01.04.2026 - Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater
Marco Gallina:
Don Camillo und sein Gegenspieler Peppone sind so populär wie beliebt,
vor allem hierzulande. Ihren Schöpfer, Giovannino Guareschi, kennt hingegen kaum
jemand. Der Mensch hinter den ikonischen Figuren war ein unbeugsamer Journalist,
gläubiger Katholik und humorvoller Kämpfer gegen das Establishment. Marco
Gallina beschreibt Giovannino Guareschi in seiner Biografie als rebellischen
Reaktionär – einen, der sich keiner politischen Mode unterwarf, der zwei Jahre
lang in deutscher Kriegsgefangenschaft aushielt, wegen seiner Überzeugungen in
der italienischen Republik ins Gefängnis ging und dennoch nie das Vertrauen in
den Menschen und in Gott verlor. Es ist ein Buch über Wahrheit, Gewissen, Mut –
und über eine Stimme, die heute lauter denn je gebraucht wird.
Peppone ist tot.
Das ganze Dorf weiß es. Schirme bilden einen Wald aus
Pilzen um sein Sterbehaus. Mitten im Juli strömt der Regen. Zwischen
Pappelbäumen kriecht der Nebel. Die »Bassa«, wie die Italiener die Po-Ebene
nennen, hüllt sich in ihr Novembergewand.
Es ist nicht das Italien der Toskana-Urlauber, der Olivenhaine oder Strände.
Es ist das Italien der Arbeiter, der Bauern, des ländlichen Schweigens, wo der
große Fluss über die Ufer tritt und Felder wie Dörfer überschwemmt. Statt
Chianti trinkt man hier süßlichen Lambrusco oder rauchigen Grappa. Statt
Tomatensauce reiben die Emilianer Käseberge auf ihre Pasta. Dolce Vita? Kennt
man hier nur aus dem Radio als Liedgut. Das Italien dieser Gegend basiert auf
Arbeit. Harter Arbeit in den Fabriken, deren Schlote bei Piacenza und Parma in
die Höhe ragen. Ländliche Arbeit von schwarzen Händen, die den fruchtbaren
Erdboden umwühlen.
Der Tote liegt in einem hellen Nussbaumsarg. Buschige Augenbrauen. Ein
herabhängender, schwarzer Schnurrbart. An seinem Körper haften Flanellhemd und
Cordhose. Kleider, wie sie die Bauern dieser Gegend tragen.
Peppone ist tot, weil sein Schöpfer gestorben ist. Giovannino Guareschi,
den weltweit ein Millionenpublikum durch seine Don-Camillo-Romane kennt, wird an
diesem 24. Juli 1968 bestattet. Er sieht dem priesterlichen Widersacher
verblüffend ähnlich. So ähnlich, dass sich bis heute die Anekdote hält, der
katholische Autor habe den kommunistischen Bürgermeister in einer Szene des
Don-Camillo-Films vertreten, weil der Schauspieler Gino Cervi verhindert war.
An diesem Tag gleicht der Ort Roncole dem fiktiven Brescello. Bäuerinnen mit
Kopftuch und Männer mit großen Jacken halten die Hände ihrer Kinder am
Straßenrand. Alte Weggefährten sind angereist. Kollegen aus den Jahren, als
Guareschi in den Zeitungen Bertoldo und Candido nationales Aufsehen erregte.
Sein Sohn Alberto trägt mit anderen Männern den Sarg in die Kirche San
Michele. Es ist die Taufkirche von Giuseppe Verdi. Eine schlichte Feier. Keine
Kerzen. Keine Blumen. Keine Musik.
Nah am Sarg sitzen Alberto und seine Schwester Carlotta. Die Witwe Ennia
bleibt zu Hause. Erschöpft von den Nachtwachen.
Der erfolgreichste italienische Schriftsteller seiner Zeit tritt in das
nächste Leben – aber es ist lediglich die »kleine Welt« seiner Bücher, die ihn
begleitet. Keine Intellektuellen, keine Politiker, nicht einmal ein Kranz
vonseiten des Staates. Kameras und Lautsprecher fehlen. Die Szene erinnert an
Prokofjews Tod, der am selben Tag wie Stalin starb – und deswegen trotz seines
künstlerischen Schaffens komplett ignoriert wurde. In Italien aber ist an
diesen Tagen nichts geschehen, was Guareschis Tod überschattet. Es ist der
Frost der Verachtung einer herrschenden Klasse, die einen Nonkonformisten los
ist.
Das Establishment macht deutlich, dass es ihm nicht nachtrauert.
Das staatliche Fernsehen RAI widmet seinem Tod nur wenige Sekunden. In den
Zeitungen finden sich Todesmeldungen auf den hinteren Seiten. Die Unità – die
Parteizeitung der Kommunisten und in einem giftigen Verhältnis zu Guareschi
vereint – schreibt vom Tod »eines Schriftstellers, der nie geboren worden war«.
Einzig die Gazzetta di Parma würdigt ihn – und klagt Italien als »feige« und
»kleinlich« an, weil die Nation die Lebensleistung des Mannes aus der Bassa
nicht würdigt.
Doch Guareschi hat vorgesorgt. Selbst bei seiner eigenen Bestattung. Auf dem
Sarg liegt das Banner des Königreichs Italien: die Trikolore mit dem Wappen des
Hauses Savoyen. Ein Bekenntnis zu einer Nation, die es nicht mehr gibt.
Eine Ansage gegen die Republik, der Guareschi nicht verziehen hat. Weil sie
den König ins Exil geschickt hat. Weil sie korrupt geworden ist und Italiens
Werte verkauft hat. Weil der Monarchist den Christdemokraten ihre Heuchelei
nicht verzeiht. Weil er aktiv mitgeholfen hatte, die Christdemokraten im
Wahlkampf gegen »die Roten« zu unterstützen – und die ihre Versprechen zugunsten
einer »Partitokratie« gebrochen haben. Zweimal legte sich der Journalist
offen mit der Republik an. Staatspräsident Luigi Einaudi und Ministerpräsident
Alcide De Gasperi kritisiert er scharf – zu scharf. Er wird wegen Beleidigung
des Staatspräsidenten verurteilt. Wegen Verleumdung De Gasperis steckt ihn ein
Gericht für 409 Tage ins Gefängnis.
Guareschi nimmt stolz die Strafe an. Als Militärinternierter hat er zwei
Jahre in deutschen Kriegsgefangenenlagern vegetiert. Der stämmige Parmese wog
nur noch 46 Kilo, als er zurückkehrte.
Er ist zutiefst überzeugt: Er ist mit Gott. Und hofft, dass auch Gott mit ihm
ist.
Bei der Trauerfeier taucht ein Priester aus dieser Zeit auf. Don Onorio
Canepa, ein Pfarrer aus Genua. Er wischt sich gerührt die Augen. Er wollte
Guareschi in diesem Jahr zu einem »Veteranentreffen« einladen. Beide haben sie
die Zeit im Lager verbracht. Der inhaftierte Schriftsteller ging damals von
Baracke zu Baracke. Las den Häftlingen Geschichten vor, um die Moral
hochzuhalten. War großzügig, half, wo er konnte. Unermüdlich.
Dunkle Tage unter den Wachtürmen der Nazis, in denen Guareschi mit Karton,
einer Postkarte und einem Stift eine Krippe zu Weihnachten baute.
Nicht nur mit Kommunisten, Faschisten und Christdemokraten liegt der Mann aus
der Bassa über Kreuz. In seinen letzten Jahren verortet er die Gefahr nicht nur
im politischen Rom. Im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils erkennt er keine
Reform, sondern Anpassung an den Zeitgeist. Während das ganze Jahrzehnt im
Zeichen der Liturgiereform steht, setzt die Bestattungsfeier über seinen Tod
hinaus einen bewussten Akzent: Der Priester, Don Adolfo Rossi, hält sie auf
Latein.
Guareschi blieb zeitlebens unangepasst. Aber er lebte nicht aus Provokation,
wie es andere Journalisten taten – oder heute tun.
Wenn Guareschi karikierte, provozierte oder angriff, dann, weil er zutiefst
überzeugt war, aus Liebe zur Wahrheit zu handeln. Sich selbst hat er dabei nie
in den Mittelpunkt gestellt. Don Adolfo spricht bei der Trauerrede von einem
Griesgram des Selbstschutzes. Weil er nicht »im Schaufenster« stehen wollte.
Weil ihm in den Tavernen unwohl wurde, wenn man ihn erkannte.
Weil ein katholischer Autor Gefahr läuft, die Demut zu verlieren, wenn er
bedrängt wird.
Don Adolfo, der zu den letzten engen Freunden zählt, kann sich nicht davon
freisprechen, Guareschi auf seine Weise in Bedrängnis gebracht zu haben. Er hat
ihm die alten Möbel des Pfarrhauses überlassen – gegen seine gesammelten Werke
mit Widmung.
Auch bei der Beerdigung spielt sich eine Szene ab, die Guareschis katholische
Demut mit maskulinem Schweigen verbindet. Gianni Manstretta, der für die Libertà
die Trauerfeier beobachtet, erkennt einen einzigen Prominenten. Er steht im
Regen. Ohne Schirm, ohne Kopfbedeckung, fallen ihm Wassertropfen auf die
weißen Haare.
Manstretta fragt Don Adolfo. Der bestätigt: Es handelt sich um den legendären
Ingenieur Enzo Ferrari. Er und Guareschi seien befreundet gewesen. Der
Ferrari-Boss – Emilianer wie Guareschi – habe ihn nach Maranello eingeladen, um
seine Sportwagen zu fahren. Dankbar sei Guareschi aber wieder mit seinem Fiat
Topolino zurückgeklappert.
Weder Ferrari noch Guareschi prahlten je damit, den anderen zu kennen.
Guareschi ist außerhalb Italiens kaum bekannt. Don Camillo ist berühmt. Sein
Erfinder ist es nicht. Obwohl sich Guareschi in erster Linie als Journalist
verstand, blieb sein Schaffen außerhalb der »kleinen Welt« der Po-Ebene nahezu
unbekannt. Sein in Gefangenschaft geschriebenes Diario Clandestino ist das
Vermächtnis der italienischen Kriegsgeneration, die Standhaftigkeit, katholische
Überzeugung und Menschlichkeit in Gegenwart des Bösen bewahrt. Mit spitzer Feder
karikierte er fast 30 Jahre das tägliche Leben, von burlesken Witzen bis hin zu
religiösen Fragen. Zwölf Jahre kommentierte er als Chefredakteur des Candido das
politische Alltagsgeschehen. Briefe an seine Nachkommen zerstören die Mär, dass
sein Weltbild auf naiven Überzeugungen fußt. Es ist ein zutiefst christlich
geprägtes, in dem das Gewissen im Mittelpunkt steht.
Das Establishment, der Zeitgeist, die Moden, das System – sind ihm zutiefst
fremd wie den frühen Christen das Römische Reich. Anders als der französische
Konterpart Léon Bloy reagiert er nicht mit schonungsloser Verachtung. Guareschis
Blick auf die Gegen-wart bleibt ironisch, menschlich. Seine Werte machen ihn
jedoch zum Anarchisten: als Monarchist in der Republik, als Antikommunist im
kommunistisch dominierten Kulturbetrieb, als katholischer Kritiker in einem
christdemokratisch regierten Italien.
Er verpflichtete sich keiner Ideologie seiner Zeit. Er fühlte sich den
Anliegen der Bauern und kleinen Leute verbunden, ohne sich für den Sozialismus
zu begeistern. Er war ein strammer Patriot, der dem Faschismus distanziert
gegenüberstand. Er war bekennender Katholik, der den einfachen Weg der
Anbiederung zur christdemokratischen Regierung vermied und den Weg der
Gradlinigkeit ging.
Guareschi war ein rebellischer Reaktionär.
Das ist paradox. Und dieses Paradoxon macht den Schöpfer von Don Camillo und
Peppone so interessant: weil nicht die Angepassten, nicht die Konformisten,
nicht die Ja-Sager im Gedächtnis bleiben. Der Mann aus der Bassa war ein
Athanasius des 20. Jahrhunderts. Die Welt war gegen ihn – und deshalb war er
gegen die Welt.
Das macht Guareschi bis heute zeitlos. Und angesichts immer einheitlicherer
Meinungen im Medienapparat, staatlicher Übergriffigkeit, christenfeindlicher
Moderne, grassierendem Materialismus und transhumanistischer Wünsche umso
aktueller.
01.04.2026 - Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater
Don Camillo und sein Gegenspieler Peppone sind so populär wie beliebt, vor allem hierzulande. Ihren Schöpfer, Giovannino Guareschi, kennt hingegen kaum jemand. Der Mensch hinter den ikonischen Figuren war ein unbeugsamer Journalist, gläubiger Katholik und humorvoller Kämpfer gegen das Establishment. Marco Gallina beschreibt Giovannino Guareschi in seiner Biografie als rebellischen Reaktionär – einen, der sich keiner politischen Mode unterwarf, der zwei Jahre lang in deutscher Kriegsgefangenschaft aushielt, wegen seiner Überzeugungen in der italienischen Republik ins Gefängnis ging und dennoch nie das Vertrauen in den Menschen und in Gott verlor. Es ist ein Buch über Wahrheit, Gewissen, Mut – und über eine Stimme, die heute lauter denn je gebraucht wird.
Peppone ist tot.
Das ganze Dorf weiß es. Schirme bilden einen Wald aus Pilzen um sein Sterbehaus. Mitten im Juli strömt der Regen. Zwischen Pappelbäumen kriecht der Nebel. Die »Bassa«, wie die Italiener die Po-Ebene nennen, hüllt sich in ihr Novembergewand.
Es ist nicht das Italien der Toskana-Urlauber, der Olivenhaine oder Strände. Es ist das Italien der Arbeiter, der Bauern, des ländlichen Schweigens, wo der große Fluss über die Ufer tritt und Felder wie Dörfer überschwemmt. Statt Chianti trinkt man hier süßlichen Lambrusco oder rauchigen Grappa. Statt Tomatensauce reiben die Emilianer Käseberge auf ihre Pasta. Dolce Vita? Kennt man hier nur aus dem Radio als Liedgut. Das Italien dieser Gegend basiert auf Arbeit. Harter Arbeit in den Fabriken, deren Schlote bei Piacenza und Parma in die Höhe ragen. Ländliche Arbeit von schwarzen Händen, die den fruchtbaren Erdboden umwühlen.
Der Tote liegt in einem hellen Nussbaumsarg. Buschige Augenbrauen. Ein herabhängender, schwarzer Schnurrbart. An seinem Körper haften Flanellhemd und Cordhose. Kleider, wie sie die Bauern dieser Gegend tragen.
Peppone ist tot, weil sein Schöpfer gestorben ist.
Giovannino Guareschi, den weltweit ein Millionenpublikum durch seine Don-Camillo-Romane kennt, wird an diesem 24. Juli 1968 bestattet. Er sieht dem priesterlichen Widersacher verblüffend ähnlich. So ähnlich, dass sich bis heute die Anekdote hält, der katholische Autor habe den kommunistischen Bürgermeister in einer Szene des Don-Camillo-Films vertreten, weil der Schauspieler Gino Cervi verhindert war.
An diesem Tag gleicht der Ort Roncole dem fiktiven Brescello. Bäuerinnen mit Kopftuch und Männer mit großen Jacken halten die Hände ihrer Kinder am Straßenrand. Alte Weggefährten sind angereist. Kollegen aus den Jahren, als Guareschi in den Zeitungen Bertoldo und Candido nationales Aufsehen erregte.
Sein Sohn Alberto trägt mit anderen Männern den Sarg in die Kirche San Michele. Es ist die Taufkirche von Giuseppe Verdi. Eine schlichte Feier. Keine Kerzen. Keine Blumen. Keine Musik.
Nah am Sarg sitzen Alberto und seine Schwester Carlotta. Die Witwe Ennia bleibt zu Hause. Erschöpft von den Nachtwachen.
Der erfolgreichste italienische Schriftsteller seiner Zeit tritt in das nächste Leben – aber es ist lediglich die »kleine Welt« seiner Bücher, die ihn begleitet. Keine Intellektuellen, keine Politiker, nicht einmal ein Kranz vonseiten des Staates. Kameras und Lautsprecher fehlen. Die Szene erinnert an Prokofjews Tod, der am selben Tag wie Stalin starb – und deswegen trotz seines künstlerischen Schaffens komplett ignoriert wurde.
In Italien aber ist an diesen Tagen nichts geschehen, was Guareschis Tod überschattet. Es ist der Frost der Verachtung einer herrschenden Klasse, die einen Nonkonformisten los ist.
Das Establishment macht deutlich, dass es ihm nicht nachtrauert.
Das staatliche Fernsehen RAI widmet seinem Tod nur wenige Sekunden. In den Zeitungen finden sich Todesmeldungen auf den hinteren Seiten. Die Unità – die Parteizeitung der Kommunisten und in einem giftigen Verhältnis zu Guareschi vereint – schreibt vom Tod »eines Schriftstellers, der nie geboren worden war«. Einzig die Gazzetta di Parma würdigt ihn – und klagt Italien als »feige« und »kleinlich« an, weil die Nation die Lebensleistung des Mannes aus der Bassa nicht würdigt.
Doch Guareschi hat vorgesorgt. Selbst bei seiner eigenen Bestattung. Auf dem Sarg liegt das Banner des Königreichs Italien: die Trikolore mit dem Wappen des Hauses Savoyen. Ein Bekenntnis zu einer Nation, die es nicht mehr gibt.
Eine Ansage gegen die Republik, der Guareschi nicht verziehen hat. Weil sie den König ins Exil geschickt hat. Weil sie korrupt geworden ist und Italiens Werte verkauft hat. Weil der Monarchist den Christdemokraten ihre Heuchelei nicht verzeiht. Weil er aktiv mitgeholfen hatte, die Christdemokraten im Wahlkampf gegen »die Roten« zu unterstützen – und die ihre Versprechen zugunsten einer »Partitokratie« gebrochen haben.
Zweimal legte sich der Journalist offen mit der Republik an. Staatspräsident Luigi Einaudi und Ministerpräsident Alcide De Gasperi kritisiert er scharf – zu scharf. Er wird wegen Beleidigung des Staatspräsidenten verurteilt. Wegen Verleumdung De Gasperis steckt ihn ein Gericht für 409 Tage ins Gefängnis.
Guareschi nimmt stolz die Strafe an. Als Militärinternierter hat er zwei Jahre in deutschen Kriegsgefangenenlagern vegetiert. Der stämmige Parmese wog nur noch 46 Kilo, als er zurückkehrte.
Er ist zutiefst überzeugt: Er ist mit Gott. Und hofft, dass auch Gott mit ihm ist.
Bei der Trauerfeier taucht ein Priester aus dieser Zeit auf. Don Onorio Canepa, ein Pfarrer aus Genua. Er wischt sich gerührt die Augen. Er wollte Guareschi in diesem Jahr zu einem »Veteranentreffen« einladen. Beide haben sie die Zeit im Lager verbracht. Der inhaftierte Schriftsteller ging damals von Baracke zu Baracke. Las den Häftlingen Geschichten vor, um die Moral hochzuhalten. War großzügig, half, wo er konnte. Unermüdlich.
Dunkle Tage unter den Wachtürmen der Nazis, in denen Guareschi mit Karton, einer Postkarte und einem Stift eine Krippe zu Weihnachten baute.
Nicht nur mit Kommunisten, Faschisten und Christdemokraten liegt der Mann aus der Bassa über Kreuz. In seinen letzten Jahren verortet er die Gefahr nicht nur im politischen Rom. Im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils erkennt er keine Reform, sondern Anpassung an den Zeitgeist. Während das ganze Jahrzehnt im Zeichen der Liturgiereform steht, setzt die Bestattungsfeier über seinen Tod hinaus einen bewussten Akzent: Der Priester, Don Adolfo Rossi, hält sie auf Latein.
Guareschi blieb zeitlebens unangepasst. Aber er lebte nicht aus Provokation, wie es andere Journalisten taten – oder heute tun.
Wenn Guareschi karikierte, provozierte oder angriff, dann, weil er zutiefst überzeugt war, aus Liebe zur Wahrheit zu handeln. Sich selbst hat er dabei nie in den Mittelpunkt gestellt. Don Adolfo spricht bei der Trauerrede von einem Griesgram des Selbstschutzes. Weil er nicht »im Schaufenster« stehen wollte. Weil ihm in den Tavernen unwohl wurde, wenn man ihn erkannte.
Weil ein katholischer Autor Gefahr läuft, die Demut zu verlieren, wenn er bedrängt wird.
Don Adolfo, der zu den letzten engen Freunden zählt, kann sich nicht davon freisprechen, Guareschi auf seine Weise in Bedrängnis gebracht zu haben. Er hat ihm die alten Möbel des Pfarrhauses überlassen – gegen seine gesammelten Werke mit Widmung.
Auch bei der Beerdigung spielt sich eine Szene ab, die Guareschis katholische Demut mit maskulinem Schweigen verbindet. Gianni Manstretta, der für die Libertà die Trauerfeier beobachtet, erkennt einen einzigen Prominenten. Er steht im Regen.
Ohne Schirm, ohne Kopfbedeckung, fallen ihm Wassertropfen auf die weißen Haare.
Manstretta fragt Don Adolfo. Der bestätigt: Es handelt sich um den legendären Ingenieur Enzo Ferrari. Er und Guareschi seien befreundet gewesen. Der Ferrari-Boss – Emilianer wie Guareschi – habe ihn nach Maranello eingeladen, um seine Sportwagen zu fahren. Dankbar sei Guareschi aber wieder mit seinem Fiat Topolino zurückgeklappert.
Weder Ferrari noch Guareschi prahlten je damit, den anderen zu kennen.
Guareschi ist außerhalb Italiens kaum bekannt. Don Camillo ist berühmt. Sein Erfinder ist es nicht. Obwohl sich Guareschi in erster Linie als Journalist verstand, blieb sein Schaffen außerhalb der »kleinen Welt« der Po-Ebene nahezu unbekannt. Sein in Gefangenschaft geschriebenes Diario Clandestino ist das Vermächtnis der italienischen Kriegsgeneration, die Standhaftigkeit, katholische Überzeugung und Menschlichkeit in Gegenwart des Bösen bewahrt. Mit spitzer Feder karikierte er fast 30 Jahre das tägliche Leben, von burlesken Witzen bis hin zu religiösen Fragen. Zwölf Jahre kommentierte er als Chefredakteur des Candido das politische Alltagsgeschehen. Briefe an seine Nachkommen zerstören die Mär, dass sein Weltbild auf naiven Überzeugungen fußt. Es ist ein zutiefst christlich geprägtes, in dem das Gewissen im Mittelpunkt steht.
Das Establishment, der Zeitgeist, die Moden, das System – sind ihm zutiefst fremd wie den frühen Christen das Römische Reich. Anders als der französische Konterpart Léon Bloy reagiert er nicht mit schonungsloser Verachtung. Guareschis Blick auf die Gegen-wart bleibt ironisch, menschlich. Seine Werte machen ihn jedoch zum Anarchisten: als Monarchist in der Republik, als Antikommunist im kommunistisch dominierten Kulturbetrieb, als katholischer Kritiker in einem christdemokratisch regierten Italien.
Er verpflichtete sich keiner Ideologie seiner Zeit. Er fühlte sich den Anliegen der Bauern und kleinen Leute verbunden, ohne sich für den Sozialismus zu begeistern. Er war ein strammer Patriot, der dem Faschismus distanziert gegenüberstand. Er war bekennender Katholik, der den einfachen Weg der Anbiederung zur christdemokratischen Regierung vermied und den Weg der Gradlinigkeit ging.
Guareschi war ein rebellischer Reaktionär.
Das ist paradox. Und dieses Paradoxon macht den Schöpfer von Don Camillo und Peppone so interessant: weil nicht die Angepassten, nicht die Konformisten, nicht die Ja-Sager im Gedächtnis bleiben. Der Mann aus der Bassa war ein Athanasius des 20. Jahrhunderts. Die Welt war gegen ihn – und deshalb war er gegen die Welt.
Das macht Guareschi bis heute zeitlos. Und angesichts immer einheitlicherer Meinungen im Medienapparat, staatlicher Übergriffigkeit, christenfeindlicher Moderne, grassierendem Materialismus und transhumanistischer Wünsche umso aktueller.
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