25.07.2026 - Junglöwen des Kalifats - Der Islamische Staat und die Schicksale jesidischer Kindersoldaten
Im Sommer 2014 verübte der Islamische Staat auf brutalste Weise einen
Völkermord an den Jesiden im Irak. Im Rahmen dieses Völkermords entführte und
versklavte die Terrororganisation Hunderte von jesidischen Jungen und bildete
sie nach Zwangskonversion zum Islam zu Spionen, Soldaten und
Selbstmordattentätern aus - um sie insbesondere gegen Jesiden selbst
einzusetzen. Gohdar Alkaidy und S.R. Seido haben mit zahlreichen dieser Jungen
gesprochen und liefern mit ihrem Buch einen seltenen Bericht aus erster Hand
über die Taktiken des IS und ähnlicher islamistischer Terrororganisationen. Hier
kommen jene Kinder zu Wort, die alles verloren haben: ihre Heimat, ihre
Familien, ihre Kindheit.
Die Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) errichtete auf dem Höhepunkt
ihrer Macht einen Quasi-Staat, der annähernd die Fläche Großbritanniens
umfasste. Die Herrschaft des IS war gekennzeichnet von Terror – sowohl in Form
von Anschlägen gegen externe Feinde als auch durch Gräueltaten gegen die
Zivilbevölkerung innerhalb seines Herrschaftsbereichs. Angehörige religiöser
Minderheiten waren in besonderem Maße Ziel von brutaler Verfolgung durch den IS.
Insbesondere die Verbrechen an jesidischen Kindern, die ab 2014 in
IS-Gefangenschaft gerieten, verdeutlichen auf erschreckende Weise das Ausmaß,
die Qualität und die Systematik des IS-Terrors.
Kinder haben als schwächste Mitglieder jeder Gesellschaft ein besonderes
Anrecht auf Schutz. Die Folgen von Krieg und Vertreibung sind für Kinder
besonders dramatisch. Kriegsparteien, deren Handeln zur Entwurzelung,
Entführung, Demütigung, zu Missbrauchsfällen oder zur Tötung von Kindern führen,
begehen daher besonders schwere Verbrechen. Da der IS diese Verbrechen gegen
Kinder nicht beiläufig in Kauf genommen hat, sondern sie insbesondere im Rahmen
seiner Genozid-Kampagne gegen die jesidische Gemeinschaft aktiv geplant,
logistisch vorbereitet und systematisch durchgeführt hat, hat er sich schwerster
Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Nach der militärischen
Eroberung der Region Shingal im Nordirak gerieten neben Tausenden jesidischen
Männern und Frauen auch Tausende Kinder in die Gewalt des IS. Minderjährige
jesidische Mädchen wurden vom IS-Herrschaftsapparat mit dem Status »Ungläubige«
(kuffar) belegt und zu »Sklavinnen« erklärt, die von IS-Mitgliedern gekauft und
sexuell missbraucht werden konnten. Anders als bei den in Gefangenschaft
geratenen minderjährigen jesidischen Jungen war für jesidische Mädchen keine
Zwangskonvertierung vorgesehen, um so ihre Entrechtung und Ausbeutung weiterhin
theologisch legitimieren zu können. Gefangene jesidische Jungen wurden nach
ihrer gewaltsamen und erzwungenen Konversion Opfer einer systematischen
Indoktrination, die neben der Vermittlung der IS-Ideologie auch massiven
psychischen und physischen Druck umfasste. Ziel dieser Maßnahmen war einerseits
die vollkommene Zerstörung ihrer ursprünglichen kulturellen und religiösen
Identität. Andererseits dienten sie als Grundlage für die im Anschluss erfolgte
Rekrutierung der Jungen als Kindersoldaten, die nach der Zerstörung ihrer
Identität, massiven Traumatisierungen und systematischer Indoktrination zu
schlagkräftigen Werkzeugen der Terrororganisation missbraucht werden sollten.
Auch wenn sich das vorliegende Buch jesidischen Kindersoldaten in den Reihen der
Terrororganisation Islamischer Staat widmet, so ist zu bedenken, dass auch
insbesondere muslimische Kinder für die perfiden Zwecke der Terrororganisation
missbraucht wurden – nur ohne die besondere Grausamkeit, sie ihren Eltern und
Familien zu entreißen und gegen das eigene Volk einzusetzen.
Laut der Definition der »Pariser Prinzipien« der Vereinten Nationen von 2007
werden all jene Personen unter 18 Jahren als Kindersoldaten bezeichnet, die von
Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder »benutzt« werden.
»Benutzt« wurden die jesidischen Jungen insbesondere, um die Kinder selbst in
ihrer Identität, aber auch um das Jesidentum in den Grundfesten durch Gewalt zu
erschüttern. »Denn Gewalt zerstört nicht nur den Körper, sondern auch die
Psyche, soziale Beziehungen, im Extremfall sogar das ganze Beziehungsgeflecht
von Gesellschaften« (Koloma Beck/Schlichte 2014).
Trotz der unglaublich hohen Zahl von weltweit rund einer Viertelmillion
Kindern unter Waffen ist das Thema kaum aufgearbeitet. Damit auch in Deutschland
diese Problematik Beachtung und
Erwähnung findet, haben Gohdar Alkaidy und S.R. Seido Dutzende jesidische
Kinder zwischen sechs und 17 Jahren interviewt, die vom Islamischen Staat
verschleppt wurden. Ihre Kindheit und mit ihr auch ein Teil ihrer Zukunft wurden
durch den Islamischen Staat erschüttert, vielleicht auch von Grund auf zerstört,
weil sie nicht die Hilfe erhalten, die Menschen in ihrer Situation bekommen
müssten.
Diese Website verwendet Cookies, um eine bestmögliche Erfahrung bieten zu können. Mehr Informationen ...
25.07.2026 - Junglöwen des Kalifats - Der Islamische Staat und die Schicksale jesidischer Kindersoldaten
Im Sommer 2014 verübte der Islamische Staat auf brutalste Weise einen Völkermord an den Jesiden im Irak. Im Rahmen dieses Völkermords entführte und versklavte die Terrororganisation Hunderte von jesidischen Jungen und bildete sie nach Zwangskonversion zum Islam zu Spionen, Soldaten und Selbstmordattentätern aus - um sie insbesondere gegen Jesiden selbst einzusetzen. Gohdar Alkaidy und S.R. Seido haben mit zahlreichen dieser Jungen gesprochen und liefern mit ihrem Buch einen seltenen Bericht aus erster Hand über die Taktiken des IS und ähnlicher islamistischer Terrororganisationen. Hier kommen jene Kinder zu Wort, die alles verloren haben: ihre Heimat, ihre Familien, ihre Kindheit.
Die Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) errichtete auf dem Höhepunkt ihrer Macht einen Quasi-Staat, der annähernd die Fläche Großbritanniens umfasste. Die Herrschaft des IS war gekennzeichnet von Terror – sowohl in Form von Anschlägen gegen externe Feinde als auch durch Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung innerhalb seines Herrschaftsbereichs.
Angehörige religiöser Minderheiten waren in besonderem Maße Ziel von brutaler Verfolgung durch den IS. Insbesondere die Verbrechen an jesidischen Kindern, die ab 2014 in IS-Gefangenschaft gerieten, verdeutlichen auf erschreckende Weise das Ausmaß, die Qualität und die Systematik des IS-Terrors.
Kinder haben als schwächste Mitglieder jeder Gesellschaft ein besonderes Anrecht auf Schutz. Die Folgen von Krieg und Vertreibung sind für Kinder besonders dramatisch. Kriegsparteien, deren Handeln zur Entwurzelung, Entführung, Demütigung, zu Missbrauchsfällen oder zur Tötung von Kindern führen, begehen daher besonders schwere Verbrechen. Da der IS diese Verbrechen gegen Kinder nicht beiläufig in Kauf genommen hat, sondern sie insbesondere im Rahmen seiner Genozid-Kampagne gegen die jesidische Gemeinschaft aktiv geplant, logistisch vorbereitet und systematisch durchgeführt hat, hat er sich schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Nach der militärischen Eroberung der Region Shingal im Nordirak gerieten neben Tausenden jesidischen Männern und Frauen auch Tausende Kinder in die Gewalt des IS. Minderjährige jesidische Mädchen wurden vom IS-Herrschaftsapparat mit dem Status »Ungläubige« (kuffar) belegt und zu »Sklavinnen« erklärt, die von IS-Mitgliedern gekauft und sexuell missbraucht werden konnten. Anders als bei den in Gefangenschaft geratenen minderjährigen jesidischen Jungen war für jesidische Mädchen keine Zwangskonvertierung vorgesehen, um so ihre Entrechtung und Ausbeutung weiterhin theologisch legitimieren zu können.
Gefangene jesidische Jungen wurden nach ihrer gewaltsamen und erzwungenen Konversion Opfer einer systematischen Indoktrination, die neben der Vermittlung der IS-Ideologie auch massiven psychischen und physischen Druck umfasste. Ziel dieser Maßnahmen war einerseits die vollkommene Zerstörung ihrer ursprünglichen kulturellen und religiösen Identität. Andererseits dienten sie als Grundlage für die im Anschluss erfolgte Rekrutierung der Jungen als Kindersoldaten, die nach der Zerstörung ihrer Identität, massiven Traumatisierungen und systematischer Indoktrination zu schlagkräftigen Werkzeugen der Terrororganisation missbraucht werden sollten. Auch wenn sich das vorliegende Buch jesidischen Kindersoldaten in den Reihen der Terrororganisation Islamischer Staat widmet, so ist zu bedenken, dass auch insbesondere muslimische Kinder für die perfiden Zwecke der Terrororganisation missbraucht wurden – nur ohne die besondere Grausamkeit, sie ihren Eltern und Familien zu entreißen und gegen das eigene Volk einzusetzen.
Laut der Definition der »Pariser Prinzipien« der Vereinten Nationen von 2007 werden all jene Personen unter 18 Jahren als Kindersoldaten bezeichnet, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder »benutzt« werden. »Benutzt« wurden die jesidischen Jungen insbesondere, um die Kinder selbst in ihrer Identität, aber auch um das Jesidentum in den Grundfesten durch Gewalt zu erschüttern. »Denn Gewalt zerstört nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche, soziale Beziehungen, im Extremfall sogar das ganze Beziehungsgeflecht von Gesellschaften« (Koloma Beck/Schlichte 2014).
Trotz der unglaublich hohen Zahl von weltweit rund einer Viertelmillion Kindern unter Waffen ist das Thema kaum aufgearbeitet. Damit auch in Deutschland diese Problematik Beachtung und
Erwähnung findet, haben Gohdar Alkaidy und S.R. Seido Dutzende jesidische Kinder zwischen sechs und 17 Jahren interviewt, die vom Islamischen Staat verschleppt wurden. Ihre Kindheit und mit ihr auch ein Teil ihrer Zukunft wurden durch den Islamischen Staat erschüttert, vielleicht auch von Grund auf zerstört, weil sie nicht die Hilfe erhalten, die Menschen in ihrer Situation bekommen müssten.