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  1. Kommentar
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Kommentar

16.05.2026 - Sterben die Bienen, sterben die Menschen!

Timm Koch:

Seit über 100 Millionen Jahren prägt der Bien - also das Bienenvolk mit seinem Stock - das Leben auf unserer Erde, weil er einer riesigen Pflanzengruppe als Bestäuber dient. Ohne Biene keine Äpfel - wenn es nach dem Willen der Agrochemie-Konzerne geht, soll dies jedoch anders werden. Ihnen schwebt eine Zukunft der Roboterbienen vor. Bestäubt wird nur noch, was Kasse bringt. Willkommen in einem der folgenschwersten Auswüchse des menschengemachten Ökozids. Timm Koch führt uns in seinem Buch in die wundersame Welt der Bienen und zeigt: Noch funktioniert die Mensch-Bien-Symbiose, noch stemmt sich die Herrschaft des Biens gegen die vollkommen ungezügelte Vergiftung unserer Landschaften durch Bayer, Monsanto und Co. Aber wir sind in einer kritischen Phase angelangt. Ein Auszug.

Ich schließe mich denen an, die Jean-Jacques Rousseaus Wahlspruch »Zurück zur Natur!« ernstnehmen. Ich möchte ihn sogar ein wenig weiterdenken. Meiner Überzeugung nach hat der Mensch nämlich gar nicht die Möglichkeit, wie ein verlorener Sohn zur Natur zurückzukehren, weil er sie nie verlassen hat, ja, gar nicht verlassen kann. Leider verharrt die Menschheit in der Illusion, zwischen ihr und der Natur gebe es ein »Wir-und-die-Verhältnis«. Dies ist in meinen Augen nicht nur falsch, sondern vielmehr der Urgrund des Ökozids.

Viele betrachten nun die Natur als ein Ding, das der Mensch »schützen« sollte. Ganz im Sinne des Bürokratismus wurde hierfür in Deutschland das Amt für Naturschutz geschaffen. Warum aber geht es der Natur trotzdem immer schlechter? Warum sterben die Arten aus? Warum verschwinden die Regenwälder? Warum sind die Ozeane voller Plastik, die Äcker voller Gift? Die Antwort ist simpel: Der Mensch will nicht begreifen, dass Naturschutz Selbstschutz bedeutet. Die »Krone der Schöpfung« Mensch sieht sich als ein von der Natur entkoppeltes Wesen, als Herrscher über die Natur. In meinen Augen hat er die Selbstbeherrschung verloren. Wer also mit dem Netz und dem Gewehr, mit Gift und der Axt regiert, der darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages über einen Friedhof herrscht. Einen Friedhof, der mit offenem Massengrab nur darauf wartet, am Ende auch den selbstgerechten Regenten zur letzten Ruhe zu betten.

 Wer die Natur zerstört, zerstört damit am Ende sich selbst. Wer die Natur schützt, betreibt Selbstschutz. Trotz aller zivilisatorischen Errungenschaften bleibt der Mensch ein Teil der Natur. Egal, ob er in den Hochhausschluchten Tokios oder im schrumpfenden Amazonas-Regenwald lebt: Der Mensch ist Natur!

Lassen wir uns, um diese eigentlich simple Wahrheit zu verinnerlichen, auf ein kleines Gedankenspiel ein, das strikt dem Gesetz der Logik folgt. Kaum jemand, der halbwegs bei Sinnen ist, wird bestreiten, dass Homo sapiens sapiens (einmal »sapiens« ist uns nicht genug!) zur Gattung der Säugetiere gehört. Auf der anderen Seite wandelt wohl nur eine Handvoll Zweibeiner über unseren Planeten, die ihn tatsächlich als das begreift, was er demnach ist: ein Tier. Der Mensch ist ein wundervolles, schrecklich intelligentes, sich ständig in verschiedenen Stadien der Zivilisation vor- und zurückentwickelndes Tier.

Auch in Zusammenhang mit der Imkerei lege ich Wert auf diese Feststellung. In meinen Augen sind Ackerbau und Nutztierhaltung Symbiosen, die das Säugetier Mensch im Lauf seiner Entwicklung eingegangen ist; Symbiosen, die seinen Aufstieg in unserer Welt erst möglich machten und nach wie vor machen. Wir brauchen nicht mehr unbedingt Pflanzenfasern, Leder oder Wolle, um uns zu kleiden. Diese Materialien können durch Produkte der chemischen Industrie (auch wenn ich die als schwitzig empfinde) ersetzt werden. Häuser kann man aus Beton, Stahl und neuerdings sogar Styropor errichten. Das ist zwar im Vergleich zum Wohngefühl, das ein Haus aus Holz bietet, nicht sonderlich angenehm, doch ein Überleben darin ist ohne weiteres möglich. Theoretisch könnten wir demnach heutzutage auf Bäume, Schafe und Baumwolle verzichten, ohne erstmal allzu viel Komfort einbüßen zu müssen. Aber bei aller Zivilisation, aller Technik, aller Religion, Sprache und Kunst und was uns sonst noch von den anderen Tieren unterscheiden mag, werden wir eine Sache immer mit ihnen gemein haben: Wir müssen essen, um leben zu können.

Was essen wir? Die letzten wirklich großen Wildtierpopulationen, die für die Ernährung der Weltbevölkerung eine Rolle spielen, sind die Fische in unseren Ozeanen. Durch rücksichtslose Ausbeutung sind auch diese Bestände heute bereits erschöpft. Also essen wir vor allem die Vertreter der Tier- und Pflanzenarten, mit denen wir in Symbiose leben, beziehungsweise deren Produkte. Einer der Höhepunkte in der Geschichte der Zivilisierung des Säugetiers Mensch war sicherlich der Zeitpunkt, als er sich auf eine Symbiose mit dem Bien einließ.

Nun wird diese Symbiose vom Menschen in Frage gestellt. Gigantische Chemiekonzerne bestimmen, was in der Landwirtschaft geschieht. Der überwiegende Teil der Bauern hat sich zu deren willigen Vollstreckern rekrutieren lassen. Dabei wurde das eigentliche Ziel der Landwirtschaft aus den Augen verloren. Es geht heute nicht mehr primär darum, dass die Menschen etwas zu essen haben. Es geht vielmehr darum, Geld zu verdienen. Unser grundlegendstes Bedürfnis, nämlich die Notwendigkeit, unseren Hunger zu stillen, zu essen, hat Marktkräfte entfesselt, die wieder einzudämmen schwierig werden wird. Banken entscheiden nach Gewinnlage und Zahlungskraft, wer auf diesem Planeten verhungert und wer an Fettleibigkeit zugrunde geht. Die ganze Entwicklung ist so absurd, dass man zu folgendem Schluss kommen kann: In seinem Streben, sich vom Rest der Tierwelt zu unterscheiden, nicht mehr Tier zu sein, geht der Mensch so weit, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Er will das Unerreichbare, weiß aber im Innersten um die Fruchtlosigkeit seines Strebens. Diesen Widerspruch kann er nicht auflösen. Und so rennt er wie ein trotziges Kind trotz aller Warnungen und wider besseres Wissen immer schneller Richtung Abgrund.

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