Zwei führende Köpfe des zeitgenössischen Denkens diskutieren die
zentralen Fragen der Menschheit und Alternativen für die Zukunft: José Pepe
Mujica, ehemaliger Präsident Uruguays, der durch seine sozialpolitischen
Maßnahmen internationale Popularität erlangt hat, und Noam Chomsky, einer der
führenden US-amerikanischen Intellektuellen. Der mexikanische Filmemacher Saúl
Alvídrez hat die beiden für einen Film zusammengebracht, nun erscheint das Buch
dazu auf Deutsch unter dem Titel „Chomsky & Mujica. Überleben im 21.
Jahrhundert“. Ein fruchtbarer Gedankenaustausch über die Folgen des
Klimawandels, die Übel der Politik, Korruption, Populismus, die Krise des
Kapitalismus und vieles mehr. Angesichts des drohenden zivilisatorischen
Zusammenbruchs verweisen Chomsky und Mujica auf die Werte, die einen
nachhaltigen Wandel herbeiführen können: Demokratie, Freiheit und ein Leben mit
Sinn, Liebe und Freundschaft als Pfeiler einer neuen Zukunft.
Die
Generationen Y und Z, also wir Millennials und Zoomer, die als Söhne und Töchter
des Neoliberalismus zwischen 1981 und 2012 geboren sind, entscheiden über die
Entwicklung der nächsten Jahrzehnte, die die komplexesten und gefährlichsten in
der gesamten Geschichte der Menschheit sind. Die selbstzerstörerische
Zivilisation, die wir geerbt haben, ist aus ökologischer, wirtschaftlicher,
politischer und sozialer Sicht unhaltbar; ihr unmittelbarer Zusammenbruch wird
durch die Perspektive einer Atom-, Umwelt- oder Technologiekatastrophe – oder
einer Kombination aller drei – noch beschleunigt. Das neue an dieser Krise ist,
dass jede dieser Katastrophen die Wahrscheinlichkeit, das 21. Jahrhundert zu
überleben, bereits früh auf null reduzieren würde. Die Wissenschaftler sind sich
einig, dass sich das alles vor dem Jahr 2050 ereignen wird. Nie zuvor lastete
eine derartige Verantwortung und Herausforderung auf zwei Generationen. Auch
wenn der vorhergehende Absatz übertrieben wirken mag oder den Anschein erweckt,
dass wir uns als Opfer darstellen, entspricht er einfach der Realität, mit der
wir konfrontiert sind. Es stimmt, dass die Gefahr eines Atomkriegs mit dem
Potenzial, das Leben auf dem Planeten auszulöschen, seit 1945 stetig gewachsen
ist; doch nie zuvor standen wir so kurz davor wie heute, nicht einmal während
der Kubakrise 1963. Und das ist nur eine der tödlichen Bedrohungen, die wir
bewältigen müssen. Vor diesem Hintergrund ist es offensichtlich und
unbestreitbar, dass die politischen und wirtschaftlichen Anführer dieser Welt
den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen sind. Eine winzige
Elite führt uns geradewegs in die Selbstzerstörung und löst nebenbei auch noch
ein massives Aussterben anderer Arten aus, das es in diesem Ausmaß noch nie
gegeben hat. Ganz zu schweigen von dem unbegreiflichen Grad an Ungleichheit, den
wir diesen Führungspersönlichkeiten verdanken. Wenn wir unsere Zivilisation
als einen Organismus verstehen, der sich zum Guten oder zum Schlechten ständig
weiterentwickelt, könnte man sagen, dass sie sich gerade mitten in der Pubertät
befindet. In anderen Worten, sie hat mit einem Schlag bedeutend höhere
technische und intellektuelle Fähigkeiten erworben, die sie nun nicht
kontrollieren kann. Somit wird sie sich selbst zur Gefahr, wenn sie nicht
schnellstmöglich Reife erlangt. Die Menschheit ist nun also mächtig und
unverantwortlich, wahnsinnig und instabil und muss in den nächsten Jahrzehnten
erwachsen werden. Andernfalls wird unsere Art sich entweder selbst zerstören
oder, mit etwas Glück, in die Steinzeit zurückkehren und von vorne anfangen.
Das, und nicht weniger, ist die historische Mission der Generationen Y und Z:
Sie müssen eine mündige Zivilisation errichten, die fähig ist, die Unreife
rechtzeitig hinter sich zu lassen und das programmierte Schicksal der Menschheit
abzuwenden. Erwachsen ist, wer die Verantwortung für sein Leben über-nimmt,
wer Entscheidungen trifft und die Konsequenzen mit Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit akzeptiert. Doch obwohl es in unseren Gesellschaften viele
volljährige Personen gibt, mangelt es uns an mündigen Bürgern, denn die Struktur
verhindert, dass wir uns zu solchen entwickeln. Dieses soziale Schema zu ändern
ist jedoch unmöglich, solange wir nicht begreifen, dass die Entscheidung, wer
für uns entscheidet, im Grunde keine wahre Entscheidung ist. Wahlen, bei denen
alle vier oder sechs Jahre bestimmt wird, wer alles Weitere festlegt, ist keine
Demokratie. Dieses riesige Problem ist also an erster Stelle politisch, ein
Konflikt darüber, wer innerhalb der Gruppe was entscheidet. Im 21. Jahrhundert
kann die Lösung jedoch nicht mehr darin bestehen, die vorhandene Elite durch
eine andere zu ersetzen. Dieses Paradigma hat mit Beginn des Anthropozän, was
aus zivilisatorischer Sicht so etwas wie die Volljährigkeit ist, seine
Gültigkeit verloren. Wir müssen begreifen und geltend machen, dass das Problem
nicht länger unsere politische Klasse ist, sondern dass die Politik eine Klasse
ist. Das neue Modell muss sein, dass wir uns selbst regieren und unser Schicksal
nicht einem anderen überlassen. Mit diesem »anderen« meine ich erneut jene
winzige Elite von Anführern und Milliardären, die problemlos alle in einen
Kinosaal passen würden und dennoch das Schicksal von acht Milliarden Menschen in
der Hand halten. Doch auf die Frage, wie genau wir uns selbst verwalten
könnten, hat niemand eine klare Antwort. Wir wissen nur, dass es viele
Experimente und Fehler geben muss und dieser Prozess verschiedene Phasen
durchlaufen wird. In diesem frühen Erwachsenenalter, das möglicherweise
Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern könnte, darf der Staat also nicht von einem
Tag auf den anderen beseitigt werden. Das ist weder möglich noch wünschenswert,
denn wer würde so schnell die staatlichen Funktionen übernehmen? Andererseits
bedeutet Selbstorganisation auch nicht, dass die Hierarchien, die bestimmen, wer
Befehle gibt und wer sie ausführt, an sich unrechtmäßig sind, insbesondere in
einer komplexen und hochspezialisierten Gesellschaft wie der unseren. Doch diese
Hierarchien sollten nur dann existieren, wenn sie einer effektiven
demokratischen Kontrolle unterliegen. In Bezug auf eine Regierung bedeutet das,
dass der Wille des Volkes die öffentliche Politik festlegt und diese von den
Regierenden dann umgesetzt wird. Selbst wenn wir in 200 Jahren repräsentativer
Demokratie gelernt haben, dass das die Ausnahme von der Regel ist. Unsere
Vertreter schenken dem Willen und den Bedürfnissen der Vertretenen kein Gehör
und berücksichtigen vorrangig ihre eigenen Interessen. Deshalb ist es der Kampf
dieses Jahrhunderts, uns mittels direkter Beteiligung kollektiv selbst zu
verwalten, anstatt uns massenhaft einigen wenigen Personen unterzuordnen, die
mit dem Argument, wir seien dazu nicht in der Lage, alle Entscheidungen für uns
treffen.
16.03.2025 - Überleben im 21. Jahrhundert
Zwei führende Köpfe des zeitgenössischen Denkens diskutieren die zentralen Fragen der Menschheit und Alternativen für die Zukunft: José Pepe Mujica, ehemaliger Präsident Uruguays, der durch seine sozialpolitischen Maßnahmen internationale Popularität erlangt hat, und Noam Chomsky, einer der führenden US-amerikanischen Intellektuellen. Der mexikanische Filmemacher Saúl Alvídrez hat die beiden für einen Film zusammengebracht, nun erscheint das Buch dazu auf Deutsch unter dem Titel „Chomsky & Mujica. Überleben im 21. Jahrhundert“. Ein fruchtbarer Gedankenaustausch über die Folgen des Klimawandels, die Übel der Politik, Korruption, Populismus, die Krise des Kapitalismus und vieles mehr. Angesichts des drohenden zivilisatorischen Zusammenbruchs verweisen Chomsky und Mujica auf die Werte, die einen nachhaltigen Wandel herbeiführen können: Demokratie, Freiheit und ein Leben mit Sinn, Liebe und Freundschaft als Pfeiler einer neuen Zukunft.
Die Generationen Y und Z, also wir Millennials und Zoomer, die als Söhne und Töchter des Neoliberalismus zwischen 1981 und 2012 geboren sind, entscheiden über die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte, die die komplexesten und gefährlichsten in der gesamten Geschichte der Menschheit sind. Die selbstzerstörerische Zivilisation, die wir geerbt haben, ist aus ökologischer, wirtschaftlicher, politischer und sozialer Sicht unhaltbar; ihr unmittelbarer Zusammenbruch wird durch die Perspektive einer Atom-, Umwelt- oder Technologiekatastrophe – oder einer Kombination aller drei – noch beschleunigt. Das neue an dieser Krise ist, dass jede dieser Katastrophen die Wahrscheinlichkeit, das 21. Jahrhundert zu überleben, bereits früh auf null reduzieren würde. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass sich das alles vor dem Jahr 2050 ereignen wird. Nie zuvor lastete eine derartige Verantwortung und Herausforderung auf zwei Generationen.
Auch wenn der vorhergehende Absatz übertrieben wirken mag oder den Anschein erweckt, dass wir uns als Opfer darstellen, entspricht er einfach der Realität, mit der wir konfrontiert sind. Es stimmt, dass die Gefahr eines Atomkriegs mit dem Potenzial, das Leben auf dem Planeten auszulöschen, seit 1945 stetig gewachsen ist; doch nie zuvor standen wir so kurz davor wie heute, nicht einmal während der Kubakrise 1963. Und das ist nur eine der tödlichen Bedrohungen, die wir bewältigen müssen.
Vor diesem Hintergrund ist es offensichtlich und unbestreitbar, dass die politischen und wirtschaftlichen Anführer dieser Welt den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen sind. Eine winzige Elite führt uns geradewegs in die Selbstzerstörung und löst nebenbei auch noch ein massives Aussterben anderer Arten aus, das es in diesem Ausmaß noch nie gegeben hat. Ganz zu schweigen von dem unbegreiflichen Grad an Ungleichheit, den wir diesen Führungspersönlichkeiten verdanken.
Wenn wir unsere Zivilisation als einen Organismus verstehen, der sich zum Guten oder zum Schlechten ständig weiterentwickelt, könnte man sagen, dass sie sich gerade mitten in der Pubertät befindet. In anderen Worten, sie hat mit einem Schlag bedeutend höhere technische und intellektuelle Fähigkeiten erworben, die sie nun nicht kontrollieren kann. Somit wird sie sich selbst zur Gefahr, wenn sie nicht schnellstmöglich Reife erlangt.
Die Menschheit ist nun also mächtig und unverantwortlich, wahnsinnig und instabil und muss in den nächsten Jahrzehnten erwachsen werden. Andernfalls wird unsere Art sich entweder selbst zerstören oder, mit etwas Glück, in die Steinzeit zurückkehren und von vorne anfangen. Das, und nicht weniger, ist die historische Mission der Generationen Y und Z: Sie müssen eine mündige Zivilisation errichten, die fähig ist, die Unreife rechtzeitig hinter sich zu lassen und das programmierte Schicksal der Menschheit abzuwenden.
Erwachsen ist, wer die Verantwortung für sein Leben über-nimmt, wer Entscheidungen trifft und die Konsequenzen mit Unabhängigkeit und Selbstständigkeit akzeptiert. Doch obwohl es in unseren Gesellschaften viele volljährige Personen gibt, mangelt es uns an mündigen Bürgern, denn die Struktur verhindert, dass wir uns zu solchen entwickeln. Dieses soziale Schema zu ändern ist jedoch unmöglich, solange wir nicht begreifen, dass die Entscheidung, wer für uns entscheidet, im Grunde keine wahre Entscheidung ist. Wahlen, bei denen alle vier oder sechs Jahre bestimmt wird, wer alles Weitere festlegt, ist keine Demokratie. Dieses riesige Problem ist also an erster Stelle politisch, ein Konflikt darüber, wer innerhalb der Gruppe was entscheidet. Im 21. Jahrhundert kann die Lösung jedoch nicht mehr darin bestehen, die vorhandene Elite durch eine andere zu ersetzen. Dieses Paradigma hat mit Beginn des Anthropozän, was aus zivilisatorischer Sicht so etwas wie die Volljährigkeit ist, seine Gültigkeit verloren. Wir müssen begreifen und geltend machen, dass das Problem nicht länger unsere politische Klasse ist, sondern dass die Politik eine Klasse ist. Das neue Modell muss sein, dass wir uns selbst regieren und unser Schicksal nicht einem anderen überlassen. Mit diesem »anderen« meine ich erneut jene winzige Elite von Anführern und Milliardären, die problemlos alle in einen Kinosaal passen würden und dennoch das Schicksal von acht Milliarden Menschen in der Hand halten.
Doch auf die Frage, wie genau wir uns selbst verwalten könnten, hat niemand eine klare Antwort. Wir wissen nur, dass es viele Experimente und Fehler geben muss und dieser Prozess verschiedene Phasen durchlaufen wird. In diesem frühen Erwachsenenalter, das möglicherweise Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern könnte, darf der Staat also nicht von einem Tag auf den anderen beseitigt werden. Das ist weder möglich noch wünschenswert, denn wer würde so schnell die staatlichen Funktionen übernehmen? Andererseits bedeutet Selbstorganisation auch nicht, dass die Hierarchien, die bestimmen, wer Befehle gibt und wer sie ausführt, an sich unrechtmäßig sind, insbesondere in einer komplexen und hochspezialisierten Gesellschaft wie der unseren. Doch diese Hierarchien sollten nur dann existieren, wenn sie einer effektiven demokratischen Kontrolle unterliegen. In Bezug auf eine Regierung bedeutet das, dass der Wille des Volkes die öffentliche Politik festlegt und diese von den Regierenden dann umgesetzt wird. Selbst wenn wir in 200 Jahren repräsentativer Demokratie gelernt haben, dass das die Ausnahme von der Regel ist. Unsere Vertreter schenken dem Willen und den Bedürfnissen der Vertretenen kein Gehör und berücksichtigen vorrangig ihre eigenen Interessen. Deshalb ist es der Kampf dieses Jahrhunderts, uns mittels direkter Beteiligung kollektiv selbst zu verwalten, anstatt uns massenhaft einigen wenigen Personen unterzuordnen, die mit dem Argument, wir seien dazu nicht in der Lage, alle Entscheidungen für uns treffen.
Autoren von "Überleben im 21. Jahrhundert"
Bücher von Saúl Alvídrez