Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „blubber“ hören? Und wie würden Sie
die Farben der untergehenden Sonne am Himmel beschreiben? Wir neigen zu der
Annahme, dass alle Sprachen auf der Welt Ideen und Objekte auf die für uns
natürliche Weise beschreiben. Beim genauen Hinsehen erkennen wir jedoch, dass
das nicht immer der Fall ist und dass die Sprecher verschiedener Sprachen die
Welt buchstäblich anders sehen. Denn jeder Sprachraum hat eine einzigartige
Vorstellung von Zeit, Raum, Farbe und sogar Geruch. Auf einer spannenden Reise
rund um den Globus erklärt der Kognitionswissenschaftler Caleb Everett in seinem
Buch „1000 Sprachen, 1000 Welten“, was uns die sprachliche Vielfalt über die
menschliche Kultur verrät und wie sie unser Verständnis vom Menschsein
bereichert. Das Buch wurde vom New Statesman als eines der besten akademischen
Bücher des Jahres 2023 gekürt. Ein Auszug.
Es ist zwar noch unklar, inwieweit die Unterscheidung der Zeitformen die
tatsächliche Zeitwahrnehmung der Menschen widerspiegelt oder beeinflusst; klar
ist aber, dass Sprecher verschiedener Sprachen auf unterschiedliche Weise über
Zeit denken. Auch wenn alle Menschen die Zeit im Großen und Ganzen ähnlich
erleben, verwenden verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedliche kognitive
Strategien, um das Verstreichen der Zeit zu begreifen, und diese Strategien
können sprachlich kodifiziert werden und sich dadurch auf spätere
Sprachenlernende auswirken. So kodiert beispielsweise selbst der Ausdruck
»passing of time« [Vergehen der Zeit] – ein spezifisch englischer Ausdruck, der
in vielen, aber sicher nicht allen Sprachen analog verwendet wird – eine
bestimmte räumliche Denkweise über Zeit. Das »Vergehen der Zeit« stellt die Zeit
so dar, als ob sie sich durch uns bewegt oder wir uns durch sie bewegen, obwohl
keine dieser Möglichkeiten in einem realen, physischen Sinn zutrifft. Weder
bewegen wir uns durch die Zeit, noch bewegt sie sich durch uns. Unsere
Strategie, die Zeit durch bewegungs- und raumbezogene Ausdrücke wie »das
Vergehen der Zeit« darzustellen, ist im Kern metaphorisch. Die entsprechende
Metapher ist alles andere als eine Sprachuniversalie. In der Sprache Karitiâna
zum Beispiel gibt es keine Möglichkeit, sich auf das »Vergehen« der Zeit zu
beziehen. Führen unterschiedliche Metaphern für Zeit dazu, dass Menschen Zeit
auf verschiedene Weise unterscheiden, auch wenn sie solche Metaphern nicht in
Worte fassen? Diese Frage ist umstritten, aber die beste Antwort scheint ein
einfaches Ja zu sein. Die schwierigere Frage ist, ob die sprachlich und
metaphorisch motivierten Unterschiede, wie Menschen in verschiedenen Kulturen
die Zeit begrifflich fassen, im täglichen Leben überhaupt eine Rolle spielen. In
diesem Abschnitt möchte ich Ihnen einen Eindruck von den konzeptionellen
Unterschieden vermitteln, die sich aus sprachlichen Unterschieden in der
Zeitmetaphorik ergeben. Vor allem aber möchte ich die einfache und weniger
strittige Tatsache hervorheben, dass Entdeckungen, die an Orten wie Amazonien,
Neuguinea und in den Anden gemacht wurden, die zeitgenössischen Debatten der
Kognitionswissenschaftler über die menschliche Konstruktion von Zeit
entscheidend verändert haben. Bevor wir uns jedoch mit den relevanten
sprachübergreifenden Daten befassen, möchte ich Sie zu einem einfachen
Experiment einladen. Sie benötigen dazu drei kleine Gegenstände, vielleicht drei
Stifte (Sie können aber auch mit imaginären Gegenständen Ihrer Wahl mitmachen).
Legen Sie einen der Stifte auf eine ebene Fläche vor sich, vielleicht auf einen
Schreibtisch. Sagen wir, dieser Stift steht für die Zeitangabe tagsüber, da dies
ein Konzept ist, mit dem alle menschlichen Kulturen vertraut sind. Nehmen Sie
nun einen anderen Stift, der für den Sonnenuntergang steht. Legen Sie diesen
»Sonnenuntergangs«-Stift auf dieselbe Fläche wie den Tagsüber-Stift, sodass er
sich an einer Stelle befindet, die »später« erscheint als der Tagsüber-Stift.
Der dritte Stift schließlich steht für »nachts«. Legen Sie auch diesen Stift auf
die Fläche, sodass Sie nun alle drei Stifte, die »tagsüber«, »Sonnenuntergang«
und »nachts« repräsentieren, in einer logischen Reihenfolge von »frühestens« bis
»spätestens« angeordnet haben. Es gibt hier keine richtige Reihenfolge, aber es
kann eine Reihenfolge geben, die sich für Sie natürlicher anfühlt. Wenn Sie wie
die meisten Englisch oder Deutsch sprechenden Menschen sind, wird die natürliche
Reihenfolge so aussehen, dass der Tagsüber-Stift links vom Sonnenuntergang-Stift
liegt, während der Nachts-Stift rechts vom Sonnenuntergang-Stift liegt. Diese
Anordnung stellt die Zeit so dar, als ob sie sich von links nach rechts bewegt.
Für diese räumliche Projektion des zeitlichen Verlaufs gibt es eine klare
kulturelle und sprachliche Motivation: die Leserichtung der Englisch- und
Deutschsprechenden. Wenn Sie diese Wörter lesen, befinden sich zukünftige
Lesemomente zu jedem Zeitpunkt rechts von Ihrem Fixierungspunkt, während sich
vergangene Lesemomente links davon befinden. Die Leserichtung ist einer der
vielen sprachassoziierten Faktoren, die sich darauf auswirken, wie wir uns das
Verstreichen der Zeit vorstellen. Leser von Sprachen, die von links nach rechts
geschrieben werden, neigen dazu, die Anordnung von Stiften und anderen Objekten
von links nach rechts zu verwenden, um Momente in der Zeit darzustellen. Ganz
allgemein ordnen sie die Zeit so an, als ob die Zeit sich in grundlegenden
symbolischen Darstellungen des zeitlichen Ablaufs von links nach rechts bewegt,
zum Beispiel in Kalendern und Zeitleisten. Leser von Sprachen wie Arabisch und
Hebräisch, die von rechts nach links geschrieben werden, bevorzugen bei diesen
Aufgaben die umgekehrte Reihenfolge. Die Arbeit einer Linguistin an einer
australischen Sprache hat eine andere Art der Zeitunterscheidung ans Licht
gebracht, die nicht wie die Modelle der Zeitbewegung von links nach rechts oder
von rechts nach links auf den Körper einer Person ausgerichtet ist. Diese
letztgenannten Modelle werden als »egozentrische« Model-le bezeichnet, weil sie
sich auf die Person konzentrieren, die die räumliche Orientierung der »Bewegung«
der Zeit interpretiert. Aber Modelle des zeitlichen Verlaufs müssen nicht
unbedingt egozentrisch sein; sie können auch geozentrisch sein und sich auf ein
Merkmal der natürlichen Umgebung stützen. Alice Gaby, eine australische
Linguistin, hat eine geozentrische Art der Zeitbeschreibung dokumentiert, die
bei Sprechern von Kuuk Thaayorre zu finden ist, einer indigenen Sprache, die auf
der Kap-York-Halbinsel im Norden Australiens gesprochen wird. Zusammen mit ihrer
Kollegin Lera Boroditsky, einer Kognitionspsychologin, deren Forschung neue Wege
zur Untersuchung des Einflusses der Sprache auf das Denken eröffnet hat, hat
Gabys Arbeit über Kuuk Thaayorre dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf eine
alternative Denkweise über das Vergehen der Zeit zu lenken: Wie in vielen
Sprachen der Welt fehlen auch in Kuuk Thaayorre einige Wörter oder Ausdrücke für
Zeitabschnitte, die vielen von uns selbstverständlich erscheinen, wie »Wochen«,
»Stunden« und »Minuten«. Tatsächlich beziehen sich die meisten Sprachen nicht
auf solche Konzepte, da es sich dabei um recht junge Innovationen handelt, die
von bestimmten Zahlensystemen abhängig sind, und sie sind aus einer engen
Abfolge sprachlicher und kultureller Konventionen entstanden und haben sich erst
im letzten Jahrhundert in vielen Sprachen verbreitet. Trotz des Fehlens solcher
Begriffe gibt es in Kuuk Thaayorre Wörter für zeitliche Einheiten, die mit
natürlichen Phänomenen zusammenhängen und nicht kulturell bedingt sind. Dazu
gehören Wörter für jahreszeitliche und tageszeitliche Zyklen sowie Wörter für
einige andere grundlegende Zeitbegriffe wie »heute« und »morgen«, »bald« und
»vor langer Zeit«. Noch verblüffender ist, dass die Sprecher der Sprache die
Zeit auch durch Ausdrücke beschreiben, die sich auf die Bewegung der Sonne
beziehen. Laut Gaby können sie raak pung putpun sagen, oder »die Zeit, wenn die
Sonne oben steht«, um sich auf den späten Morgen und den Mittag zu beziehen.
Oder sie bezeichnen den Sonnenuntergang als pung kaalkurrc, »die Zeit, in der
die Sonne kalt ist«. Wie in einigen anderen Sprachen, darunter einer aus
Amazonien, auf die weiter unten eingegangen wird, beziehen sich die Zeitangaben
auf die »Bewegung« der Sonne entlang ihres Laufs durch den Tag. Dieser zeitliche
Bezug ist zwar nicht so regelmäßig oder quantifizierbar wie unsere Stunden und
Minuten, aber er hat eine ähnliche Funktion. In Sprachen wie Kuuk Thaayorre
ist vielleicht das Interessanteste, dass die Art und Weise, wie die Sprecher
über Zeit denken, mit der Art und Weise zusammenhängt, wie sie über den Raum
sprechen, der sich um sie herum erstreckt. Die Sprecher dieser Sprache beziehen
sich häufig auf Himmelsrichtungen, die mit der Bewegung der Sonne
zusammenhängen. So wird beispielsweise -kaw verwendet, um die Richtung nach
Osten zu bezeichnen, während -kuw die Richtung nach Westen benennt. Dieses
System gilt auch für die Beschreibung der Anordnung von Objekten in kleinem
Maßstab. Während man sich darauf beziehen könnte, dass ein Objekt beispielsweise
»links« von einem anderen liegt, würde ein Kuuk-Thaayorre-Sprecher sagen, dass
der Gegenstand »westlich« von einem anderen liegt, da Kuuk Thaayorre keine
egozentrischen Begriffe für »links« und »rechts« verwendet, wie es
beispielsweise im Englischen der Fall ist. Solche egozentrischen Begriffe sind
in den Sprachen der Welt nicht so verbreitet, wie viele Menschen annehmen.
Stattdessen sind die Himmelsrichtungen und die Bewegung der Sonne entscheidend
dafür, wie die Sprecher von Kuuk Thaayorre die Lage von Objekten beschreiben,
und die Bewegung der Sonne ist auch relevant für die Beschreibung der Zeit. Man
könnte sagen, dass diese Sprache von ihren Sprechern verlangt, geozentrisch oder
sogar heliozentrisch orientiert zu sein.
09.03.2025 - Wo ist die Zeit?
Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „blubber“ hören? Und wie würden Sie die Farben der untergehenden Sonne am Himmel beschreiben? Wir neigen zu der Annahme, dass alle Sprachen auf der Welt Ideen und Objekte auf die für uns natürliche Weise beschreiben. Beim genauen Hinsehen erkennen wir jedoch, dass das nicht immer der Fall ist und dass die Sprecher verschiedener Sprachen die Welt buchstäblich anders sehen. Denn jeder Sprachraum hat eine einzigartige Vorstellung von Zeit, Raum, Farbe und sogar Geruch. Auf einer spannenden Reise rund um den Globus erklärt der Kognitionswissenschaftler Caleb Everett in seinem Buch „1000 Sprachen, 1000 Welten“, was uns die sprachliche Vielfalt über die menschliche Kultur verrät und wie sie unser Verständnis vom Menschsein bereichert. Das Buch wurde vom New Statesman als eines der besten akademischen Bücher des Jahres 2023 gekürt. Ein Auszug.
Es ist zwar noch unklar, inwieweit die Unterscheidung der Zeitformen die tatsächliche Zeitwahrnehmung der Menschen widerspiegelt oder beeinflusst; klar ist aber, dass Sprecher verschiedener Sprachen auf unterschiedliche Weise über Zeit denken. Auch wenn alle Menschen die Zeit im Großen und Ganzen ähnlich erleben, verwenden verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedliche kognitive Strategien, um das Verstreichen der Zeit zu begreifen, und diese Strategien können sprachlich kodifiziert werden und sich dadurch auf spätere Sprachenlernende auswirken. So kodiert beispielsweise selbst der Ausdruck »passing of time« [Vergehen der Zeit] – ein spezifisch englischer Ausdruck, der in vielen, aber sicher nicht allen Sprachen analog verwendet wird – eine bestimmte räumliche Denkweise über Zeit. Das »Vergehen der Zeit« stellt die Zeit so dar, als ob sie sich durch uns bewegt oder wir uns durch sie bewegen, obwohl keine dieser Möglichkeiten in einem realen, physischen Sinn zutrifft. Weder bewegen wir uns durch die Zeit, noch bewegt sie sich durch uns. Unsere Strategie, die Zeit durch bewegungs- und raumbezogene Ausdrücke wie »das Vergehen der Zeit« darzustellen, ist im Kern metaphorisch. Die entsprechende Metapher ist alles andere als eine Sprachuniversalie. In der Sprache Karitiâna zum Beispiel gibt es keine Möglichkeit, sich auf das »Vergehen« der Zeit zu beziehen.
Führen unterschiedliche Metaphern für Zeit dazu, dass Menschen Zeit auf verschiedene Weise unterscheiden, auch wenn sie solche Metaphern nicht in Worte fassen? Diese Frage ist umstritten, aber die beste Antwort scheint ein einfaches Ja zu sein. Die schwierigere Frage ist, ob die sprachlich und metaphorisch motivierten Unterschiede, wie Menschen in verschiedenen Kulturen die Zeit begrifflich fassen, im täglichen Leben überhaupt eine Rolle spielen. In diesem Abschnitt möchte ich Ihnen einen Eindruck von den konzeptionellen Unterschieden vermitteln, die sich aus sprachlichen Unterschieden in der Zeitmetaphorik ergeben. Vor allem aber möchte ich die einfache und weniger strittige Tatsache hervorheben, dass Entdeckungen, die an Orten wie Amazonien, Neuguinea und in den Anden gemacht wurden, die zeitgenössischen Debatten der Kognitionswissenschaftler über die menschliche Konstruktion von Zeit entscheidend verändert haben.
Bevor wir uns jedoch mit den relevanten sprachübergreifenden Daten befassen, möchte ich Sie zu einem einfachen Experiment einladen. Sie benötigen dazu drei kleine Gegenstände, vielleicht drei Stifte (Sie können aber auch mit imaginären Gegenständen Ihrer Wahl mitmachen). Legen Sie einen der Stifte auf eine ebene Fläche vor sich, vielleicht auf einen Schreibtisch. Sagen wir, dieser Stift steht für die Zeitangabe tagsüber, da dies ein Konzept ist, mit dem alle menschlichen Kulturen vertraut sind. Nehmen Sie nun einen anderen Stift, der für den Sonnenuntergang steht. Legen Sie diesen »Sonnenuntergangs«-Stift auf dieselbe Fläche wie den Tagsüber-Stift, sodass er sich an einer Stelle befindet, die »später« erscheint als der Tagsüber-Stift. Der dritte Stift schließlich steht für »nachts«. Legen Sie auch diesen Stift auf die Fläche, sodass Sie nun alle drei Stifte, die »tagsüber«, »Sonnenuntergang« und »nachts« repräsentieren, in einer logischen Reihenfolge von »frühestens« bis »spätestens« angeordnet haben. Es gibt hier keine richtige Reihenfolge, aber es kann eine Reihenfolge geben, die sich für Sie natürlicher anfühlt. Wenn Sie wie die meisten Englisch oder Deutsch sprechenden Menschen sind, wird die natürliche Reihenfolge so aussehen, dass der Tagsüber-Stift links vom Sonnenuntergang-Stift liegt, während der Nachts-Stift rechts vom Sonnenuntergang-Stift liegt. Diese Anordnung stellt die Zeit so dar, als ob sie sich von links nach rechts bewegt. Für diese räumliche Projektion des zeitlichen Verlaufs gibt es eine klare kulturelle und sprachliche Motivation: die Leserichtung der Englisch- und Deutschsprechenden. Wenn Sie diese Wörter lesen, befinden sich zukünftige Lesemomente zu jedem Zeitpunkt rechts von Ihrem Fixierungspunkt, während sich vergangene Lesemomente links davon befinden. Die Leserichtung ist einer der vielen sprachassoziierten Faktoren, die sich darauf auswirken, wie wir uns das Verstreichen der Zeit vorstellen. Leser von Sprachen, die von links nach rechts geschrieben werden, neigen dazu, die Anordnung von Stiften und anderen Objekten von links nach rechts zu verwenden, um Momente in der Zeit darzustellen. Ganz allgemein ordnen sie die Zeit so an, als ob die Zeit sich in grundlegenden symbolischen Darstellungen des zeitlichen Ablaufs von links nach rechts bewegt, zum Beispiel in Kalendern und Zeitleisten. Leser von Sprachen wie Arabisch und Hebräisch, die von rechts nach links geschrieben werden, bevorzugen bei diesen Aufgaben die umgekehrte Reihenfolge.
Die Arbeit einer Linguistin an einer australischen Sprache hat eine andere Art der Zeitunterscheidung ans Licht gebracht, die nicht wie die Modelle der Zeitbewegung von links nach rechts oder von rechts nach links auf den Körper einer Person ausgerichtet ist. Diese letztgenannten Modelle werden als »egozentrische« Model-le bezeichnet, weil sie sich auf die Person konzentrieren, die die räumliche Orientierung der »Bewegung« der Zeit interpretiert. Aber Modelle des zeitlichen Verlaufs müssen nicht unbedingt egozentrisch sein; sie können auch geozentrisch sein und sich auf ein Merkmal der natürlichen Umgebung stützen. Alice Gaby, eine australische Linguistin, hat eine geozentrische Art der Zeitbeschreibung dokumentiert, die bei Sprechern von Kuuk Thaayorre zu finden ist, einer indigenen Sprache, die auf der Kap-York-Halbinsel im Norden Australiens gesprochen wird. Zusammen mit ihrer Kollegin Lera Boroditsky, einer Kognitionspsychologin, deren Forschung neue Wege zur Untersuchung des Einflusses der Sprache auf das Denken eröffnet hat, hat Gabys Arbeit über Kuuk Thaayorre dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf eine alternative Denkweise über das Vergehen der Zeit zu lenken: Wie in vielen Sprachen der Welt fehlen auch in Kuuk Thaayorre einige Wörter oder Ausdrücke für Zeitabschnitte, die vielen von uns selbstverständlich erscheinen, wie »Wochen«, »Stunden« und »Minuten«. Tatsächlich beziehen sich die meisten Sprachen nicht auf solche Konzepte, da es sich dabei um recht junge Innovationen handelt, die von bestimmten Zahlensystemen abhängig sind, und sie sind aus einer engen Abfolge sprachlicher und kultureller Konventionen entstanden und haben sich erst im letzten Jahrhundert in vielen Sprachen verbreitet. Trotz des Fehlens solcher Begriffe gibt es in Kuuk Thaayorre Wörter für zeitliche Einheiten, die mit natürlichen Phänomenen zusammenhängen und nicht kulturell bedingt sind. Dazu gehören Wörter für jahreszeitliche und tageszeitliche Zyklen sowie Wörter für einige andere grundlegende Zeitbegriffe wie »heute« und »morgen«, »bald« und »vor langer Zeit«. Noch verblüffender ist, dass die Sprecher der Sprache die Zeit auch durch Ausdrücke beschreiben, die sich auf die Bewegung der Sonne beziehen. Laut Gaby können sie raak pung putpun sagen, oder »die Zeit, wenn die Sonne oben steht«, um sich auf den späten Morgen und den Mittag zu beziehen. Oder sie bezeichnen den Sonnenuntergang als pung kaalkurrc, »die Zeit, in der die Sonne kalt ist«. Wie in einigen anderen Sprachen, darunter einer aus Amazonien, auf die weiter unten eingegangen wird, beziehen sich die Zeitangaben auf die »Bewegung« der Sonne entlang ihres Laufs durch den Tag. Dieser zeitliche Bezug ist zwar nicht so regelmäßig oder quantifizierbar wie unsere Stunden und Minuten, aber er hat eine ähnliche Funktion.
In Sprachen wie Kuuk Thaayorre ist vielleicht das Interessanteste, dass die Art und Weise, wie die Sprecher über Zeit denken, mit der Art und Weise zusammenhängt, wie sie über den Raum sprechen, der sich um sie herum erstreckt. Die Sprecher dieser Sprache beziehen sich häufig auf Himmelsrichtungen, die mit der Bewegung der Sonne zusammenhängen. So wird beispielsweise -kaw verwendet, um die Richtung nach Osten zu bezeichnen, während -kuw die Richtung nach Westen benennt. Dieses System gilt auch für die Beschreibung der Anordnung von Objekten in kleinem Maßstab. Während man sich darauf beziehen könnte, dass ein Objekt beispielsweise »links« von einem anderen liegt, würde ein Kuuk-Thaayorre-Sprecher sagen, dass der Gegenstand »westlich« von einem anderen liegt, da Kuuk Thaayorre keine egozentrischen Begriffe für »links« und »rechts« verwendet, wie es beispielsweise im Englischen der Fall ist. Solche egozentrischen Begriffe sind in den Sprachen der Welt nicht so verbreitet, wie viele Menschen annehmen. Stattdessen sind die Himmelsrichtungen und die Bewegung der Sonne entscheidend dafür, wie die Sprecher von Kuuk Thaayorre die Lage von Objekten beschreiben, und die Bewegung der Sonne ist auch relevant für die Beschreibung der Zeit. Man könnte sagen, dass diese Sprache von ihren Sprechern verlangt, geozentrisch oder sogar heliozentrisch orientiert zu sein.
Autoren von "Wo ist die Zeit?"
Bücher von Caleb Everett