02.03.2026 - Eine Familie. Ein Jahr. Der Geschmack Europas
Anna Hemminger:
Sie kündigen ihr Haus, lassen Schule, Alltag und Sicherheiten hinter sich
und brechen mit ihren drei Kindern auf zu einer Reise durch Europas Küchen – auf
der Suche nach gutem Geschmack und einem freieren Leben. Was als kulinarisches
Abenteuer beginnt, wird schnell zu einer Reise zu sich selbst. Anna und Patrick
Hemminger erzählen von langen Autofahrten, fremden Tischen, neuen Freundschaften
und Momenten des Zweifelns. Ihre Kinder lernen unterwegs mehr als in jedem
Klassenzimmer, während die Eltern sich fragen, was sie wirklich brauchen, um
glücklich zu sein. Dieses Buch verbindet Genuss, Familienleben und die Sehnsucht
nach einem anderen Alltag. Warmherzig, klug und voller Beobachtungen zeigt
„Travel & Taste”, dass gutes Essen mehr ist als Geschmack – es ist eine Sprache,
die Menschen, Kulturen und Generationen verbindet
Deutschland – Bernried am Starnberger See (Anna)
Und dann ist der Moment gekommen. Der 23. August 2024. Um 5.30 Uhr klingelt
mein Wecker. Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. Werden wir wirklich an
diesem Tag aufbrechen und unser Haus nie wiedersehen? In jedem Zimmer stapeln
sich Kartons. Alle Bücher, Spielsachen und Legoteile sind verschwunden. Das
Klavier ist abgeholt, den Küchentisch haben wir verschenkt. Ich gehe ein letztes
Mal die Treppe hinunter, tappe barfuß in das Zimmer der Kinder.
„Was ist los?” murmelt Josefine. „Schule?” Sie dreht sich um. Auch Carlotta
stöhnt. „Nein“, sage ich. „Die Reise geht los.” Sofort sind alle drei Kinder
wach und ziehen sich an. Für Frühstück ist keine Zeit mehr. Der Zug fährt um
6.30 Uhr. Patrick begleitet uns zum Bahnhof. Er wird erst später mit dem Auto
nachkommen und wartet auf die Umzugsmänner, die die Kisten einlagern.
Wir
gehen durch den noch kühlen Sommermorgen. Die Koffer ziehen wir hinter uns her.
Josefine und Carlotta haben Rucksäcke auf. „Guck mal Mama, das ist die
Rosenlaterne und das ist der Zaubergarten“. Wie oft sind die beiden hier lang
geradelt? Sie kennen jeden Stein und jeden Grashalm in unserer Straße. Jakob
weint. Er will auf einmal nicht mehr weg. Will, dass alles wie immer ist. Die
Kinder haben sich verabschiedet von all ihren Freunden, lassen ihre Fahrräder
und ihr Spielzeug zurück. Ich fühle mich leer und erschöpft. Ist es wirklich die
richtige Entscheidung?
Im Zug hört Jakob sofort auf zu weinen, als hätte sich
ein Schalter umgelegt. Jetzt sind wir unterwegs und der kleine Mann findet es
herrlich. Im ICE lade ich die Kinder auf ein Frühstück ein. Wir sitzen im
Bordbistro, essen Croissants und sehen, wie die Landschaft vorbeifliegt. Die
ganze Reise liegt vor uns. Was werden wir für Menschen treffen? Was für Menschen
werden wir sein? Es war immer mein Traum, ein Jahr zu reisen. Jetzt wird der
Traum wahr. Und ich kann es nicht glauben.
Rückblick (Patrick)
Die Idee kam uns bei einem Mittagessen in der Bretagne, nach einer halben
Flasche Wein. Wir saßen in einem versteckten Restaurant in Riec-sur-Bélon am
Fluss L’Aven. Die Karte war handgeschrieben, Madame kochte, Monsieur bediente,
die Kinder aßen vergnügt Schnecken und Muscheln. Die Eltern schmiedeten wilde
Pläne. Wie das eben so ist, wenn man sich mittags eine Flasche Muscadet sur Lie
teilt und im Urlaub ist.
Warum war das Essen hier so viel besser als in
Deutschland und warum waren die Kinder kulinarisch mutiger? Machen die Franzosen
irgendetwas anders als wir? Auch in Südtirol probierte unser Nachwuchs Sachen,
die er zuhause nicht anrührte. Mangold, Spinatknödel, Rote Bete Salat,
stinkenden Hartkäse. Je älter, je besser. Zuhause motzen die drei schon über
jedes Petersilienblatt auf der Nudel. Woher also diese Abenteuerlust? Und warum
schmeckte es auf Reisen immer besser?
„Wir sollten aufbrechen und uns auf die Suche nach dem guten Geschmack
machen. In ganz Europa. Köche treffen, Märkte besuchen, Essen gehen, mit Bauern
sprechen. Am besten ein Jahr”, sagte Anna. Stille. Wir blickten uns an und es
fing an zu kribbeln. Wir beide lieben gutes Essen, haben uns mit den Kindern
schon mal ein Jahr lang regional ernährt, um zu schauen, was vor der Haustür
wächst. Warum sollten wir das nicht ausweiten auf ganz Europa? Uns wie Forscher
an Tische setzen und in Küchen schauen. Essen sagt vieles aus über ein Land.
Essen ist Bildung. Eine verrückte Idee, doch sie ließ sich auch nach unserer
Rückkehr nicht verscheuchen.
Wir lebten mit unseren drei Kindern ein schönes
Leben, hatten eine Doppelhaushälfte in Bernried am Starnberger See gemietet und
einen Garten mit ein paar Hühnern. Die Umgebung mit dem See und den Bergen war
traumhaft. Wir hatten Jobs, die uns Freude machten. Anna arbeitete als
Radioreporterin beim Bayerischen Rundfunk, ich schrieb über Essen und Trinken
für Zeitungen und Magazine. Nach außen betrachtet war alles perfekt. Doch immer
wieder schlichen sich Zweifel ein.
Anfang 2023 gehorchten auf einmal meine Finger nicht mehr. Manchmal zitterten
meine Hände, wenn ich etwas greifen wollte. Der Arzt nannte mir drei
Möglichkeiten: Muskuläre Probleme, etwas Organisches - oder einen Tumor im Kopf.
In Gedanken sah ich schon die Diagnose vor mir, dass ich nur noch wenige Monate
zu leben habe. Nach dem MRT die erlösende Botschaft - ich war gesund. Meine
Blutwerte waren in Ordnung, auch die Physiotherapeutin fand wochenlang nichts,
bis sie eine Spannung im Nacken als Ursache ausmachte. Ausgelöst durch Stress.
Dann bekam Anna plötzlich Sehstörungen und rasende Kopfschmerzen. Und schon
lag sie auch in der Röhre des MRT mit den gleichen Ängsten wie ich sie gehabt
hatte. Doch auch hier Entwarnung. Sie war gesund, die Ursache Stress.
Eines war klar: Irgendetwas lief gewaltig schief. Wir lebten ein Leben, in
dem uns der Stress beide innerhalb weniger Wochen in den MRT schickt. Wie konnte
es soweit kommen? [...]
Sizilien (Anna)
Reisen ist einfach, wenn man die richtigen Leute kennt. Salvatore Romano zum
Beispiel. Er ist unser Mann für alles, was die sizilianische Küche angeht. Wir
lernen ihn im Dorf Graniti kennen, im Alcantara-Tal. Wir sitzen in einem Café
und Salvatore spendiert eine große Runde Dolcii, gefüllt mit Pistaziencrème und
Schokolade und erzählt. Graniti ist berühmt für seine bemalten Hauswände. Auf
die Murales sind überlebensgroße Menschen, Figuren, Szenen zu sehen.
Streetart-Künstler aus der ganzen Welt bewerben sich, um hier im Sommer
Hauswände zu bemalen. Salvatore ist Mitorganisator dieses Festivals.
„Wir sind mit unseren 42 Wänden das Chicago Siziliens.“ Er ist ein
wunderbarer Geschichtenerzähler. Geboren wurde er in Graniti, aufgewachsen ist
er in der Schweiz. Dort hat er lange gelebt, bis er sich entschied, wieder in
seine Heimat zu gehen und die sizilianischen Köstlichkeiten in aller Welt
bekannt zu machen. Unter anderem vertreibt er Meerwasser. Kein Witz.
„Früher haben alle an der Küste mit Meerwasser gekocht. Kinder wurden mit
einem Kochtopf losgeschickt, um das Wasser für die Pasta zu holen.“ Das ist in
Vergessenheit geraten. Dabei enthält Meerwasser neben Wasser und Salz mehr als
50 Mineralien. Das wirkt wie ein natürlicher Geschmacksverstärker. Viele
Sterneköche wissen das und nutzen das Meerwasser, das Salvatore in großen
Kanistern verkauft. Natürlich muss er es in einem komplizierten Prozess
reinigen. Salvatore lässt uns seine in Meerwasser eingelegten Datteltomaten
probieren. Die Aromen explodieren fast auf der Zunge. Die Kinder betteln, um
noch eine zu bekommen.
Dann lädt uns Salvatore zu einer kleinen Genusstour ein. Wir fahren mit ihm
ein paar Dörfer weiter nach Castiglione di Sicilia Italien 103 zu Giuseppe
Camuglia. Er betreibt in vierter Generation die Käserei Alcantaraformaggi und
ist einer der wenigen in ganz Italien, der ausschließlich Rohmilch verarbeitet.
Der Uropa, der Opa, der Papa und jetzt Giuseppe, alle haben sie Formaggi
gemacht. In seinem Laden schneidet Giuseppe für uns einen Käse nach dem anderen
an und lässt uns probieren. Gebackener Ricotta-Käse mit einer gebräunten Kruste,
Ziegenkäse in Bienenwachs und Trinacria, der aus Kuh-, Ziegen und Schafmilch
besteht und eine ähnliche Konsistenz hat wie Parmesan. Salvatore hat Tipps zur
Degustation. „Das Stück unbedingt im Mund noch ein bisschen auflösen. Dann
schmeckst du alles besser.“ Josefine ist begeistert: „Wie Schokolade.“ sagt
sie.
Dann nimmt Giuseppe uns mit in seine Produktionsräume. In großen Kesseln
schwappt die Molke, er taucht die Hände hinein und holt die Käsemasse heraus.
Geschickt drückt und faltet Giuseppe die Masse, bis sie die Form einer Birne
hat. Jetzt sind unsere Kinder an der Reihe. Sie dürfen selber einen
sizilianischen Provola formen. Sie kneten den Käse, das ist gar nicht so leicht.
Fühlt sich aber gut an. „So seidig“, sagt Josefine.
Wir packen den Käse ein
und fahren zu Salvatore nach Hause. Jetzt stellt er sich selbst an den Herd,
zusammen mit der Dorffriseurin Catena, die eine leidenschaftliche Köchin ist.
Geplant ist ein komplett sizilianisches Menü. Patrick verspricht: „Wir essen
alles auf, wir trinken alles aus.“ Da lacht Salvatore: „Das wird schwierig, denn
in Sizilien ist es immer zu viel. Und das hat einen Grund. Wir wollen euch das
Beste geben, das man finden kann.“
Seine Frau Karin zeigt uns die Tafel. Drauf stehen Antipasti. Verschiedene
Käse, dazu selbstgemachte Blutorangenmarmelade und Salami vom sizilianischen
schwarzen Schwein aus dem Nebrodi-Gebirge. Dann gibt es gefüllte Artischocken
mit Molica, einer sizilianischen Variante der Semmelbrösel, dazu ein bisschen
Pecorino und Pfeffer. Ganz einfach und doch so schmackhaft.
„Das Geheimnis der guten Küche Siziliens sind die Zutaten“, sagt Catena. „Vor
allem das Olivenöl.“ Sie trägt eine Pasta mit Schwertfisch auf. „Lecker“, rufen
Josefine und Carlotta. Jakob hat sich verkrümelt. Er ist längst satt und findet
das Spielzeug von Salvatores Enkeln spannender.
Der Hauptgang ist Degenfisch
mit Insalata di arance, Orangensalat. Und es folgen noch drei Desserts.
Ricottacreme, Zuppa di inglesa mit Mandelmilch, Kuchen und Kaffee. Am Schluss
applaudieren wir alle. Salvatore hatte recht: obwohl wir sonst alles aufessen
und austrinken – diesmal haben wir es nicht geschafft.
02.03.2026 - Eine Familie. Ein Jahr. Der Geschmack Europas
Sie kündigen ihr Haus, lassen Schule, Alltag und Sicherheiten hinter sich und brechen mit ihren drei Kindern auf zu einer Reise durch Europas Küchen – auf der Suche nach gutem Geschmack und einem freieren Leben. Was als kulinarisches Abenteuer beginnt, wird schnell zu einer Reise zu sich selbst. Anna und Patrick Hemminger erzählen von langen Autofahrten, fremden Tischen, neuen Freundschaften und Momenten des Zweifelns. Ihre Kinder lernen unterwegs mehr als in jedem Klassenzimmer, während die Eltern sich fragen, was sie wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Dieses Buch verbindet Genuss, Familienleben und die Sehnsucht nach einem anderen Alltag. Warmherzig, klug und voller Beobachtungen zeigt „Travel & Taste”, dass gutes Essen mehr ist als Geschmack – es ist eine Sprache, die Menschen, Kulturen und Generationen verbindet
Deutschland – Bernried am Starnberger See (Anna)
Und dann ist der Moment gekommen. Der 23. August 2024. Um 5.30 Uhr klingelt mein Wecker. Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. Werden wir wirklich an diesem Tag aufbrechen und unser Haus nie wiedersehen? In jedem Zimmer stapeln sich Kartons. Alle Bücher, Spielsachen und Legoteile sind verschwunden. Das Klavier ist abgeholt, den Küchentisch haben wir verschenkt. Ich gehe ein letztes Mal die Treppe hinunter, tappe barfuß in das Zimmer der Kinder.
„Was ist los?” murmelt Josefine. „Schule?” Sie dreht sich um. Auch Carlotta stöhnt. „Nein“, sage ich. „Die Reise geht los.” Sofort sind alle drei Kinder wach und ziehen sich an. Für Frühstück ist keine Zeit mehr. Der Zug fährt um 6.30 Uhr. Patrick begleitet uns zum Bahnhof. Er wird erst später mit dem Auto nachkommen und wartet auf die Umzugsmänner, die die Kisten einlagern.
Wir gehen durch den noch kühlen Sommermorgen. Die Koffer ziehen wir hinter uns her. Josefine und Carlotta haben Rucksäcke auf. „Guck mal Mama, das ist die Rosenlaterne und das ist der Zaubergarten“. Wie oft sind die beiden hier lang geradelt? Sie kennen jeden Stein und jeden Grashalm in unserer Straße. Jakob weint. Er will auf einmal nicht mehr weg. Will, dass alles wie immer ist. Die Kinder haben sich verabschiedet von all ihren Freunden, lassen ihre Fahrräder und ihr Spielzeug zurück. Ich fühle mich leer und erschöpft. Ist es wirklich die richtige Entscheidung?
Im Zug hört Jakob sofort auf zu weinen, als hätte sich ein Schalter umgelegt. Jetzt sind wir unterwegs und der kleine Mann findet es herrlich. Im ICE lade ich die Kinder auf ein Frühstück ein. Wir sitzen im Bordbistro, essen Croissants und sehen, wie die Landschaft vorbeifliegt. Die ganze Reise liegt vor uns. Was werden wir für Menschen treffen? Was für Menschen werden wir sein? Es war immer mein Traum, ein Jahr zu reisen. Jetzt wird der Traum wahr. Und ich kann es nicht glauben.
Rückblick (Patrick)
Die Idee kam uns bei einem Mittagessen in der Bretagne, nach einer halben Flasche Wein. Wir saßen in einem versteckten Restaurant in Riec-sur-Bélon am Fluss L’Aven. Die Karte war handgeschrieben, Madame kochte, Monsieur bediente, die Kinder aßen vergnügt Schnecken und Muscheln. Die Eltern schmiedeten wilde Pläne. Wie das eben so ist, wenn man sich mittags eine Flasche Muscadet sur Lie teilt und im Urlaub ist.
Warum war das Essen hier so viel besser als in Deutschland und warum waren die Kinder kulinarisch mutiger? Machen die Franzosen irgendetwas anders als wir? Auch in Südtirol probierte unser Nachwuchs Sachen, die er zuhause nicht anrührte. Mangold, Spinatknödel, Rote Bete Salat, stinkenden Hartkäse. Je älter, je besser. Zuhause motzen die drei schon über jedes Petersilienblatt auf der Nudel. Woher also diese Abenteuerlust? Und warum schmeckte es auf Reisen immer besser?
„Wir sollten aufbrechen und uns auf die Suche nach dem guten Geschmack machen. In ganz Europa. Köche treffen, Märkte besuchen, Essen gehen, mit Bauern sprechen. Am besten ein Jahr”, sagte Anna. Stille. Wir blickten uns an und es fing an zu kribbeln. Wir beide lieben gutes Essen, haben uns mit den Kindern schon mal ein Jahr lang regional ernährt, um zu schauen, was vor der Haustür wächst. Warum sollten wir das nicht ausweiten auf ganz Europa? Uns wie Forscher an Tische setzen und in Küchen schauen. Essen sagt vieles aus über ein Land. Essen ist Bildung. Eine verrückte Idee, doch sie ließ sich auch nach unserer Rückkehr nicht verscheuchen.
Wir lebten mit unseren drei Kindern ein schönes Leben, hatten eine Doppelhaushälfte in Bernried am Starnberger See gemietet und einen Garten mit ein paar Hühnern. Die Umgebung mit dem See und den Bergen war traumhaft. Wir hatten Jobs, die uns Freude machten. Anna arbeitete als Radioreporterin beim Bayerischen Rundfunk, ich schrieb über Essen und Trinken für Zeitungen und Magazine. Nach außen betrachtet war alles perfekt. Doch immer wieder schlichen sich Zweifel ein.
Anfang 2023 gehorchten auf einmal meine Finger nicht mehr. Manchmal zitterten meine Hände, wenn ich etwas greifen wollte. Der Arzt nannte mir drei Möglichkeiten: Muskuläre Probleme, etwas Organisches - oder einen Tumor im Kopf. In Gedanken sah ich schon die Diagnose vor mir, dass ich nur noch wenige Monate zu leben habe. Nach dem MRT die erlösende Botschaft - ich war gesund. Meine Blutwerte waren in Ordnung, auch die Physiotherapeutin fand wochenlang nichts, bis sie eine Spannung im Nacken als Ursache ausmachte. Ausgelöst durch Stress.
Dann bekam Anna plötzlich Sehstörungen und rasende Kopfschmerzen. Und schon lag sie auch in der Röhre des MRT mit den gleichen Ängsten wie ich sie gehabt hatte. Doch auch hier Entwarnung. Sie war gesund, die Ursache Stress.
Eines war klar: Irgendetwas lief gewaltig schief. Wir lebten ein Leben, in dem uns der Stress beide innerhalb weniger Wochen in den MRT schickt. Wie konnte es soweit kommen? [...]
Sizilien (Anna)
Reisen ist einfach, wenn man die richtigen Leute kennt. Salvatore Romano zum Beispiel. Er ist unser Mann für alles, was die sizilianische Küche angeht. Wir lernen ihn im Dorf Graniti kennen, im Alcantara-Tal. Wir sitzen in einem Café und Salvatore spendiert eine große Runde Dolcii, gefüllt mit Pistaziencrème und Schokolade und erzählt. Graniti ist berühmt für seine bemalten Hauswände. Auf die Murales sind überlebensgroße Menschen, Figuren, Szenen zu sehen. Streetart-Künstler aus der ganzen Welt bewerben sich, um hier im Sommer Hauswände zu bemalen. Salvatore ist Mitorganisator dieses Festivals.
„Wir sind mit unseren 42 Wänden das Chicago Siziliens.“ Er ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Geboren wurde er in Graniti, aufgewachsen ist er in der Schweiz. Dort hat er lange gelebt, bis er sich entschied, wieder in seine Heimat zu gehen und die sizilianischen Köstlichkeiten in aller Welt bekannt zu machen. Unter anderem vertreibt er Meerwasser. Kein Witz.
„Früher haben alle an der Küste mit Meerwasser gekocht. Kinder wurden mit einem Kochtopf losgeschickt, um das Wasser für die Pasta zu holen.“ Das ist in Vergessenheit geraten. Dabei enthält Meerwasser neben Wasser und Salz mehr als 50 Mineralien. Das wirkt wie ein natürlicher Geschmacksverstärker. Viele Sterneköche wissen das und nutzen das Meerwasser, das Salvatore in großen Kanistern verkauft. Natürlich muss er es in einem komplizierten Prozess reinigen. Salvatore lässt uns seine in Meerwasser eingelegten Datteltomaten probieren. Die Aromen explodieren fast auf der Zunge. Die Kinder betteln, um noch eine zu bekommen.
Dann lädt uns Salvatore zu einer kleinen Genusstour ein. Wir fahren mit ihm ein paar Dörfer weiter nach Castiglione di Sicilia Italien 103 zu Giuseppe Camuglia. Er betreibt in vierter Generation die Käserei Alcantaraformaggi und ist einer der wenigen in ganz Italien, der ausschließlich Rohmilch verarbeitet. Der Uropa, der Opa, der Papa und jetzt Giuseppe, alle haben sie Formaggi gemacht. In seinem Laden schneidet Giuseppe für uns einen Käse nach dem anderen an und lässt uns probieren. Gebackener Ricotta-Käse mit einer gebräunten Kruste, Ziegenkäse in Bienenwachs und Trinacria, der aus Kuh-, Ziegen und Schafmilch besteht und eine ähnliche Konsistenz hat wie Parmesan. Salvatore hat Tipps zur Degustation.
„Das Stück unbedingt im Mund noch ein bisschen auflösen. Dann schmeckst du alles besser.“
Josefine ist begeistert: „Wie Schokolade.“ sagt sie.
Dann nimmt Giuseppe uns mit in seine Produktionsräume. In großen Kesseln schwappt die Molke, er taucht die Hände hinein und holt die Käsemasse heraus. Geschickt drückt und faltet Giuseppe die Masse, bis sie die Form einer Birne hat. Jetzt sind unsere Kinder an der Reihe. Sie dürfen selber einen sizilianischen Provola formen. Sie kneten den Käse, das ist gar nicht so leicht. Fühlt sich aber gut an. „So seidig“, sagt Josefine.
Wir packen den Käse ein und fahren zu Salvatore nach Hause. Jetzt stellt er sich selbst an den Herd, zusammen mit der Dorffriseurin Catena, die eine leidenschaftliche Köchin ist. Geplant ist ein komplett sizilianisches Menü. Patrick verspricht: „Wir essen alles auf, wir trinken alles aus.“ Da lacht Salvatore: „Das wird schwierig, denn in Sizilien ist es immer zu viel. Und das hat einen Grund. Wir wollen euch das Beste geben, das man finden kann.“
Seine Frau Karin zeigt uns die Tafel. Drauf stehen Antipasti. Verschiedene Käse, dazu selbstgemachte Blutorangenmarmelade und Salami vom sizilianischen schwarzen Schwein aus dem Nebrodi-Gebirge. Dann gibt es gefüllte Artischocken mit Molica, einer sizilianischen Variante der Semmelbrösel, dazu ein bisschen Pecorino und Pfeffer. Ganz einfach und doch so schmackhaft.
„Das Geheimnis der guten Küche Siziliens sind die Zutaten“, sagt Catena. „Vor allem das Olivenöl.“ Sie trägt eine Pasta mit Schwertfisch auf. „Lecker“, rufen Josefine und Carlotta. Jakob hat sich verkrümelt. Er ist längst satt und findet das Spielzeug von Salvatores Enkeln spannender.
Der Hauptgang ist Degenfisch mit Insalata di arance, Orangensalat. Und es folgen noch drei Desserts. Ricottacreme, Zuppa di inglesa mit Mandelmilch, Kuchen und Kaffee. Am Schluss applaudieren wir alle. Salvatore hatte recht: obwohl wir sonst alles aufessen und austrinken – diesmal haben wir es nicht geschafft.
Mehr Content von Anna HemmingerAutoren von "Eine Familie. Ein Jahr. Der Geschmack Europas"
Bücher von Anna Hemminger