27.06.2026 - Man gibt Frauen Flügel und schneidet sie ihnen gleichzeitig ab
Sophia Wilk-Vollmann:
Erwartung, Hoffnung, Ängste - das ist das Spannungsfeld in dem sich die
Ärztin Dr. Sophia Wilk-Vollmann bewegt, und zwar als Notfallärztin und Soldatin
in internationalen Einsätzen sowie als ästhetische Medizinerin in ihrer Praxis
in Berlin. In Mali und Afghanistan hat sie Menschen geholfen, die traumatische
Erlebnisse durchlebt haben und nicht mehr in der eigenen Haut stecken möchten.
In der Berliner Praxis betreut sie Patientinnen und Patienten oft über Jahre und
nimmt so teil an deren Leben. Sophia Wilk-Vollmann hinterfragt gängige
Schönheitsideale und kämpft gegen die Stigmatisierung von jenen, die sich für
ästhetische Behandlungen entscheiden. Mit Offenheit, Präzision und Tiefe
schildert sie die eindrücklichen Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten,
vom stereotypen Alphamännchen bis hin zur genderfluiden Transperson.
Der Pragmatismus in diesem anderen Leben in einem anderen Land hat meine
Selbstwahrnehmung im Hier und Jetzt verändert. Mein Look schien etwas zu
behaupten, das man vorher nicht in mir gesehen hatte. Ich liebe dieses
Platinblond. Ich kam mit Menschen eines ganz anderen Typs in Kontakt, die
weniger an klassischen Rollenbildern hingen und mehr an der Person interessiert
waren. Sobald ich mich ein Stück von dieser Standardoptik entfernt hatte,
verschoben sich auch die Erwartungen und Zuschreibungen. Mit einem anderen Look
verändert sich nicht zwingend der eigene Kern, aber die Art, wie man gelesen
wird. Und damit auch, wer sich angesprochen fühlt.
Dann sieht man plötzlich diese sehr kuratierte Form von »natürlich«.
Ultra-traditionelle Typen, Make-America-Great-Again-Frauen mit ihren
immergleichen Haaren, immergleichen Lippen, ohne Tattoos, eingenäht in die
immergleichen unifarbenen Kostümchen. Looksmaxxing-Männer, die mit Bone Smashing
und Pumper-Attitüde versuchen, ihr fragiles Ego hinter einer polierten Eitelkeit
zu verstecken. Ein neues Normschön bis zur Entsättigung. Das kommt nicht von
ungefähr. Ästhetik ist eine Zugehörigkeitserklärung. Und manchmal auch eine
Eintrittskarte in politische Gefilde, die sehr genau wissen, welches Bild von
Männlichkeit und Weiblichkeit sie dulden und welches nicht. Man gibt Frauen
Flügel und schneidet sie ihnen gleichzeitig ab. Je mehr Wimpern, Nägel,
Extensions und hochhackige Schuhe sie als Ausdruck ihrer Selbstbestimmung
kaufen, desto stärker schränken sie ihre Bewegungsfreiheit ein. Männern erzählen
wir, dass Kinn und Kiefer sie zu Alphas machen. Sei kein Beta. Bloß kein Omega.
Sei stark. Stark. Sei das, was Frauen mit Nägeln, Extensions und High Heels
wollen. Ich kann in hohen Schuhen nicht laufen. Ich rede schnell, ich denke
schnell, ich gehe schnell. Ich brauche eine Frisur, die gewaschen werden darf.
Lange Gelnägel können vielleicht die Hand eines Autokraten auf einem Golfplatz
halten, aber nicht die Hand eines Verwundeten im U-Bahnschacht. Je konservativer
und radikaler eine politische Strömung, desto klarer die Linie zwischen Mann und
Frau. Religiöser Fundamentalismus lebt von dieser Trennung.
Gerade Frauen regulieren wir mit erstaunlicher Konsequenz. Mal sollen sie
stark sein, aber bitte nicht bedrohlich. Schlank, aber nicht krank.
Begehrenswert, aber nicht selbstbestimmt. Und wenn ein Trend daherkommt, wie
dieser fast zerbrechliche Neunziger-Look, Heroinschick in neuem Gewand, tun wir
so, als sei das einfach nur die neue Mode. Als hätte es nichts mit Kontrolle zu
tun. Wir nennen es Ästhetik. Wir nennen es Disziplin. Wir nennen es
Selbstoptimierung. Und übersehen, wie schnell daraus ein kollektives Aushungern
wird. Der Körper magert ab, die Kraft sinkt, die Stimme nur noch ein Flüstern.
Reproduktionsfähigkeit, Zyklus, Gesundheit – das alles sind Kollateralschäden im
Namen eines Ideals, das angeblich zufällig entstanden ist.
In männlich geprägten Systemen gehört dieses Regulieren fast zur sozialen
Ausbildung. Kompetenz darf nur in der richtigen Dosierung auftreten, als
Mischung aus Durchsetzungsfähigkeit und Gefälligkeit. Nur nicht zu laut. Nur
nicht zu präsent. Nur nicht zu emotional. Wir sind die »Zu«-Frauen, die ihre
Wertigkeit rechtfertigen und für ihre Akzeptanz kämpfen müssen in einer Welt,
die von und für Männer gebaut wurde. »Zu« wird zur Grenze für alles Mögliche.
Wer nicht passt, ist zu laut. Zu hysterisch. Zu – ja was denn? Zu viel Mensch?
Die Grenze verschiebt sich erstaunlich selten zugunsten derer, die sie ständig
austarieren müssen. Wie denn auch, wenn die Kraft in den ausgehungerten Ärmchen
fehlt, um die Gewichte in die Waagschale zu hieven?
Wer nicht der Norm entspricht, leistet mehr. Während andere einfach nur da
sein dürfen, muss sie, die aus dem Raster fällt, erklären und abfedern. Sie
schweigt, wo andere laut werden, und beweist, dass ihr Platz hier kein Zufall
ist. In Systemen, die auf Effizienz und Durchhaltevermögen beruhen, wirken
Weichheit und die Gnade für sich selbst wie Störfaktoren. Also lernt man, sie zu
kontrollieren. Und dann sind da die »Zu«-Frauen, die es trotzdem geschafft
haben. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und biologischen Realitäten,
zwischen Karriere- und Reproduktionsfenstern, die sich nicht endlos verschieben
lassen. Manche halten das aus. Andere nicht. Das Aussehen, das sie sich
antrainiert und angebastelt haben, wird zu einem Bestehen in der Gesellschaft,
in der man einfach nur noch die Vorstellungen auf sich prasseln lässt. Aus
Aussehen und Bestehen wird Überstehen. Und manchmal reicht die Kraft gerade noch
dafür, nicht umzukippen.
27.06.2026 - Man gibt Frauen Flügel und schneidet sie ihnen gleichzeitig ab
Erwartung, Hoffnung, Ängste - das ist das Spannungsfeld in dem sich die Ärztin Dr. Sophia Wilk-Vollmann bewegt, und zwar als Notfallärztin und Soldatin in internationalen Einsätzen sowie als ästhetische Medizinerin in ihrer Praxis in Berlin. In Mali und Afghanistan hat sie Menschen geholfen, die traumatische Erlebnisse durchlebt haben und nicht mehr in der eigenen Haut stecken möchten. In der Berliner Praxis betreut sie Patientinnen und Patienten oft über Jahre und nimmt so teil an deren Leben. Sophia Wilk-Vollmann hinterfragt gängige Schönheitsideale und kämpft gegen die Stigmatisierung von jenen, die sich für ästhetische Behandlungen entscheiden. Mit Offenheit, Präzision und Tiefe schildert sie die eindrücklichen Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten, vom stereotypen Alphamännchen bis hin zur genderfluiden Transperson.
Der Pragmatismus in diesem anderen Leben in einem anderen Land hat meine Selbstwahrnehmung im Hier und Jetzt verändert. Mein Look schien etwas zu behaupten, das man vorher nicht in mir gesehen hatte. Ich liebe dieses Platinblond. Ich kam mit Menschen eines ganz anderen Typs in Kontakt, die weniger an klassischen Rollenbildern hingen und mehr an der Person interessiert waren. Sobald ich mich ein Stück von dieser Standardoptik entfernt hatte, verschoben sich auch die Erwartungen und Zuschreibungen. Mit einem anderen Look verändert sich nicht zwingend der eigene Kern, aber die Art, wie man gelesen wird. Und damit auch, wer sich angesprochen fühlt.
Dann sieht man plötzlich diese sehr kuratierte Form von »natürlich«. Ultra-traditionelle Typen, Make-America-Great-Again-Frauen mit ihren immergleichen Haaren, immergleichen Lippen, ohne Tattoos, eingenäht in die immergleichen unifarbenen Kostümchen. Looksmaxxing-Männer, die mit Bone Smashing und Pumper-Attitüde versuchen, ihr fragiles Ego hinter einer polierten Eitelkeit zu verstecken. Ein neues Normschön bis zur Entsättigung. Das kommt nicht von ungefähr. Ästhetik ist eine Zugehörigkeitserklärung. Und manchmal auch eine Eintrittskarte in politische Gefilde, die sehr genau wissen, welches Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit sie dulden und welches nicht. Man gibt Frauen Flügel und schneidet sie ihnen gleichzeitig ab. Je mehr Wimpern, Nägel, Extensions und hochhackige Schuhe sie als Ausdruck ihrer Selbstbestimmung kaufen, desto stärker schränken sie ihre Bewegungsfreiheit ein. Männern erzählen wir, dass Kinn und Kiefer sie zu Alphas machen. Sei kein Beta. Bloß kein Omega. Sei stark. Stark. Sei das, was Frauen mit Nägeln, Extensions und High Heels wollen. Ich kann in hohen Schuhen nicht laufen. Ich rede schnell, ich denke schnell, ich gehe schnell. Ich brauche eine Frisur, die gewaschen werden darf. Lange Gelnägel können vielleicht die Hand eines Autokraten auf einem Golfplatz halten, aber nicht die Hand eines Verwundeten im U-Bahnschacht. Je konservativer und radikaler eine politische Strömung, desto klarer die Linie zwischen Mann und Frau. Religiöser Fundamentalismus lebt von dieser Trennung.
Gerade Frauen regulieren wir mit erstaunlicher Konsequenz. Mal sollen sie stark sein, aber bitte nicht bedrohlich. Schlank, aber nicht krank. Begehrenswert, aber nicht selbstbestimmt. Und wenn ein Trend daherkommt, wie dieser fast zerbrechliche Neunziger-Look, Heroinschick in neuem Gewand, tun wir so, als sei das einfach nur die neue Mode. Als hätte es nichts mit Kontrolle zu tun. Wir nennen es Ästhetik. Wir nennen es Disziplin. Wir nennen es Selbstoptimierung. Und übersehen, wie schnell daraus ein kollektives Aushungern wird. Der Körper magert ab, die Kraft sinkt, die Stimme nur noch ein Flüstern. Reproduktionsfähigkeit, Zyklus, Gesundheit – das alles sind Kollateralschäden im Namen eines Ideals, das angeblich zufällig entstanden ist.
In männlich geprägten Systemen gehört dieses Regulieren fast zur sozialen Ausbildung. Kompetenz darf nur in der richtigen Dosierung auftreten, als Mischung aus Durchsetzungsfähigkeit und Gefälligkeit. Nur nicht zu laut. Nur nicht zu präsent. Nur nicht zu emotional. Wir sind die »Zu«-Frauen, die ihre Wertigkeit rechtfertigen und für ihre Akzeptanz kämpfen müssen in einer Welt, die von und für Männer gebaut wurde. »Zu« wird zur Grenze für alles Mögliche. Wer nicht passt, ist zu laut. Zu hysterisch. Zu – ja was denn? Zu viel Mensch? Die Grenze verschiebt sich erstaunlich selten zugunsten derer, die sie ständig austarieren müssen. Wie denn auch, wenn die Kraft in den ausgehungerten Ärmchen fehlt, um die Gewichte in die Waagschale zu hieven?
Wer nicht der Norm entspricht, leistet mehr. Während andere einfach nur da sein dürfen, muss sie, die aus dem Raster fällt, erklären und abfedern. Sie schweigt, wo andere laut werden, und beweist, dass ihr Platz hier kein Zufall ist. In Systemen, die auf Effizienz und Durchhaltevermögen beruhen, wirken Weichheit und die Gnade für sich selbst wie Störfaktoren. Also lernt man, sie zu kontrollieren. Und dann sind da die »Zu«-Frauen, die es trotzdem geschafft haben. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und biologischen Realitäten, zwischen Karriere- und Reproduktionsfenstern, die sich nicht endlos verschieben lassen. Manche halten das aus. Andere nicht. Das Aussehen, das sie sich antrainiert und angebastelt haben, wird zu einem Bestehen in der Gesellschaft, in der man einfach nur noch die Vorstellungen auf sich prasseln lässt. Aus Aussehen und Bestehen wird Überstehen. Und manchmal reicht die Kraft gerade noch dafür, nicht umzukippen.
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