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Kommentar

11.04.2026 - Die immaterielle Komponente der Wirklichkeit

Gerd Ganteför:

Dem Materialismus zufolge ist das Universum nichts weiter als eine gigantische Maschine, die seit dem Urknall geistlos auf ihr kaltes Ende zuläuft. Doch das Weltbild stößt an seine Grenzen: Warum kam es zum Urknall? Warum sind die fundamentalen Eigenschaften der Natur so, wie sie sind, und nicht anders? Warum gibt es Leben? Die Antwort des Materialismus lautet: Zufall. Empfindet man diese als unbefriedigend, scheint Religion die einzige Alternative zu sein. Doch der Physiker Gerd Ganteför schlägt in seinem neuen Buch einen anderen Weg vor: Neben Materie und Energie existiert noch eine weitere fundamentale Komponente im Universum, die Information. Sie spielt auch in der unbelebten Natur eine entscheidende Rolle. Ganteför stellt drei Postulate auf, aus denen er die Existenz eines universellen Informationsfeldes folgert. Damit erscheint die Evolution von Lebewesen und sogar von Planeten, Sternen und Galaxien nicht mehr als unwahrscheinlich, sondern als Folge eines natürlichen Prozesses.

Wir leben in einer materialistischen Welt. Der progressive Zeitgeist hat vielen Europäern jeden Glauben an ein göttliches Wesen ausgetrieben. Parallel wird der Religion des Abendlandes, dem Christentum, ein immer größeres Misstrauen entgegengebracht. Auch in den USA, dem bisher wirtschaftlich und militärisch führenden Land des Westens, wächst die Skepsis gegenüber der Religion. Den Zwiespalt zwischen Glauben und Materialismus gibt es seit dem Zeitalter der Aufklärung. Heute scheint die Naturwissenschaft gewonnen zu haben. Sie wird von den meisten Bürgern sogar als Gegner der Religion wahrgenommen. Aber ein Teil der Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler steht dem christlichen Glauben nahe oder empfindet zumindest eine große Ehrfurcht und ein Staunen gegenüber der Schöpfung; nur wenige sind harte Atheisten, die im Kosmos nichts anderes als eine große geistlose Maschine sehen.

Den meisten Menschen sind die Feinheiten der Naturwissenschaft unverständlich. Sie sehen allenfalls die Oberfläche, die ihnen von Fernsehwissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten vermittelt wird. Doch Medienschaffende sind dem Zeitgeist verpflichtet und der ist in Europa streng materialistisch. Dadurch bekommt die breite Öffentlichkeit ein verfälschtes und oberflächliches Bild von der Naturwissenschaft. In diesem ähnelt das Universum einer Art Maschine aus einer gigantischen Zahl an winzigen Kügelchen, über Federn miteinander verbunden, die im Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren gestartet wurde. Seither rattert sie den Naturgesetzen folgend geistlos in die Zukunft. Irgendetwas, das auch nur ansatzweise an Intelligenz oder Bewusstsein erinnern könnte, gibt es in diesem Maschinenuniversum nicht, hat es nicht gegeben und wird es auch künftig nicht geben – darin existieren nichts als Teilchen, Naturkräfte, Naturgesetze und die Zeit. Zwar gibt es intelligentes Leben auf der Erde. Aber das tut die materialistische Weltsicht als extrem unwahrscheinlichen Zufall ab. Richard Dawkins hat diese oberflächliche Perspektive auf die moderne Naturwissenschaft in seinem Bestseller »Der Gotteswahn« verwendet, um den Glauben an eine höhere »immaterielle« Ebene der Wirklichkeit als Wahn zu deklarieren. Als Biologe sieht er aber nur die aus Lehrbüchern leicht zugängliche äußere Fassade der Physik. Zumindest lässt seine Argumentation auf diese Sichtweise schließen. Die Fassade suggeriert den Menschen, dass die Physik bereits alles erklären kann und sich die Forschung nur noch mit Details beschäftigt. Das ist aber nicht richtig.

Es gibt mindestens drei Beobachtungen, die für das materialistische Weltbild problematisch sind und seine Begrenztheit aufzeigen. Um eine Erweiterung dieser Grenzen geht es in meinem Buch. Zunächst ist da die große Menge an ungelösten fundamentalen Fragen in der Physik. Das materialistische Weltbild steht vor vielen Rätseln und weist etliche Unstimmigkeiten auf. Hinter den scheinbar perfekten Formeln und Naturgesetzen muss es eine tiefere Physik geben, die sich erst offenbart, wenn man versucht, jenseits des bloßen Auswendiglernens der Formeln ein tieferes Verstehen zu erlangen. Eine oberflächliche Sichtweise begnügt sich damit, Experimente durchzuführen und die Ergebnisse mit dem Werkzeug der Mathematik zu beschreiben. Das ist aber nur deskriptiv. So wie bei einem Buch, von dem man den Titel, den Autor, das Erscheinungsdatum, das Gewicht und die Seitenzahl kennt, aber nicht den Inhalt, der sich hinter dem Einband verbirgt, und schon gar nicht die korrekte Interpretation der Handlung.

Die Physik kann viele der fundamentalen Warum-Fragen, mit denen sie sich beschäftigt, nicht beantworten: Warum kam es zum Urknall? Warum gibt es vier Naturkräfte und sechs Arten von Elementarteilchen? Warum ist die Gravitation so viel schwächer als die elektromagnetische Naturkraft? Warum haben die Naturkonstanten die Werte, die sie haben? Warum kann nichts schneller sein als das Licht? Warum beschleunigt sich die Expansion des Universums?

Das zweite Phänomen, mit dem das materialistische Weltbild ein Problem hat, ist die Existenz von Leben. Dieses passt nämlich nicht in das Konzept eines Maschinenuniversums. Die mit dem Computer errechnete Wahrscheinlichkeit, dass in einem rein auf die etablierte Physik reduzierten Universum Leben entsteht, ist so gering, dass es in unserer Galaxie mit Hunderten von Milliarden Sonnen und sogar im ganzen Universum mit Hunderten von Milliarden Galaxien keines geben dürfte – also auch nicht auf der Erde. Das bedeutet aber umgekehrt, dass unsere Existenz – oder bereits die eines simplen Einzellers – als ein Indiz dafür gelten kann, dass die materialistische Sichtweise unvollständig ist.

Das dritte Phänomen ist die »Maßschneiderung« oder »Feinjustierung« unseres Universums. Es scheint nämlich für die Existenz von Leben geradezu optimiert zu sein. Verändert man in einem theoretischen Universum, das wir im Computer simulieren, auch nur eine der vielen Naturkonstanten, ist das Resultat zumeist steril. Beispielhaft für die Maßschneiderung steht der Drei-Alpha-Prozess, der die Synthese von Kohlenstoff und allen anderen schweren Elementen ermöglicht, ohne die es kein Leben gibt. Dieser ist eigentlich sehr unwahrscheinlich, weshalb kaum Kohlenstoff in unserem Universum existieren sollte. Aber eine spezielle Besonderheit macht ihn möglich und sogar wahrscheinlich. Darauf kommen wir später ausführlicher zu sprechen.

Es gibt viele solche besonderen Eigenschaften in unserem Universum, ohne die Leben undenkbar ist. Nimmt man an, diese Feinjustierung sei reiner Zufall, entspricht das der Erwartung, dass ein Wurf mit 100 Würfeln einen Pasch ergibt, also alle Würfel die gleiche Zahl anzeigen. Ist das wahrscheinlich? Nein, denn in Anbetracht des Erwartungswertes und der Zeit, die jeder Wurf benötigt, würden Milliarden von Jahren nicht ausreichen, um zuverlässig ein solches Ergebnis zu erzielen. Zufall liefert also keine zufriedenstellende Erklärung für die Maßschneiderung. Was ist dann der Grund? Etwa der liebe Gott? Das ist eine menschliche Wunschvorstellung; die Sehnsucht nach einem höheren Wesen, das alles geschaffen hat und letztlich alles zum Guten wendet. Aber die Physik der letzten hundert Jahre hat uns gelehrt, dass allzu menschliche Vorstellungen in die falsche Richtung führen. Die wahre Natur der Wirklichkeit ist uns sehr fremd, so viel können jetzt schon sagen. In meinem Buch wollen wir bei der Physik bleiben und die Spiritualität weitestgehend vermeiden. Allerdings wird es dabei manchmal doch etwas unheimlich – denn unser Verstand kann der Physik irgendwann nicht mehr folgen.

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