Skandal auf der demokratischen Seite der Zelle.
Besonders gern werden interne Affären der traditionellen Medien thematisiert, um
den Vertrauensverlust in diese weiter zu befeuern. Die Rechten sind klug genug,
um zu wissen: Je tiefer die anderen fallen, desto höher steigen sie selbst in
der Reichweite, Reputation und Wahrnehmung der Noch-Neutralen. Skandale, von
traditionellen Medien aufgedeckt oder recherchiert, die die Helden der eigenen
Peergroup und Zielgruppe betreffen, werden natürlich entweder gar nicht
übernommen oder journalistisch so geframed und bearbeitet, bis sie, siehe oben,
als durchsichtiger Angriff der Eliten, der Medien oder des kaputten
Politikbetriebs auf einen mutigen Vertreter der »richtigen« Sache oder gleich
als monströse Attacke auf die Meinungsfreiheit insgesamt erscheinen. Suchen Sie
sich etwas aus. Gleiches passiert bei kritischer Berichterstattung über die
Arbeitsweise und Protagonisten der rechten Blogs selbst. Solche Artikel werden
dann direkt publizistisch volley genommen. Umgehend und reflexartig zur
Hexenjagd auf die letzten aufrechten Journalisten des Landes umgedichtet, die
sich noch »trauen zu sagen, was ist«, und eben »nicht mit den Mächtigen
kuscheln«. Das Schlimme: Die rechten Pseudojournalisten glauben sich ihre
Heldensagen mittlerweile selbst. Die semipermeable Super-Zelle hat sich
Trump, der jeden Social-Trend intuitiv als Erster erkennt und für sich nutzt,
mit seinem eigenen sozialen Netzwerk – das genialerweise den Namen »Truth
Social« trägt – geschaffen. Hier kann er seinem Kern an Followern vollkommen
ungestört vor Kritik außerhalb der MAGA-Community predigen. Seine Postings,
Ansagen und Wutanfälle werden allerdings immer von den traditionellen Medien wie
CNN aus dem Zellkern entnommen – und vor einem Millionenpublikum außerhalb
zitiert und verbreitet. Die semipermeablen Zellen sind ein existenzielles
Problem für unseren Diskurs und die Demokratie. Ihr Gift dringt durch ihre
Membran nach außen. Aber die demokratische Mitte stößt nicht mehr in den
Zellkern vor. Macht man sogenannte Sentiment-Analysen, in denen man Millionen
Datenpunkte im Netz auswertet, um die Stimmung zu bestimmten Themen zu filtern,
kommt eigentlich stets das Gleiche heraus: Egal, ob zu Politik, Modelabels oder
Prominenten – die große Masse ist fast immer neutral. Das hängt schlicht damit
zusammen, dass die meisten Menschen keine gefestigte Meinung zu einem gegebenen
Thema außerhalb ihrer unmittelbaren Lebensrealität, ihren Interessen oder ihrer
Expertise haben. Entsprechend ist es brandgefährlich, dass die Radikalen die
meinungsbildenden sozialen Netzwerke dominieren. Die Noch-Neutralen übernehmen
inhaltlich meist das Erste, was ihnen von ihrer Peergroup in die Timelines
gespült wird. Und das sind mit steigender Mehrheit die Contents aus dem
Zellkern. Also wächst und wuchert die Zelle stark nach rechts. Mitten in die
demokratische Zivilgesellschaft hinein. In die noch-neutrale Mitte. So lange,
bis die radikale Zelle bald kein Außen mehr hat, sondern nur noch aus dem
radikalen Zellkern besteht – der Deutschlands Demokratie wie ein schwarzes Loch
verschlucken wird.
15.09.2026 - Semipermeable Skandale
Aus den sozialen Netzwerken, die den Menschen einst Freiheit, Transparenz und Glück versprachen, sind brutale Demokratievernichtungsmaschinen geworden. Die radikalen Mächte aus In- und Ausland nutzen die destruktive Kraft von Social Media virtuos, um die demokratische Grundordnung in Deutschland abzuschaffen – während die deutsche Politik nur hilflos agiert oder vor sich hin dilettiert. Philipp Jessen enthüllt in seinem Buch »Shitfluencer«, wie groß die Gefahr wirklich ist, die von Social Media für unsere Demokratie ausgeht. Er zeigt die gefährliche Unfähigkeit der deutschen Politik im Umgang mit den sozialen Netzwerken – und was jetzt sofort getan werden muss, damit die nächste Bundestagswahl nicht die letzte freie Wahl in diesem Land sein wird.
Mehr Content von Philipp JessenDie rechte Filterblase ist tot. Aber freuen kann man sich darüber nicht. Im Gegenteil. Denn zum einen hat es noch keiner der politischen und medialen Protagonisten so richtig bemerkt. Zumindest arbeiten sich alle Politiker und Journalisten mit digitalem Halbwissen (also leider fast alle …) nach wie vor öffentlich in allen Talkshows an der angeblichen rechten »Bubble« ab, volle Kraft voraus, als wäre sie der Endgegner in einem Videospiel. Doch zum anderen bemerken oder verstehen sie dabei nicht einmal im Ansatz, dass sie von etwas viel Gefährlicherem abgelöst worden ist: der semipermeablen Zelle.
Wer im Biologie-Unterricht ab der neunten Klasse wenigstens ein bisschen aufgepasst hat, weiß, was dieser Begriff bedeutet. Für alle anderen erkläre ich ihn nachfolgend noch mal kurz. »Semipermeabel« heißt so viel wie halb durchlässig. Im Falle einer Zelle mit einer semipermeablen Membran, also halb durchlässigen Zellwand, kann daher etwas von außen in die Zelle eindringen. Aber aus ihrem Inneren gelangt nichts nach außen. Das Ganze kann auch umgekehrt funktionieren. Dann gibt die Zelle etwas nach außen ab, aber es dringt nichts in sie ein. Das Wichtigste ist zu verstehen: Die Zellwand lässt nur in eine Richtung durch. Eine Seite bleibt gegen alle Einflüsse von außen geschützt. Sondert aber ihrerseits etwas auf die andere Seite ab. Kapiert? Demgegenüber isoliert eine Bubble zwei Räume vollständig voneinander. Selbst bei einer Luftblase ist die dünne Trennschicht für die gegensätzlichen Elemente (etwa Luft und Wasser) undurchlässig. Wird zu viel Druck ausgeübt, kann die Bubble platzen. Eine Zelle nicht.
Die rechte Filterblase auf Social Media galt und gilt vielen als Kern allen Übels. Dieser Gedanke ist unterkomplex und verkennt Diverses. Zusätzlich verwechselt er noch Symptom und Ursache. Denn die radikale Bubble ist ja nicht ursächlich aus sich selbst entstanden. Es gab keinen digitalen Urknall von rechts außen und dann war sie plötzlich da. Sie ist langsam gewachsen. Wie ein gefährliches und letales Krebsgeschwür. Gefüttert aus Frust über Medien und Politik und insbesondere deren Schulterschluss. Organe, die nur noch senden, aber nicht empfangen. Also nicht social sind. Die bewerten und abwerten, anstatt zu erklären, in der eigenen Realität abzuholen und echte Probleme pragmatisch und nachhaltig zu lösen. Die an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbeiregieren. Gegen all das sind die Bubbles zu einem letzten Rückzugsraum geworden. Nicht (nur), um das eigene Weltbild bestätigt zu bekommen – dieses Phänomen der Selbstvergewisserung beobachtet man übrigens viel stärker in den NGO-, Aktivisten- und linken Bubbles –, sondern, dem gefühlten befohlenen und alternativlosen Weltbild von Politik und Medien zu entfliehen. Aus einer Realität, in der man sich nicht mehr gesehen fühlt. Die nur noch frustriert. »Wir kommen an die Menschen in ihren Bubbles nicht mehr ran!«, wird dann bei Markus Lanz geklagt. Nicken und Applaus folgen. Das stimmt sogar. Doch es ist, wie gesagt, noch viel, viel schlimmer: Wir kommen nicht mehr an diese Menschen ran – aber sie an uns!
Wichtiger, kurzer Einwurf: Wenn ich hier schreibe, dass Menschen sich aus Frust im digitalen Raum radikalisieren, meine ich nicht, dass die Mitte, Politik und Medien Schuld an jedem einzelnen Fall von Radikalisierung haben. Es gibt natürlich auch diesen schrecklichen Kern an Nazis, der schon immer für jede Vernunft, Empathie und Menschlichkeit verloren gewesen ist. Ich habe da für mich persönlich eine ganz einfache Herleitung entwickelt: Zehn Prozent Nazis wird es immer geben. Wahrscheinlich in jedem Land auf dieser Erde. In jedem Fall in Deutschland. Die kann man mit bestem Gewissen aus jedem demokratischen Diskurs exkludieren. Die braucht keiner. Die will keiner. Die sind verloren. Aber jetzt schauen wir auf die aktuellen Umfragewerte der AfD. Diese Rechts-außen-Partei liegt in Umfragen mittlerweile mit knapp dreißig Prozent an der Spitze. Und an all den potenziellen Wählern, die über die zehn Prozent Bio-Nazis hinausgehen, an denen sind wir schuld. Sie. Ich. Wir alle. Die haben wir vertrieben. Um es mit Elon Musk zu sagen: »Let that sink in!«
Aber zurück zum Thema. Der Switch von der Filterblase zur semipermeablen Zelle hat insbesondere den Verlauf politischer Skandale sowie die daraus resultierende öffentliche Wahrnehmung und Meinungsbildung beeinflusst. Korruption und grobes Fehlverhalten der Protagonisten radikaler Parteien erreichen ihre Anhänger schlicht nicht mehr. Skandale, die sonst karrieregefährdend gewesen wären, dringen nicht durch die Membran. Die Absender sind einfach zu unglaubwürdig geworden, um die Hürde in den Köpfen und Herzen dieser Menschen zu nehmen. Denn die fortwährende Vertrauenskrise in die traditionellen Medien und in die Politik hat dazu geführt, dass die Glaubwürdigkeit der eigenen Timeline, des Kerns der Zelle, massiv gestiegen ist. Jeder Einfluss von außen prallt an ihr ab. Nachrichten und Informationen, die über soziale Netzwerke und persönliche Kontakte verbreitet werden, erscheinen als einzige relevante Primärquellen. Die Vierte Gewalt ist vom Zellkern abgelöst worden. Waren die Medien früher selbst die Gatekeeper, die entschieden und selektierten, welche News veröffentlicht werden, bekommen sie heute ihrerseits vom digitalen Türsteher ein dauerhaftes Hausverbot für die Köpfe und Herzen der Zellkernbewohner erteilt.
Die wenigen unter ihnen, die von solchen Skandalen überhaupt noch durch Zufall mitbekommen, prüfen die News nicht mehr ernsthaft auf ihren Wahrheitsgehalt, sondern empfinden sie proaktiv als schäbigen Angriff der korrupten Mainstream-Medien auf die richtige und gerechte Sache. Die Möglichkeit, dass das eigene Personal Dreck am Stecken haben könnte, wird gar nicht in Betracht gezogen. Stattdessen gilt die negative Berichterstattung als Beweis dafür, dass die Angegriffenen sich mit den Mächtigen angelegt haben – und die sie jetzt mit medialem Druck canceln und erlegen wollen. Trump hat es vorgemacht. Alice Weidel und ihre Schergen kopieren das Muster mit großer Lust. Inhaltlich wird auf Vorwürfe gar nicht mehr ernsthaft reagiert. Aber statt diese zu ignorieren, interpretieren die Sprachrohre der Partei jeden Angriff auf die Community als Ehrabzeichen um. Attacken verpuffen also nicht nur, sie werden umformatiert und dann als Treibstoff für das eigene Narrativ benutzt.
Aber in die andere Richtung – nach links, könnte man sagen – ist die Zellwand komplett durchlässig. Die rechten Narrative dringen mit großer Kraft und unbehandelt nach draußen. In die Mitte. Zu den noch-neutralen Menschen und Wählern.
News über kriminelle Migranten werden über Social so professionell und massenhaft verbreitet, dass der Algorithmus sie aufgrund ihrer Viralität und offensichtlichen Brisanz auch in die Timelines außerhalb der Zelle schwemmt.
Rechte Shitstorms gegen Personen, Institutionen, Medien und Bevölkerungsgruppen entwickeln zusätzlich oft eine solche Umlaufgeschwindigkeit, dass sie rein aufgrund ihres Charakters als Trending-Topic zum Gegenstand traditioneller Berichterstattung werden. So präsentieren die Medien ihren Zuschauern und Lesern die rechten Narrative ganz druck-frisch.
Es geht aber auch direkt, ohne Umweg über einen Shitstorm. Per Einladung. Während die Protagonisten der demokratischen Mitte in den rechten Foren nicht frei und ungefiltert zu Wort kommen, werden AfD-Politiker in großen Wochenmagazinen portraitiert oder zu Interviews in die quotenstarken Nachrichtensendungen des ÖRR und als polarisierende Köpfe in Talkshows eingeladen. Hier können sie sich dann beim Klassenfeind, den Mainstream-Medien, die sie später sowieso alle abschaffen wollen, zur allerbesten Sendezeit einem Millionenpublikum präsentieren. Natürlich ganz hand-zahm. Damit möglichst viele Noch-Neutrale denken: »Na ja, so richtig unrecht haben die ja nicht …« Netter Nebeneffekt: Mit ein wenig Glück bringt man noch zwei vorher geskriptete Punchlines in der Sendung unter. Die werden später mit dramatischer Musik unterlegt, flott und mobiloptimiert zurechtgeschnitten – fertig sind die Clips und Reels, die man nach der Show kostenlos zurück in den Zellkern mitnehmen und dann über seine Social-Kanäle, die der Parteikollegen sowie die der Partei selbst millionenfach verbreiten kann. (»Dr. Weidel geigt Markus Lanz die Meinung! ÖRR-Clown baff!!!«) Während Politiker der Mitte in den Talkshows nur ihr Publikum erreichen, dringen die Rechten so zu beiden Seiten der Membran durch. Man könnte es analoge Dark Ads nennen. Oder schlicht »2 for 1«.
Rechte Pseudo-News-Seiten werden von den liberalen Medien zitiert, wenn sich zwischen Hass und Meinung auch mal eine exklusive Nachricht findet. Spoiler: Die dreht sich natürlich immer um einen Skandal auf der demokratischen Seite der Zelle. Besonders gern werden interne Affären der traditionellen Medien thematisiert, um den Vertrauensverlust in diese weiter zu befeuern. Die Rechten sind klug genug, um zu wissen: Je tiefer die anderen fallen, desto höher steigen sie selbst in der Reichweite, Reputation und Wahrnehmung der Noch-Neutralen. Skandale, von traditionellen Medien aufgedeckt oder recherchiert, die die Helden der eigenen Peergroup und Zielgruppe betreffen, werden natürlich entweder gar nicht übernommen oder journalistisch so geframed und bearbeitet, bis sie, siehe oben, als durchsichtiger Angriff der Eliten, der Medien oder des kaputten Politikbetriebs auf einen mutigen Vertreter der »richtigen« Sache oder gleich als monströse Attacke auf die Meinungsfreiheit insgesamt erscheinen. Suchen Sie sich etwas aus. Gleiches passiert bei kritischer Berichterstattung über die Arbeitsweise und Protagonisten der rechten Blogs selbst. Solche Artikel werden dann direkt publizistisch volley genommen. Umgehend und reflexartig zur Hexenjagd auf die letzten aufrechten Journalisten des Landes umgedichtet, die sich noch »trauen zu sagen, was ist«, und eben »nicht mit den Mächtigen kuscheln«. Das Schlimme: Die rechten Pseudojournalisten glauben sich ihre Heldensagen mittlerweile selbst.
Die semipermeable Super-Zelle hat sich Trump, der jeden Social-Trend intuitiv als Erster erkennt und für sich nutzt, mit seinem eigenen sozialen Netzwerk – das genialerweise den Namen »Truth Social« trägt – geschaffen. Hier kann er seinem Kern an Followern vollkommen ungestört vor Kritik außerhalb der MAGA-Community predigen. Seine Postings, Ansagen und Wutanfälle werden allerdings immer von den traditionellen Medien wie CNN aus dem Zellkern entnommen – und vor einem Millionenpublikum außerhalb zitiert und verbreitet.
Die semipermeablen Zellen sind ein existenzielles Problem für unseren Diskurs und die Demokratie. Ihr Gift dringt durch ihre Membran nach außen. Aber die demokratische Mitte stößt nicht mehr in den Zellkern vor. Macht man sogenannte Sentiment-Analysen, in denen man Millionen Datenpunkte im Netz auswertet, um die Stimmung zu bestimmten Themen zu filtern, kommt eigentlich stets das Gleiche heraus: Egal, ob zu Politik, Modelabels oder Prominenten – die große Masse ist fast immer neutral. Das hängt schlicht damit zusammen, dass die meisten Menschen keine gefestigte Meinung zu einem gegebenen Thema außerhalb ihrer unmittelbaren Lebensrealität, ihren Interessen oder ihrer Expertise haben. Entsprechend ist es brandgefährlich, dass die Radikalen die meinungsbildenden sozialen Netzwerke dominieren. Die Noch-Neutralen übernehmen inhaltlich meist das Erste, was ihnen von ihrer Peergroup in die Timelines gespült wird. Und das sind mit steigender Mehrheit die Contents aus dem Zellkern. Also wächst und wuchert die Zelle stark nach rechts. Mitten in die demokratische Zivilgesellschaft hinein. In die noch-neutrale Mitte. So lange, bis die radikale Zelle bald kein Außen mehr hat, sondern nur noch aus dem radikalen Zellkern besteht – der Deutschlands Demokratie wie ein schwarzes Loch verschlucken wird.
Autoren von "Semipermeable Skandale"
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