Zensur ist eine globale Kraft, die sowohl von kommerziellen Interessen
als auch politischen Agenden angetrieben wird. Ai Weiwei – Künstler, Aktivist
und eine der einflussreichsten kulturellen Persönlichkeiten der Welt – ruft in
seinem neuen Buch zu freier Meinungsäußerung auf in einem Zeitalter, das von Big
Data, Massenüberwachung und neuen Kontrolltechnologien geprägt ist. Klar wird:
Zensur gibt es nicht nur in China, sondern auch in sogenannten liberalen
Demokratien.
Ein wesentliches Ziel der Zensur ist es, sich selbst zu normalisieren, sich
als etwas Natürliches und Unverzichtbares darzustellen. Sie stellt ihre Existenz
als notwendig, ihre Rechte als begründet und ihre Sanktionen als vernünftig dar.
Indem sie diese Eigenschaften etabliert, verankert sich die Zensur als
unhinterfragte Rationalität in der Gesellschaft. Diese Normalisierung ist der
heimtückischste Aspekt der Zensur – sie untergräbt das individuelle Bewusstsein,
das Wohlwollen und die Toleranz. Sie erstickt die Prozesse des Verstehens, des
Selbstzweifels und der Selbsthinterfragung, die lebenswichtige Funktionen des
Denkens sind. Eine Gesellschaft, die nach uniformer Haltung, konformer Meinung
und politischer Korrektheit strebt, in der alle Funktionen des unabhängigen
Denkens ausgeschlossen sind, wird unweigerlich schwach, absurd und korrupt –
eine Gesellschaft ohne Vernunft.
Zensur stützt sich auf die wahrgenommene Legitimität der Macht, während sie
der Würde und der Natur des Menschen ihre Legitimität entzieht. Dieses Phänomen
ist nicht auf autoritäre Regime beschränkt; es ist auch in westlichen
Gesellschaften weit verbreitet, seine Existenz ist unbestreitbar. Unter dem
Anschein einer Naturgewalt sorgt Zensur bei den meisten Menschen für
großflächige Konformität. Diese Massenideologie hat die Gesellschaft fest im
Griff und beeinflusst jede Entscheidung und Wahl, die der Einzelne trifft, von
großen politischen Urteilen bis hin zu den kleinsten persönlichen
Entscheidungen. In diesem verzerrten Umfeld wird das öffentliche Bewusstsein
nicht durch unabhängige individuelle Entscheidungen geprägt. Es ist vielmehr
durch die Grenzen eines politisch korrekten Rahmens bestimmt – eine Sphäre
künstlicher Konformität, der man sich nicht entziehen kann.
Verallgemeinert ließe sich sagen, Zensur fördert die Konformität der
Bevölkerung und schafft ein dominierendes und kontrollierendes Feld des
Mainstream-Bewusstseins. Sie ist so mächtig, dass sie Bewegungen,
Verhaltensweisen und Handlungen diktiert und jene Sphären prägt, in denen Denken
und Ausdruck überhaupt stattfinden können. Solche Sphären, insbesondere in den
heutigen Mainstream-Medien, sind oft katastrophal, vom Standpunkt eines
vernünftigen Diskurses aus betrachtet. Wir sehen die allgegenwärtige Verzerrung
der Wahrheit, angetrieben von der Notwendigkeit, die Profite großer Konzerne und
ihrer Eigentümer zu sichern, während die politischen Machthaber die
grundlegendsten Fakten leugnen. Die Daten zum Klimawandel beispielsweise sind
von Regierungen und profitgetriebenen Interessengruppen konsequent unterdrückt
worden. Ein anderes Beispiel ist meine Untersuchung zum Tod von Schulkindern
während des Erdbebens in Sichuan im Jahr 2008.
Ich habe mich damit nicht an einem politischen Kampf beteiligt. Ich habe mich
lediglich für die Achtung des Lebens eingesetzt und für die Weigerung zu
vergessen, indem ich Transparenz über die Informationen gefordert habe. Es war
eine äußerst gemäßigte Haltung, basierend auf dem Glauben, dass, erst wenn
konkrete Zahlen auftauchen, die Öffentlichkeit damit beginnen kann, über solche
außergewöhnlichen Ereignisse oder Phänomene nachzudenken.
Oder nehmen wir den Israel-Gaza-Konflikt: Wie viele Bomben wurden abgeworfen?
Wie viele Journalisten wurden verletzt oder getötet? Diese Zahlen übersteigen
häufig unsere Vorstellungskraft. Und doch ist die Angabe falscher Zahlen eine
gängige Taktik von Staaten. Eine Flut verzerrter Informationen wird auf
öffentliche Plattformen geschleust und erschwert den Menschen den Zugang zu
korrekten Fakten. Letztlich führt dies viele Menschen dazu, das Streben nach
Wahrheit ganz aufzugeben, weil objektive Fakten von Manipulation und Täuschung
übertönt – oder gar ausgelöscht – werden. Dies schadet dem unabhängigen und
kritischen Denken und untergräbt das Fundament von Ehrlichkeit und
Vertrauenswürdigkeit in der modernen Zivilisation.
Zensur verhindert effektiv die öffentliche und gesellschaftliche Beteiligung.
Sie unterdrückt die Fähigkeit der Öffentlichkeit infragezustellen, was geschehen
ist und wie etwas geschehen ist. Diese Macht ist sowohl unsichtbar als auch
allgegenwärtig. Sie raubt den Jungen ihre Unschuld und den Alten ihre Güte. Sie
hält die Menschen davon ab, die Gerechtigkeit wertzuschätzen, und fördert
stattdessen die Selbstsucht. Werte wie Anstrengung, Verantwortung und die
Wahrung der Würde des Lebens werden durch Materialismus, durch flüchtiges
Vergnügen und seichte Unterhaltung ersetzt.
22.08.2026 - Was ist das Ziel von Zensur?
Zensur ist eine globale Kraft, die sowohl von kommerziellen Interessen als auch politischen Agenden angetrieben wird. Ai Weiwei – Künstler, Aktivist und eine der einflussreichsten kulturellen Persönlichkeiten der Welt – ruft in seinem neuen Buch zu freier Meinungsäußerung auf in einem Zeitalter, das von Big Data, Massenüberwachung und neuen Kontrolltechnologien geprägt ist. Klar wird: Zensur gibt es nicht nur in China, sondern auch in sogenannten liberalen Demokratien.
Ein wesentliches Ziel der Zensur ist es, sich selbst zu normalisieren, sich als etwas Natürliches und Unverzichtbares darzustellen. Sie stellt ihre Existenz als notwendig, ihre Rechte als begründet und ihre Sanktionen als vernünftig dar. Indem sie diese Eigenschaften etabliert, verankert sich die Zensur als unhinterfragte Rationalität in der Gesellschaft. Diese Normalisierung ist der heimtückischste Aspekt der Zensur – sie untergräbt das individuelle Bewusstsein, das Wohlwollen und die Toleranz. Sie erstickt die Prozesse des Verstehens, des Selbstzweifels und der Selbsthinterfragung, die lebenswichtige Funktionen des Denkens sind. Eine Gesellschaft, die nach uniformer Haltung, konformer Meinung und politischer Korrektheit strebt, in der alle Funktionen des unabhängigen Denkens ausgeschlossen sind, wird unweigerlich schwach, absurd und korrupt – eine Gesellschaft ohne Vernunft.
Zensur stützt sich auf die wahrgenommene Legitimität der Macht, während sie der Würde und der Natur des Menschen ihre Legitimität entzieht. Dieses Phänomen ist nicht auf autoritäre Regime beschränkt; es ist auch in westlichen Gesellschaften weit verbreitet, seine Existenz ist unbestreitbar.
Unter dem Anschein einer Naturgewalt sorgt Zensur bei den meisten Menschen für großflächige Konformität. Diese Massenideologie hat die Gesellschaft fest im Griff und beeinflusst jede Entscheidung und Wahl, die der Einzelne trifft, von großen politischen Urteilen bis hin zu den kleinsten persönlichen Entscheidungen. In diesem verzerrten Umfeld wird das öffentliche Bewusstsein nicht durch unabhängige individuelle Entscheidungen geprägt. Es ist vielmehr durch die Grenzen eines politisch korrekten Rahmens bestimmt – eine Sphäre künstlicher Konformität, der man sich nicht entziehen kann.
Verallgemeinert ließe sich sagen, Zensur fördert die Konformität der Bevölkerung und schafft ein dominierendes und kontrollierendes Feld des Mainstream-Bewusstseins. Sie ist so mächtig, dass sie Bewegungen, Verhaltensweisen und Handlungen diktiert und jene Sphären prägt, in denen Denken und Ausdruck überhaupt stattfinden können. Solche Sphären, insbesondere in den heutigen Mainstream-Medien, sind oft katastrophal, vom Standpunkt eines vernünftigen Diskurses aus betrachtet. Wir sehen die allgegenwärtige Verzerrung der Wahrheit, angetrieben von der Notwendigkeit, die Profite großer Konzerne und ihrer Eigentümer zu sichern, während die politischen Machthaber die grundlegendsten Fakten leugnen.
Die Daten zum Klimawandel beispielsweise sind von Regierungen und profitgetriebenen Interessengruppen konsequent unterdrückt worden. Ein anderes Beispiel ist meine Untersuchung zum Tod von Schulkindern während des Erdbebens in Sichuan im Jahr 2008.
Ich habe mich damit nicht an einem politischen Kampf beteiligt. Ich habe mich lediglich für die Achtung des Lebens eingesetzt und für die Weigerung zu vergessen, indem ich Transparenz über die Informationen gefordert habe. Es war eine äußerst gemäßigte Haltung, basierend auf dem Glauben, dass, erst wenn konkrete Zahlen auftauchen, die Öffentlichkeit damit beginnen kann, über solche außergewöhnlichen Ereignisse oder Phänomene nachzudenken.
Oder nehmen wir den Israel-Gaza-Konflikt: Wie viele Bomben wurden abgeworfen? Wie viele Journalisten wurden verletzt oder getötet? Diese Zahlen übersteigen häufig unsere Vorstellungskraft. Und doch ist die Angabe falscher Zahlen eine gängige Taktik von Staaten. Eine Flut verzerrter Informationen wird auf öffentliche Plattformen geschleust und erschwert den Menschen den Zugang zu korrekten Fakten. Letztlich führt dies viele Menschen dazu, das Streben nach Wahrheit ganz aufzugeben, weil objektive Fakten von Manipulation und Täuschung übertönt – oder gar ausgelöscht – werden. Dies schadet dem unabhängigen und kritischen Denken und untergräbt das Fundament von Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit in der modernen Zivilisation.
Zensur verhindert effektiv die öffentliche und gesellschaftliche Beteiligung. Sie unterdrückt die Fähigkeit der Öffentlichkeit infragezustellen, was geschehen ist und wie etwas geschehen ist. Diese Macht ist sowohl unsichtbar als auch allgegenwärtig. Sie raubt den Jungen ihre Unschuld und den Alten ihre Güte. Sie hält die Menschen davon ab, die Gerechtigkeit wertzuschätzen, und fördert stattdessen die Selbstsucht. Werte wie Anstrengung, Verantwortung und die Wahrung der Würde des Lebens werden durch Materialismus, durch flüchtiges Vergnügen und seichte Unterhaltung ersetzt.
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