Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen
Armin Reller, Heike Holdinghausen
1 Stoffe erzählen Geschichten Wer existiert, konsumiert. Jedes Lebewesen macht sich in komplexen Wechsel- und Austauschbeziehungen seinen Lebensraum zunutze. Neben Sauerstoff, Wasser, Licht und Wärme brauchen Menschen auch Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Die Werbebotschaften für die verschiedenen Alltagsgüter leuchten in jedem Winkel der Erde. Konsum ist der Motor der Weltwirtschaft. Rund um die Uhr, zu Land, zu Wasser und in der Luft werden Waren auf der Erde bewegt und gehandelt, gekauft, verspekuliert, gehortet, gestohlen, verschenkt, verhökert oder weggeworfen. Was wissen wir über die Zusammenhänge zwischen all den Geldtransaktionen und den Stoff- und Güterströmen? Müssen wir uns um die komplizierten Hintergründe dieses Warenstroms kümmern? Wir wollen kaufen, was wir brauchen, was uns Spaß macht und wir uns leisten können. Wir müssen es sogar! Die »Konsumlaune der Deutschen« wird von Steuerschätzern, Wirtschaftspolitikern und Firmenchefs misstrauisch beäugt, ist sie doch ein Antrieb für das Wirtschaftswachstum, auf dem unser gesamtes Gesellschaftsmodell beruht. Sozial- und Altersversicherung, Steuer- und Finanzsystem, sie alle sind auf stetiges Wachstum angewiesen. Geht man von neuesten Berechnungen aus, leben und konsumieren wir so, als stünden uns zumindest 1,4 Planeten zur Verfügung. Die Weltbevölkerung verbraucht also in einem Jahr so viele Ressourcen, wie unser Planet sie allenfalls in 1,4 Jahren zur Verfügung stellen könnte. Wie kann das immer weiter funktionieren, auf wessen Kosten und um welchen Preis?
Das »Habenwollen« begann in grauer Vorzeit. Schon im Neolithikum, in der Steinzeit, haben sich unter den wenigen Menschen, die damals die Erde besiedelten – Höhlenbewohner, Jäger und Sammler – wohl erste Ansprüche unterschiedlichster Art ausgebildet: Ein schönes Bärenfell, die leuchtende Schminke aus den an der Flussbiegung freigeschwemmten gelben, braunen und roten Sedimenten oder eine aus einem wohlgeformten Flintstein gearbeitete Speerspitze könnten Objekte der Begierde gewesen sein. Vorerst handelte es sich um regionale, natürliche Produkte. Doch einerlei ob Pfl anzen, Holz, Jagdbeute oder Baustoffe konsumiert wurden, schon bald ging es nicht mehr nur um den Ge- und Verbrauch, sondern um den Besitz der guten Dinge. Die Urmenschen der Gattung Homo sapiens sahen sich schon früh durch Lebensumstände und Naturkräfte gezwungen, durch Neugier und Hoffnung mobilisiert, ihre Welt als Nomaden zu erforschen. Auf ihren Erkundungszügen trafen sie auf neue Landstriche, fremde Pfl anzen und Tiere sowie Stoffe mit unbekannten Eigenschaften. Sie erlernten, sie zu nutzen oder zu meiden. Sie erweiterten ihr Wissen und ihre Besitztümer. Das fortschreitende Verständnis um das Vorkommen und die Beschaffenheit, die Verarbeitung und Verwendung von Rohstoffen war dabei die Grundvoraussetzung für kulturelles Leben sowie für die Herausbildung größerer und komplexerer gesellschaftlicher Strukturen. Das spezifi sche Wissen über den Umgang mit den natürlichen Gegebenheiten, dem Klima, den nutzbaren Pfl anzen und verfügbaren Bodenschätzen wurde stetig erweitert und in den sozialen Strukturen der ersten Hochkulturen konserviert. In kleinen Mengen gefundenes Gold, Silber oder Kupfer wurde zu Werkzeugen, Schmuck, Waffen oder Devotionalien verarbeitet. Das Tonbrennen wurde erfunden, Rezepturen und Verfahren für die Herstellung von Nahrungsmitteln und Kleidung entwickelt und weitergegeben.
Es dauerte nicht lange, bis diese urtümlichen Produktionsgüter über die regionalen Kulturgrenzen hinweg in friedlicher oder kriegerischer Weise ausgetauscht wurden: Der Tauschhandel erblühte. Geld kam als abstraktes Zahlungsmittel erst zirka 2 600 Jahre vor unserer Zeit ins Spiel; bei den Phöniziern als Silberbarren, in den ost- und südasiatischen Kulturen als Kaurischnecken, bei den Ägyptern als Ringgeld aus Metall. Während aber die Güter und Naturalien in der Regel ihre Herkunft oder ihre Entstehungsweise durch spezifi sche Merkmale und Eigenschaften aufzeigten und so zumindest einen Teil ihrer Entstehungsgeschichte offenbarten, verwischte das Zahlungsinstrument Geld diese Kontexte. Der Preis richtete sich nach der Verfügbarkeit, der mehr oder weniger aufwändigen Herstellung und Beschaffung, sicher auch schon nach der Begehrlichkeit seitens des Händlers oder Käufers. Die Möglichkeit, mit symbolischen Werten nützliche Alltagsgüter erstehen zu können, veränderte das ehemals auf Naturalientausch beruhende System grundlegend: Wirtschaftsinstrumente und -institutionen wurden erfunden und etablierten sich in vielfältigen Formen.
Schon im dritten Jahrtausend vor Christi beruhte die Wirtschaft der Sumerer im Zweistromland im heutigen Irak und in anderen Frühkulturregionen einerseits auf einer ausgeklügelten Nahrungsmittelversorgung auf der Basis der Dreifelderwirtschaft, andererseits auf handwerklichen Fertigkeiten, insbesondere auf der Kenntnis der Herstellung von Werkzeugen und Waffen aus Kupfer. Kupfer wurde durch Erhitzen von Kupfererz mit Holzkohle gewonnen. Da diese Rohstoffe nicht überall vorkamen, mussten sie schon sehr früh mühselig über teils große Strecken transportiert werden. Sie wurden je nach Sichtweise exportiert oder importiert: Das Kupfererz stammte aus Minen im Sinai – später bekannt geworden als »Salomos Minen « – und in Afghanistan. Das Holz wurde im Quellgebiet von Euphrat und Tigris gefällt und nach Ur gefl ößt. Zum Abrechnen wurden die herbeigeschafften Baumstämme gezählt. Als Gedächtnisstütze wurden bald abstrakte Zeichen erfunden, die in Ton- und Wachstäfelchen in Form kleiner Reliefl andschaften eingekerbt als Vertrag und als Abrechnung zu Bedeutung kamen. Später hat sich daraus die Keilschrift entwickelt, als Handelsschrift.
Um den Wert eines Baumstamms beurteilen zu können, mussten die sumerischen Handwerker herausfi nden, wie groß unter optimalen Bedingungen die Kohleportion ist, die aus einer gegebenen Holzportion produziert werden kann. Genauso wichtig war es zu wissen, in welchem Verhältnis die Kupfererz und Kohleportionen stehen müssen, um eine maximale Ausbeute an Kupfer zu erzielen. Zur Bewertung der Rohstoffe sowie der erzeugten Materialien waren also die Relationen zwischen Holz und Kohle sowie zwischen Kohle, Kupfererz und Kupfer entscheidend. Auch das Verhältnis des Wertes von Brot zu Kupfer spielte dabei eine Rolle, um die eingesetzte Arbeitskraft abgelten zu können. Die Stoffäquivalente ließen sich durch Wägung bestimmen, doch um deren maximal nutzbare Werte zu erreichen, war auch handwerklicher, oder wie wir heute sagen würden, chemischer Sachverstand und Ingenieurwissen erforderlich.
Es war also sehr mühsam, eine Streitaxt oder eine Pfl ugschar mit Naturalien zu bewerten und zu bezahlen. So wurde der Handel – insbesondere über die Kulturgrenzen hinaus – durch die Einführung von Geld auf der Basis bestimmter Stoffportionen der allgemein geschätzten Edelmetalle Gold oder Silber, später auch Kupfer oder Bronze, enorm erleichtert. Gold eignete sich besonders gut als Zahlungsmittel. Es wurde in elementarer, metallischer Form in der Natur gefunden, war aber damals schon selten. Wenn es nicht mit anderen Metallen legiert wurde, war es »unveränderbar« und überstand auch Feuer. Noch heute wird Gold als verlässliches, sicheres Zahlungs- und Währungsmittel gehortet und gehandelt, das eine Mal virtuell an den Rohstoffmärkten der Börsen, das andere Mal physisch.
Heute verstellt uns das Zahlungsinstrument Geld den Blick auf die Entstehungsgeschichte eines Konsumguts. Nur der Preis, das Erscheinungsbild und die Funktion eines Produkts interessieren. Der Wert einer Banane schließt die Mühen des Erntearbeiters, des Plantagenbetreibers, der Kassiererin im Supermarkt ein. Widerspiegelt ihr Preis das? Zahle ich als Konsument die Hektoliter Wasser, die zur Bewässerung der Plantage eingesetzt wurden, die Gifte gegen Insekten und Unkräuter sowie den Dünger, die den Boden belasten und später das Grundwasser? Oder den Dieseltreibstoff für den Transport und die Kühlung, das für die Verpackung in Form von Kunststoff verbrauchte Erdöl, das im Karton steckende Holz? All diese Materialien begleiteten den Weg der Banane aus der guatemaltekischen Plantage in den aus bengalischem Bast kunstvoll gefertigten Früchtekorb einer ganz normalen Vierzimmerwohnung in Stuttgart. Die Banane entpuppt sich als facettenreiches Produkt eines hoch organisierten Wirtschafts- und Handelssystems, zu einem Preis von 99 Cent pro Kilo. Zweifelsohne könnte diese Bananengeschichte mehr erzählen, als uns Konsumenten lieb ist: Sie entblößt uns als gedankenlose Genießer. Wir sind in der bequemen Situation, uns diese Gedankenlosigkeit leisten zu können. Wie Produkte hergestellt, gehandelt und genutzt werden, welche Geschichten sie mit und in sich tragen, können wir vermeintlich ungestraft ausblenden. Allerdings kann das nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung, denn die Güterströme fl ießen nur in die Richtung der Konsumzentren, dorthin, wo das Geld ist.
Doch bleiben wir in der Stuttgarter Wohnung. Dort hat sich ein Paar eingerichtet, Mitte 40. Am Abend erwarten die beiden Gäste. Der Wein ist schon geöffnet, im Ofen schmurgelt ein Braten. Gegessen wird in der Küche, gerade wird der Tisch gedeckt. Tischdecke, Besteck, Kerzen. Die beiden freuen sich auf einen Abend mit gutem Essen und interessanten Gesprächen. Es wird viel erzählt werden in dieser Küche – und auch die Küche selbst hat viel zu erzählen. Denn der Blick auf die Entstehungsgeschichte eines Gutes eröffnet neue Perspektiven: Seine Produktion kann unter sehr unterschiedlichen Arbeitsbedingungen erfolgen, mit angepassten oder untauglichen Techniken, mit geringem oder exorbitant hohem Energieverbrauch, durch die angemessene Nutzung von Rohstoffen oder durch unverantwortlichen Raubbau. Dieses Spektrum von Geschichten gerät immer mehr in Vergessenheit; und damit die Entstehungs- und vor allem die Wirkungsgeschichte der Dinge aus dem Blick.
Welches sind die lebenswichtigen, essentiellen Konsumgüter, deren Geschichte wir kennen und ernst nehmen sollten? Die Geschichten des Schweinebratens im Ofen und die des Tisches? Was kann uns das Handy in der Hosentasche des Gastgebers erzählen, was sein Hemd und was seine Frisur? Wir tun gut daran, diese Geschichten zu kennen. Denn nur dann können wir bewusst und verantwortlich mit all den Konsumgütern umgehen, die uns umgeben – und unseren Lebensstil prägen. Und teilhaben an den im eigentlichen Sinne des Wortes weltbewegenden Stoff- und Produktgeschichten. Nicht um Verzichten und Entsagen geht es dabei. Konsum an sich ist nicht schlecht, wenn er von Maß und Respekt gegenüber den Dingen bestimmt ist.


























































































