Cogito ergo bum und 49 weitere Beweise für die Unausweichlichkeit des Scheiterns

Mathias Bröckers

Vorwort

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als unsere Zwillinge laufen lernten. Hannah hatte es ein bisschen vor ihrem Bruder raus, ein Ziel ins Auge zu fassen und auf zwei Beinen draufloszuwackeln. Sie stolperte oft und fiel auf den Teppich, aber lernte schnell, wieder aufzustehen und den Weg fortzusetzen. Bei Boris klappte das noch nicht so, aber um den Geschwindigkeitsgewinn seiner Schwester wettzumachen, entwickelte er neue, schnellere Techniken, um auf allen Vieren voran zu kommen. Keines der Kinder hat sein Versagen – das Stolpern und die Stürze oder die Langsamkeit des Krabbelns – als Scheitern empfunden, es war einfach eine natürliche Entwicklung, dass man beim Laufen öfter mal hinfiel oder dass plötzlich jemand schneller unterwegs war und man sich beim Krabbeln etwas einfallen lassen musste. Wenn Kinder Angst vor dem Scheitern hätten, würden sie nie laufen lernen, nur ihrer Furchtlosigkeit, dem Gefühl, dass Hinfallen genauso normal ist wie Aufstehen, verdanken sie den aufrechten Gang.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist Scheitern nicht nur selbstverständlich, sondern absolut unverzichtbar für jede Entwicklung, denn ohne die Erfahrung des Misslingens kann sich Erfolg gar nicht einstellen, nur aus Fehlern lernen wir. Umso erstaunlicher mutet es dann an, wenn Soziologen wie Richard Sennett das Scheitern als »ein großes Tabu der Moderne « bezeichnen. Wie kommt es, dass ein Verhalten, das für jedes Lernen, für jede Weiterentwicklung unverzichtbar ist, zum Tabu erklärt werden kann? Die Soziologie erklärt das mit dem dröhnenden Heilsversprechen der Konsumgesellschaft, die allen Tüchtigen Wachstum, Wohlstand und Glück zu garantieren vorgibt und die Schattenseiten dieses Ideals systematisch ignoriert und ausblendet. Im Blick auf die Selbstverständlichkeit des Scheiterns für lernende Kinder könnte man die Tabuisierung des Versagens auch als Kennzeichen einer Gesellschaft sehen, die glaubt, sie hätte schon alles gelernt und könne auf die Erfahrung des Scheiterns gut und gerne verzichten. Dass es sich freilich bei der Spezies, die sich Homo sapiens nennt und für die Krone der Schöpfung hält, um eine domestizierte Primatenart handelt, die sich häufig abgrundtief dumm gebärdet – diesen Beweis werden wir in diesem Buch mit zahlreichen Beispielen antreten. Diese deuten alle darauf hin, dass das Scheitern in das Betriebssystem »Leben« gewissermaßen eingebaut ist und Murphys Gesetz, dem zufolge alles schiefgeht, was schiefgehen kann, keine Scherzformel von Technikern ist, sondern eine Art universelles und unabänderliches Naturgesetz.

Ein weiterer Grund für die Tabuisierung des Scheiterns könnte im Religiösen liegen. Von Martin Luthers »Du bist schon gerettet, wenn du nur daran glaubst« über die von dem Philosophen und Psychologen William James beschriebenen »Mind-Cure«-Religionen des 19. Jahrhunderts bis zu den TV-Evangelisten, Motivationstrainern und »Tschakatschaka«-Hypnotiseuren unserer Tage ist die Ideologie des positiven Denkens, der Glaube, dass Glauben Berge versetzt, ungebrochen. Da die Rede von der Unausweichlichkeit des Scheiterns diese Selbsthypnotiseure aus ihrer Trance aufwecken könnte, gilt sie in ihren Kreisen als reine Ketzerei. Denn brauchen wir nicht alle ein bisschen Optimismus? Natürlich brauchen wir den, und wir haben ihn von Geburt an, als Lebensenergie, die uns beim Laufenlernen nach dem Hinfallen, Stolpern, Stürzen wieder aufstehen lässt. Denn wenn wir nicht aufhören würden mit dem Stürzen und das Scheitern unter allen Umständen vermeiden wollten, entwickelten wir uns nicht weiter – wir blieben stehen. Nur das Scheitern zwingt uns, das Leben neu zu erfinden, Neues anzufangen, Aufbrüche zu wagen; seine Unausweichlichkeit auszublenden, bedeutet Stagnation und Stillstand. Lernende können nicht scheitern, sondern nur Erfahrungen machen, aus denen sie weiter lernen. Erst die »Ausgelernten«, die meinen, sie wüssten schon alles und müssten nichts mehr dazulernen, entwickeln Angst vor dem Scheitern. Sie geraten ins Nachdenken darüber, wie sie es vermeiden können, und scheitern dann eben daran.

Diesem Paradox – kaum grübelt man, schon knallt’s – verdankt dieses Buch seinen Titel: Cogito ergo bum. Ich habe mich auch selbst an diese Warnung gehalten und mich nicht hingesetzt und groß über ein Buch über das Scheitern nachgegrübelt, dessen Spektrum von den Schwarzen Löchern des Weltalls über die globale Schuldenkrise bis zu Begebenheiten vor meiner Berliner Haustür reichen sollte. Doch über all diese Spuren des Scheiterns und Facetten des Misslingens hatte ich in den letzten Jahren schon so oft geschrieben – für die taz, das Internetmagazin Telepolis, die Berliner Zeitung und andere –, dass sich die umfangreiche Themenliste dieses Buchs wie von selbst ergab. Sie reicht sogar noch weiter als das, was auf den folgenden Seiten abgehandelt wird. Wenn der erste Band also nicht scheitert, könnte zu gegebener Zeit ein zweiter mit dem Titel Cogito ergo bum bum folgen.

Ich widme dieses Buch meinen beiden Kindern, die gerade mit Bravour ihr Studium abgeschlossen haben. Dass ihnen das scheinbar genauso leicht und selbstverständlich gelang wie vor 24 Jahren das Laufenlernen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie sich ihre Furchtlosigkeit vor dem Scheitern bewahrt haben. Dass sie auch künftig Defizite, Rückschläge und Niederlagen nicht als persönliches Versagen, sondern als Lernerfahrung begreifen, wünsche ich nicht nur ihnen, sondern allen Leserinnen und Lesern dieses Buchs.

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Cogito ergo bum und 49 weitere Beweise für die Unausweichlichkeit des Scheiterns

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vergriffen

1. Auflage
Erscheint am
01 April 2007

192 Seiten
13,5 x 21 cm

ISBN
978-3-938060-17-9

EUR 17.90 [D]
EUR 18.40 [A]
SFR 33.00 [CH]

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